Nr. 9, 12. April 2002

Der Handlungsspielraum und die Politik des Überlebens um jeden Preis
Hitler und die Schweiz
Von Prof. Dr. Walther Hofer, Stettlen BE

Ich gehe nicht in erster Linie der Frage nach, wie sich die Schweiz während des Krieges verhalten hat, sondern wie das Land in eine Lage hineingeraten ist, in der es gezwungen war, eine Politik des Überlebens um jeden Preis zu betreiben, die in den vergangenen Jahren auf derart heftige Kritik gestossen ist.

Dabei müsste es doch eigentlich nicht allzu schwer zu verstehen sein, dass es den Handlungsspiel- raum des Landes ausserordentlich einengen musste, auf Gedeih und Verderb von einer übermächtigen Hegemonialmacht abhängig zu sein. Eine solche Situation hatte es seit Napoleons Zeiten nicht mehr gegeben. Die Frage war, ob der deutsche Diktator gleich denken und handeln würde wie der französi- sche Kaiser, der einer eidgenössischen Delegation das Wort entgegengeschleudert haben soll: «Vis- à-vis de moi votre neutralité est un mot vide de sens.»

Appeasement-Politiker...
Man kann zeigen, wie die westlichen Demokratien England und Frankreich eine Politik der Versäumnis- se und faulen Kompromisse betrieben haben ­ als «Appeasementpolitik» unrühmlich in die Geschichte eingegangen ­, die es Hitler überhaupt erst ermöglicht hat, den von ihm stets beabsichtigten Krieg zu entfesseln. Zu diesem «worst case scenario» gehört auch, dass Stalin im entscheidenden Moment auf die Seite des Aggressors überging. Die USA ­ die potentiell mächtigste Demokratie ­ hielten sich solange wie möglich aus dem Kriegsgeschehen heraus, bis sie durch den japanischen Überfall auf Pearl Harbor in den Krieg gezwungen wurden. Die USA hätten allzu lange zugesehen, so das späte Einge- ständnis des Herrn Eizenstat, wie Hitler Land um Land in Europa überrannte, unterjochte und ausbeu- tete. US-Grossfirmen haben, wie Herr Reginbogin zeigt, lange über den Kriegsbeginn in Europa hinaus weiterhin mit Nazi-Deutschland kooperiert und kräftig in das «Neue Europa» Hitlers und Görings inve- stiert. Das hat einen US-Autor veranlasst zu sagen, diese US-Firmen hätten Hitlers Angriffskriege finanziert, nicht die Schweizer Banken, wie behauptet wird. Nicht zu vergessen die Sowjetunion, die dank dem Pakt mit Hitler diesen ab Kriegsbeginn kräftig unterstützte, bis sie dann im Juni 1941 selbst überfallen wurde.

...und ihre Opfer
Opfer dieser unseligen Politik des «Appeasement» sind in erster Linie die kleineren Staaten gewesen, die man regelrecht ihrem Schicksal überliess. Was unser Land anbetrifft, so ist es bereits durch den ohne jeglichen Widerstand der andern Mächte vollzogenen sogenannten Anschluss Österreichs durch Hitler-Deutschland in eine strategisch äusserst heikle Lage geraten. Die Schweiz war seit 1938 schon auf drei Seiten von den potentiell feindlichen Achsenmächten umzingelt.

Der Würgegriff durch die Achsenmächte, in den die Schweiz nach der Niederlage Frankreichs endgültig geriet, zeichnete sich also schon vor Kriegsbeginn deutlich ab. Das sozialdemokratische «Volksrecht» gab zweifellos der im Lande vorherrschenden Meinung Ausdruck, als die Zeitung auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise schrieb, die Erfolge der deutschen Aussenpolitik gingen nahezu ausschliesslich auf das Konto der Unentschlossenheit der Westmächte.

Nur wenige kleinere Staaten vermochten im anschliessenden Krieg ihre Unabhängigkeit einigermassen zu bewahren. Einigermassen nur, denn in dem von Hitler bald einmal beherrschte Europa konnte eine neutrale Politik nur mit grossen Einschränkungen betrieben werden.

In dieser Beziehung ist ein Vergleich mit Schweden sehr aufschlussreich, mit einem Land, das sich in einer ähnlich schwierigen Lage befunden hat wie die Schweiz. Aufschlussreich insbesondere hinsicht- lich der immer wieder beschworenen «Handlungsspielräume», die den damals Verantwortlichen angeb- lich oder tatsächlich zur Verfügung gestanden hätten. Wer die Konzessionen, die Schweden dem mächtigen «Dritten Reich» gegenüber zu machen hatte, mit denjenigen der Schweiz vergleicht, wird bald einmal feststellen, dass unser Land dabei keineswegs schlechter abschneidet. Ein solcher Ver- gleich hat nichts mit Entschuldigung zu tun ­ wie ein Mitglied der Bergier-Kommission mir vorwarf ­, sondern mit dem Versuch, eben solche «Handlungs-Spielräume» auszuloten. Es zeigt sich dann nämlich, dass diese hier wie dort ausserordentlich klein gewesen sind. Hier nur noch so viel: Die schwedischen Konzessionen auf militärischem Gebiet waren wesentlich grösser als die schweizeri- schen. Man stelle sich vor, es wäre eine ganze, voll ausgerüstete deutsche Division durch unser Land transportiert worden, wie das in Schweden der Fall war! Oder noch ein Beispiel: Während Schweden seinen Luftraum für deutsche Überflüge öffnete, haben unsere Piloten deutsche Flugzeuge abgeschos- sen, die unseren Luftraum verletzten.

