Spalte rechts

Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 22. April 2005

Ein Porträt Brüssel-devoter Parlamentarier
Die Nichts-Wisser

Vor dem deutschen Verfassungsgericht in Karlsruhe wird derzeit der EU-Haftbefehl verhandelt. Ein brisantes Verfahren, auch für die Schweiz - obwohl von Schweizer Medien völlig totgeschwiegen. Der EU-Haftbefehl zwingt ein Land zur Auslieferung eigener Staatsbürger an fremde Gerichte - selbst für Straftaten, die im eigenen Land nicht einmal strafbar sind. Ein deutscher Staatsbürger wehrt sich nun dagegen, dass er mit einem solchen EU-Haftbefehl nach Spanien ausgeliefert werden soll.
Solche Auslieferung widerspreche der deutschen Verfassung. Die deutsche Regierung argumentiert, dass EU-Recht deutschem Recht übergeordnet sei.

Jetzt muss das Verfassungsgericht die Rechtmässigkeit solcher Auslieferung überprüfen.Zunächst erklärte sich das deutsche Verfassungsgericht öffentlich als «schockiert»: Weil es gewahr wurde, wie sträflich oberflächlich das deutsche Parlament diesen EU-Haftbefehl - obwohl er ein fundamentales
Verfassungsrecht ausser Kraft setzt - abgesegnet hatte. Zur Rede gestellte Bundestags-Abgeordnete liefern dazu vielsagende Ausreden: Man habe ihnen halt gesagt, der EU-Haftbefehl tangiere keine deutschen Interessen. Deshalb habe man sich nicht weiter darum gekümmert - und gedankenlosen Ausverkauf eines elementaren Bürgerrechts zugelassen. Die «Frankfurter Allgemeine
Zeitung» spricht von leichtfertiger «Selbst-Entmündigung» des Parlaments. So sträflich oberflächlich das deutsche Parlament diesen EU-Haftbefehl «durchgewinkt» hat, so sträflich oberflächlich hat das Schweizer Parlament Schengen geschluckt.

Mit der möglichen «Schengen-Relevanz» des EU-Haftbefehls, der die Überstellung Schweizer Staatsbürger an ausländische Gerichte brächte, hat sich überhaupt niemand befasst. Ob Souveränitäts-Rechte preisgegeben werden, wurde - in eklatantem Widerspruch zu früher schriftlich niedergelegten Standpunkten - zum Tabu-Thema erklärt. Niederknien zu kritiklosem Ja heisst die Parole, wenn es um Brüsseler Wünsche geht. Kenntnisse, genaueres Wissen erscheinen der Mehrheit als überflüssig. Wer Fragen stellt - zum Souveränitätsverlust bei der Grenzkontrolle, beim Waffenrecht, bei der Visum-Vergabe, bei der Teil-Preisgabe des Bankgeheimnisses - wird pauschal-diffamierend zum
«Isolationisten» gestempelt. Noch beängstigender: Auch die Medien, sich sonst gerne als «vierte Gewalt im Staat» gebärdend, stehen kritiklos im Ja-Sager-Glied. Keinerlei «Hinterfragen» behördlicher Propaganda. Betretenes Schweigen zu gravierenden Negativ-Entwicklungen in der EU, etwa zum Visa-Missbrauch und seinen Auswirkungen. Die Schweiz gilt nichts, wenn Brüssel winkt.

Ulrich Schlüer


**Weitere Kommentare**