Nr. 9, 13. April 2006

Polizeimeldungen - und was daraus gemacht wird
Woher kommen die sechs Einbrecher?


Die "Schweizerzeit" dokumentiert anhand einer Polizeimeldung, wie der "Tages-Anzeiger" Informationen zu ausländischen mutmasslichen Kriminellen unterdrückt.

Die Stadtpolizei Zürich informierte die Medien am Montag, 3. April 2006 um 10.30 Uhr mittels Communiqué unter dem Titel "6-köpfige Einbrecherbande überführt" über einen Einbruch wörtlich wie folgt:

Die Stadtpolizei Zürich hat sechs Straftäter gefasst und den Männern insgesamt 20 Delikte nachgewiesen. Die Bande erbeutete Deliktsgut im Wert von rund 400 000 Franken und verursachte Sachschaden von über 12 000 Franken.

Das Ermittlungsverfahren wurde durch eine Verhaftung ausgelöst. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 2006 nahm die Stadtpolizei Zürich im Kreis 10 einen Mann fest, nachdem dieser in ein CD-Geschäft eingebrochen war. Ein Anwohner beobachtete den Einbruch und informierte die Polizei. Die ausgerückten Beamten verhafteten den Eindringling noch im Gebäude. Im Laufe der umfangreichen Ermittlungen gegen den Einbrecher stellte sich heraus, dass der 21-jährige Ukrainer in Kooperation mit mehreren Komplizen zahlreiche weitere Delikte begangen hatte. In diesem Zusammenhang wurden anfangs Jahr fünf weitere Personen festgenommen. Die Männer aus Serbien-Montenegro, Bosnien-Herzegowina und der Dominikanischen Republik im Alter zwischen 19 und 23 Jahren begingen in wechselnden Besetzungen mindestens 20 Straftaten. Sie verübten zwischen Mai 2005 und Januar 2006 vor allem Einbruchdiebstähle in Geschäfte und Wohnungen in Zürich-Wipkingen, aber auch Diebstähle und Fahrzeugeinbrüche. Zudem entwendeten sie zwei Autos und einer der Täter beraubte einen Passanten. Als Deliktsgut erbeuteten sie Gemälde, Schmuck, elektronische Geräte, Waffen und andere wertvolle Gegenstände. Insgesamt beträgt der Wert der entwendeten Sachen rund 400 000 Franken. Bei den Einbrüchen richteten sie zudem Sachschaden von über 12 000 Franken an. Ein grösserer Teil des Deliktsgutes konnte bei Hausdurchsuchungen sichergestellt und an die Geschädigten zurückgegeben werden. Die weitgehend geständigen Angeschuldigten sind alle in der Region Zürich wohnhaft. Das Untersuchungsverfahren wird nun durch die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat geführt. (Version Stadtpolizei Zürich, ungekürzt).


Die Zeitungsversion

Der Zürcher "Tages-Anzeiger" informierte seine Leser auf der Homepage unter demselben Titel "6-köpfige Einbrecherbande überführt" am 3. April 2006 um 11.14 Uhr wie folgt:

Der Stadtpolizei Zürich ist eine sechsköpfige Einbrecherbande ins Netz gegangen. Die Diebe erbeuteten bei insgesamt zwanzig nachgewiesenen Einbrüchen Waren im Wert von rund 400 000 Franken.

Der Bande auf die Spur kam die Polizei, nachdem sie im Januar einen Einbrecher auf frischer Tat in einem CD-Geschäft verhaften konnte und dieser bei den anschliessenden Verhören die Beamten auf seine diebischen Kollegen aufmerksam machte.

So stellte sich heraus, dass der Gefasste in Kooperation mit mehreren Komplizen in der Vergangenheit weitere Delikte begangen hat. Die Bande verübte zwischen Mai 2005 und Januar 2006 zahlreiche Einbruchdiebstähle in Geschäfte und Wohnungen in Zürich-Wipkingen, raubte Passanten aus und klaute Autos. Insgesamt verübten die sechs Männer im Alter zwischen 19 und 23 Jahren in wechselnden Besetzungen mindestens zwanzig Straftaten.

Als Deliktsgut erbeuteten sie Gemälde, Schmuck, elektronische Geräte, Waffen und andere wertvolle Gegenstände im Wert von rund 400 000 Franken. Bei den Einbrüchen richteten sie zudem Sachschäden von über 12 000 Franken an.

Ein grosser Teil des Deliktsgutes konnte bei Hausdurchsuchungen sichergestellt und an die Bestohlenen zurückgegeben werden. Die weitgehend geständigen Angeschuldigten sind alle in der Region Zürich wohnhaft. Das Untersuchungsverfahren wird durch die Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat geführt. (Version Hompage "Tages-Anzeiger", ungekürzt).


Lückenhafte Meldung

Liebe Leserin, lieber Leser, merken Sie etwas? Während die Polizeimeldung ungefiltert berichtet, was geschehen ist, liefert der "Tages-Anzeiger" eine mit wichtigen Lücken versehene Meldung. Haben Sie die Unterschiede bemerkt? Die Polizei berichtet vom Haupttäter aus der Ukraine, von Komplizen aus Serbien-Montenegro, Bosnien-Herzegowina und der Dominikanischen Republik. Im "Tages-Anzeiger" wird die Herkunftsnotiz klar identifizierter Täter konsequent reduziert auf "eine Bande", auf "Diebe", auf "Einbrecher", auf "sechs Männer". Nichts von Nationalitäten. Mit andern Worten: Nichts an der "Tages-Anzeiger"-Meldung ist falsch. Sie ist nur lückenhaft, tendenziös lückenhaft allerdings. Tendenziös bis in die Nähe der Komplizenschaft. Der "Tages-Anzeiger" bleibt nicht "dran", wie er seinen Lesern in der Werbung immer weismachen will ("Wir bleiben dran"). Solche bedenklichen Manipulationen sind in der Schweizer Presslandschaft inzwischen an der Tagesordnung. Selbstverständlich nur, wenn es sich um ausländische Täter handelt. Hätte die Diebsbande aus Schweizer Mitgliedern bestanden - die naiven Leser des "Tages-Anzeigers" hätten es wohl schon im Titel des Artikels erfahren.

Übrigens: In der gedrückten Version vom 4. April 2006 verkürzte der "Tages-Anzeiger" die Polizeimeldung weiter. Unter dem Titel "Grosse Beute gemacht" wird lediglich berichtet:

Die Stadtpolizei hat eine sechsköpfige Einbrecherbande verhaftet. Sie konnte den Tätern 20 Einbruchdiebstähle in Geschäften und Wohnungen in Wipkingen nachweisen. Die sechs Männer im Alter von 19 bis 23 Jahren erbeuteten Gemälde, Waffen, Schmuck und Elektronik im Wert von rund 400 000 Franken. (Version Druckausgabe "Tages-Anzeiger", ungekürzt).

Ein weiterer Kommentar erübrigt sich.

Reinhard Wegelin