Flüchtlingspolitik
Auch eine definitive Beurteilung der Flüchtlingspolitik kann nur im internationalen Kontext erfolgen. Wenn zum Beispiel feststeht und von amerikanischer Seite auch zugegeben wird, dass die Schweiz mehr jüdische Flüchtlinge aufgenommen hat als die mehr als hundertmal grösseren USA, dann geht es auch hier nicht um ein «Auch du, Brutus!», sondern um eine Einordnung der damaligen Geschehnisse und Verhaltensweisen in den historischen internationalen Gesamtzusammenhang. Nur auf solcher Basis sind wissenschaftlich verantwortbare Urteile möglich, und das sind solche, in denen die Propor- tionen nicht verzerrt werden.

Was die Neutralität anbetrifft, hat übrigens einer der führenden US-Völkerrechtler, Professor Vagts von der Harvard University, schon sehr bald festgestellt, dass die Schweiz sich weit weniger Neutralitäts- verletzungen habe zuschulden kommen lassen als die Kriegführenden, insbesondere gerade die Alliier- ten (wobei er vor allem deren jahrelange nächtliche Überflüge durch ihre Bombergeschwader im Auge hatte).

Deutsche Raubzüge
Was den Vorwurf der Kriegsverlängerung angeht, die sich die Schweiz durch ihre Lieferungen an Deutschland habe zuschulden kommen lassen, so kann natürlich auch hier ein objektives Urteil nur abgegeben werden, wenn die damalige Gesamtlage einbezogen wird. Auch dann wird es noch schwierig genug sein festzustellen, wer wieviel dazu beigetragen hat, den damaligen Krieg zu verlängern. Meiner Ansicht nach kann eine so gestellte Frage wissenschaftlich überhaupt nicht zuverlässig beantwortet werden, weil viel zu viele Komponenten in einer solchen Bilanz berücksichtigt werden müssten. Um so fahrlässiger ist es, wenn von Kriegsverlängerung durch ein bestimmtes Land gesprochen wird.

Wesentlich eindeutigere Befunde gibt es, wenn wir danach fragen, wer wann zur Kriegsermöglichung beigetragen hat, das heisst, wer dazu beigetragen hat, dass Hitler seinen stets beabsichtigten Krieg überhaupt beginnen und dann weiterführen konnte. Damit meinen wir den Umstand, dass dank der fehlenden Gegenwehr der andern Mächte das NS-Regime bereits vor Kriegsbeginn 1938/39 sich durch seine Gewaltaktionen gegenüber Österreich und der Tschechoslowakei die notwendigen Mittel beschaf- fen konnte, um seine darniederliegende Wirtschaft zu sanieren und die Vorbereitungen auf den Krieg fortzusetzen. In beiden Fällen ­ beim sogenannten Anschluss Österreichs im Frühjahr 1938 wie bei der Besetzung der Rumpf-Tschechoslowakei ein Jahr später ­ retteten die dort erbeuteten kriegswichtigen Materialien (insbesondere Gold und Devisen) den berühmt-berüchtigten Vierjahresplan, der Deutschland kriegsbereit machen sollte, recht eigentlich vor dem Kollaps.

Der österreichische Historiker Schausberger kommt zum Schluss, dass das Reich dank der österrei- chischen Beute «seine kritische wirtschaftliche Situation überwinden sowie Tempo und Vorsprung der Rüstung durch mindestens neun Monate aufrechterhalten konnte». Dem stimmen deutsche Historiker durchaus zu. Was die Deutschen im besetzten Österreich an Gold und Devisen erbeuteten, kam dem «siebzehnfachen Betrag des deutschen Barschatzes» gleich!

Das tschechische Rüstungspotential
Ähnlich war es ein Jahr später bei der Besetzung der «Rest-Tschechei», wo noch hinzukam, dass die ernormen Waffenbestände der tschechischen Armee dem NS-Regime in die Hände fielen, samt der berühmten Waffenschmiede der Skoda-Werke. Hitler hat in einer Rede vor dem Reichstag minuziös über die grosse Beute an Waffen Auskunft gegeben. Der Diktator, der seinen Generälen weiszumachen versuchte, dass er die Tschechoslowakei in wenigen Tagen besiegen werde, hat also selbst publik gemacht, über welch imposante Verteidigungskapazität der untergegangene Staat verfügt hatte. Der deutsche Historiker Wilhelm Deist urteilt: «Die industrielle Kapazität, die Rohstoff- und Devisenvorräte des besetzten Gebietes waren für die Fortführung der deutschen Wehrwirtschaft im Rahmen des Vier- jahresplanes von entscheidender Bedeutung.» Ein weiteres Mal also hat die Untätigkeit der andern Mächte Hitler aus der Patsche geholfen.

