Nr. 9, 28. März 2008

Glossen von Arthur Häny
Die Sonne ist eine Herrlichkeit

«Wie gross die Sonne schon wieder aufsteigt!» sagt Robert an einem strahlenden Februarmorgen zu Marianne. Sie haben eben ihr Frühstück beendet und sitzen noch am Tisch. „Erst schlich sie dort schüchtern dem Waldrand entlang, nun steht sie schon auf dem Nachbarhaus und guckt uns zum Fenster herein!»

«Die Sonne ist – eine Herrlichkeit!» meint Marianne in ihrer spontanen Art. «Einst haben sie die alten Völker für einen Gott gehalten, das kann ich lebhaft nachempfinden. Sie ist zwar nicht Gott, aber göttlich ist sie im höchsten Mass. Jetzt dreht sie da oben ihre himmlischen Runden, steigt höher von Tag zu Tag und strahlt uns an. Schon blüht das erste Büschelchen Krokus am Abhang unter unserem Balkon, schon läuten die Schneeglöcklein da oben in den Schrebergärten, und die ersten goldenen Blüten des Scharbockskrauts, die ich gestern an einem Wiesenrain entdeckte, die strahlen ja selber wie Sonnen!»

«Ja», sagt er, «es ist alles wieder im Kommen! Die Sonne ist wirklich herrlich – aber auch die Erde ist ein wundervoller Stern, so tief verborgen unter den anderen Sternen! Als ich letzthin nicht schlafen konnte, ging ich mitten in der Nacht auf den Balkon hinaus und betrachtete das unergründliche Weltall. Unter all den Glitzerlichtern entdeckte ich eines, das mir durch sein unruhiges Leuchten auffiel. Als es sich bewegte, merkte ich, es war nur ein Flugzeug. Da wollen einige wieder hoch hinaus! dachte ich. Und es kamen mir die Astronauten in den Sinn, die noch höher oben ihr Glück versuchen... Zuerst hatten sie’s auf den Mond abgesehen, sagte ich mir, dann auf den Mars, und weiss Gott, wohin sie jetzt noch wollen! Sind die Menschen eigentlich grössenwahnsinnig geworden?»

«Das waren sie schon immer», sagt sie, «denk nur an den Turm zu Babel! Und nun hantieren und hangeln sie da droben in ihren Raumstationen herum. Aber was es hier auf Erden Schönes zu sehen gäbe, das sehen sie nicht. Ich habe gestern die ersten Spinnenfäden auf dem Balkon entdeckt, erstaunlich früh; aber dieser Februar ist ja auch sonnig wie selten einer. Und um die Blüten des Winterjasmins flimmerte schon ein winziges Flügeltierchen. Das freute sich auch an der Sonne!»

«Ja dein Winterjasmin, der überblüht jetzt das ganze Geländer!» meint er. «Die Natur ist voller Wunder, aber wie viele gehen achtlos daran vorbei! Oder schlimmer noch, sie wollen, im Namen der Wissenschaft, all die schönen, lebendigen Dinge beherrschen. Sie analysieren und sezieren sie zu Tode. Ich ziehe es vor, sie so zu belassen, wie sie sind. Ich freue mich einfach an einer Rose. Es interessiert mich nicht, wie ihre Blütenblätter unter dem Mikroskop aussehen könnten.»

«Und ich», sagt sie, «ich rede sogar mit meinen Blumen! Gestern habe ich mit einer Orchidee ein wenig schimpfen müssen, weil sie mir schon so lange nur Blätter treibt und nicht blühen will! Aber meistens lobe ich meine Zöglinge, denn Liebe brauchen sie genauso wie Wasser und Dünger.»

«Darüber werden freilich unsere Wissenschaftler lachen, dass du mit ihnen redest! – Aber sieh, die Sonne ist inzwischen noch höher gestiegen! Blendet sie dich? Soll ich den Rollladen etwas herunterlassen?»

«O nein, sie will uns nur grüssen… Weisst du, es gab eine Zeit, da glaubte man, in den Quellen wohnten Nymphen, und auch in den Wäldern und Schluchten wimmle es von Geistern. Ich will diese Zeiten nicht verherrlichen; die Menschen lebten damals zwar nahe an der Natur, aber auch in der Angst. Sogar die Sonne konnte sich ihnen widerlich und grausam zeigen. ‹Ich rieche, rieche Menschenfleisch›… sagt sie nicht so in einem Märchen? Da spielen noch uralte Erinnerungen mit! Die Vernunft hat inzwischen doch grosse Fortschritte gemacht.»

«Man könnte manchmal daran zweifeln», erwidert er. «Die Ängste haben sich einfach verlagert und die Gefährdungen auch. Einst fürchtete man sich vor den Dämonen, jetzt vor den Terroristen… Einst führte man Krieg mit Schwert und Lanze, dann mit Gewehren und Kanonen, und neuerdings bedrohen sie einander mit der Atombombe … Von einem angstlosen, friedlichen Leben, von jenem ‹Ende der Geschichte›, das ein japanischer Gelehrter prophezeite – davon sind wir noch meilenweit entfernt. Die Kriege und Katastrophen gehen weiter, und auch jetzt noch verbringen unzählige Menschen ihr Leben in Angst. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir kaum mehr bemerken, wie schlimm dieser Zustand ist.»

«Du hast recht», sagt sie. «Auch wenn man sich jeden Abend die Nachrichten am Fernsehen ansieht, wird man skeptisch. Gestern brachten sie übrigens, wie die Astronauten an einem Raumschiff angedockt haben, erinnerst du dich? Diese Weltraumfahrer werden jetzt geradezu als Helden gefeiert…»

«Auf ihre Art sind sie es wohl auch», erwidert er. «Aber trotzdem, das alles kommt mir fast vor wie ein schlechter Scherz. Das unendliche Geld, das die Raumfahrt verschlingt! Was hilft es schon, zu erkunden, ob es je Wasser gegeben hat auf dem Mars, wenn gleichzeitig auf Erden die Wüsten wachsen und Tausende von Menschen verdursten? Und übrigens kommen unsere Astronauten ja gar nicht weit. Der Mars und die Venus, die wohnen, mit Weltraum-Massstäben gemessen, nur gleich nebenan… Wo bleibt da der Sirius, der Grosse Bär und die Kassiopeia? Wo bleiben die tausend fernen Milchstrassen, die wir von Auge gar nicht erkennen können?»

«Wir Kleinen spielen halt gerne die Grossen», meint sie.

«Aber wir wollen doch den riesigen technischen Fortschritt unserer Zeit nicht verkennen», sagt Robert, «er ist und bleibt eine gewaltige Leistung. Auch wir zwei hätten ja Mühe, noch so zu leben, wie unsere Vorfahren einst lebten: ohne Bahn und Bus, ohne Telefon, Fernseher, Computer… Und ohne Kaffeemaschine beim Frühstück, nicht wahr, Marianne!? Nur bedrückt es mich, dass die Menschen sich mehr und mehr der Natur entfremden. Am meisten erschreckt mich der Mangel an Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung – der entsetzliche Wahn, alles sei machbar.»

«Die Sonne, die ist es sicher nicht!» lacht sie.

Inzwischen erfüllt ihr Glanz das ganze Zimmer.

«Die Sonne hat dich vergoldet!» sagt er. «Ich sehe, eure Liebe ist gegenseitig.»