Versäumnisse der Westmächte
Die skandalöse Preisgabe der Tschechoslowakei durch die Westmächte auf der Münchner Konferenz vom Herbst 1938 bedeutete nicht nur den ersatzlosen Verlust der geschilderten Verteidigungskapazität der verbündeten Tschechoslowakei für den Fall eines Krieges gegen das NS-Regime. Das Trauerspiel geht noch weiter. Denn die tschechische Beute und insbesondere die erbeuteten Panzer kamen beim deutschen Angriff auf Frankreich ein Jahr später, im Frühjahr 1940, zum Einsatz. Von den zehn Panzer- divisionen, die Frankreich überrannten, waren drei mit tschechischen Modellen ausgerüstet. Auf eine diesbezügliche Anfrage an das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam ­ es ist die massge- bende wissenschaftliche Institution in Deutschland ­ erhielt ich eine höchst aufschlussreiche Antwort. Dem Einsatz der modernen und kampfkräftigen tschechischen Panzer, heisst es darin, müsse «zwei- fellos eine entscheidende Bedeutung beim Sieg über Frankreich zugesprochen werden».

Man geht wohl nicht zu weit, wenn man daraus den Schluss zieht: Ohne das tschechische Kriegspo- tential kein Blitzsieg in Frankreich! Daran kann man das Ausmass der verhängnisvollen Konsequenzen der verfehlten westlichen Politik unter Führung des britischen Premierministers Chamberlain erkennen. Diese sogenannte Appeasementpolitik in den Jahren 1935/36 bis 1939 hat also dazu geführt, dass das Kriegspotential der Tschechoslowakei, die bekanntlich mit Frankreich verbündet war, schliesslich dem Angreifer Deutschland zugute kam. Man denkt unwillkürlich an das Sprichwort: Wen Gott verderben will, den schlägt er mit Blindheit.

Ich vertrete übrigens die Ansicht ­ und ich glaube sie gut begründet zu haben ­, dass die Tschechoslo- wakei, falls man sie hätte kämpfen lassen, der deutschen Wehrmacht grosse Probleme bereitet hätte. Von einem Blitzsieg, wie Hitler ihn prophezeite, konnte keine Rede sein.

Die Preisgabe der zum Kampf bereiten Tschechoslowakei stellt den Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt der sogenannten Appeasement-Politik dar. Der Eindruck auf all die kleineren Staaten, die sich von Deutschlands Expansionspolitik bedroht fühlten, war denn auch entsprechend. Eine Analyse der schweizerischen Presse in den Jahren der deutschen Vorkriegsexpansion - also von 1936 bis 1939 ­ zeigt die niederschmetternde Wirkung, die das totale Versagen der anderen Mächte ausgeübt hat.

Und die Schweiz mittendrin
Wir wiederholen: Was die Schweiz anbetrifft, so geriet sie aufgrund des völligen Versagens der westli- chen Demokratien bereits vor Kriegsbeginn und vor Hitlers Sieg über Frankreich in eine äusserst schwierige strategische Lage. Die spätere, praktisch vollständige Umzingelung durch die Achsenmäch- te ab 1940 zeichnete sich nach der Einverleibung Österreichs bereits deutlich ab.

Wir sind der Ansicht, dass man das Verhalten der Schweiz während des Krieges nicht objektiv beur- teilen kann, wenn man nicht zur Kenntnis nehmen will, dass die Ursachen für die missliche Lage, in die sie geraten ist, in den Versäumnissen der Grossmächte, insbesondere der westlichen, zu suchen sind. Der bekannte englische Historiker Alan Bullock, der vor Jahrzehnten schon die erste wissenschaftliche Biographie über den unseligen Hitler geschrieben hat, ortete die entscheidende Ursache für den prak- tisch widerstandslosen Aufstieg des «Dritten Reichs» in der mangelnden Solidarität der andern Mächte, die keine gemeinsame und vor allem rechtzeitige Gegenaktion möglich werden liess.

Und lassen Sie mich zum Schluss noch folgendes sagen: Wenn die damalige freie Welt sich solida- risch zur Abwehr der totalitären Herausforderung zusammengefunden hätte, wie dies heute angesichts einer durchaus vergleichbaren, uns alle bedrohenden Gefahr glücklicherweise der Fall ist, dann wären der Zweite Weltkrieg und damit auch der Holocaust vermeidbar gewesen.

Walther Hofer