Nr. 9, 6. April 2001
Nordkoreas Schweizer
Fans
Die Wallfahrer
Von Philippe Mägerle, Zürich
Kaum ein Land auf der Welt ist so geheimnisumwittert wie das sozialistische Nordkorea. Das wenige, das bis vor kurzem aus dem Land nach aussen drang, waren Horrormeldungen über Hungersnöte, Konzentrationslager, politische Säuberungen und sogar Kannibalismus. Dies hielt und hält linke Politiker in der Schweiz allerdings nicht davon ab, mit dem menschen- verachtenden Regime Nordkoreas zu sympathisieren.
Über den Beziehungen Nordkoreas zur politischen Linken im Ausland liegt so etwas wie ein Schleier des Schweigens. Kein Wunder, hat sich doch die «Demokratische Volksrepublik Korea» (DVRK) bisher nicht nur durch grausame Repression im Innern, sondern auch durch diverse terroristische Aktivitäten im Ausland den Ruf eines Paria-Staats eingehandelt. So gewährt der «geliebte Führer» Kim Jong II bis heute etwa Terroristen der japanischen Roten Armee Fraktion Schutz vor juristischer Verfolgung.
SP-Politiker
preisen den «grossen Führer»
Trotz alldem
fanden und finden Nordkoreas Schergen Unterstützung im Ausland, in der Schweiz
vor allem bei der SP. So reiste 1985 der damalige SP-Vizepräsident und heutige
Berner Nationalrat Peter Vollmer auf eine Einladung der nordkoreanischen Botschaft
nach Pjöngjang, wo er vom «grossen Führer» Kim II Sung, dessen Konterfei jeder
Nordkoreaner auf dem Revers tragen musste, persönlich empfangen wurde. Nur
zwei Jahre zuvor waren bei einem Bombenattentat des nordkoreanischen Geheimdienstes
in Rangun vier südkoreanische Minister und 13 weitere Südkoreaner getötet
worden.
In einem ausufernden Artikel in der «Weltwoche» glorifizierte Vollmer diesen Archipel Gulag in geradezu hymnischer Weise. Er stilisierte den «hohen Stellenwert der Bildung» zu einem «positiven Ausdruck im konkreten gesellschaftlichen Leben Nordkoreas» hoch. Und über den «grossen Führer» schrieb Vollmer gar: «Kim II Sung verkörpert die für jedes Land notwendige nationale Identität». Vollmer beschrieb seine Begegnung mit dem roten Diktator als «herzlich», und in dessen Wiedervereinigungsmodell mit dem Südteil Koreas sah er naiv einen «föderalistischen Zusammenschluss». Ausser Peter Vollmer hat auch der Genfer SP-Altnationalrat Jean Ziegler für die nordkoreanischen Despoten lobbyiert. 1976 unterzeich- nete er für das «Schweizerische Unterstützungs-Komitee für die Wiedervereinigung Koreas» einen Appell, in welchem der Rückzug sämtlicher US-Truppen aus Südkorea gefordert wurde. Ziegler be- suchte seit 1978 Nordkorea mehrmals. Im «Museum der internationalen Freundschaft» in Myohyang, wo Geschenke ausgestellt sind, die aus aller Welt an die kommunistische Führung überreicht wurden, findet sich neben einem Braunbären von Nicolae Ceaucescu, Büromöbeln von Fidel Castro und Mit- bringseln mehrerer Poch- und PdA-Delegationen aus der Schweiz auch ein Geschenk von Jean Ziegler. Mittlerweile versuchen jedoch Vollmer und Ziegler ihre Verbindungen zu Nordkorea zu vertu- schen.
Sozialistischer
Terrorismus
1987 brachten
nordkoreanische Agenten auf direkten Befehl Kim Jongs, des Sohns des 1994
verstor- benen Kim II Sung, ein südkoreanisches Passagierflugzeug mit 115
Menschen an Bord zum Absturz. Dieser staatsterroristische Akt hinderte vier
Jahre später den Tessiner SP-Nationalrat Werner Carobbio nicht daran, nach
Pjöngjang zu pilgern. Dies wurde denn auch vom dortigen Regime hemmungslos
für Propagandazwecke ausgenutzt. Auch Carobbio hatte ein Geschenk für den
«Führer» dabei, das heute stolz im Museum von Myohyang präsentiert wird.
Im Jahre 1992 begab sich die Zürcher SP-Nationalrätin, Journalistin und Schriftstellerin Doris Morf Kaminski auf eine «Studienreise» ins Arbeiter- und Bauernparadies des grossen Führers. 1995 erreichte die Kollaboration der SP mit dem nordkoreanischen Regime einen peinlichen Höhepunkt. Damals weilte eine Delegation der koreanischen Arbeiterpartei zu Besuch bei der SP in der Schweiz. Die Delegation stand unter der Leitung des nordkoreanischen Parteipräsidenten.
Die SP versucht bis zum heutigen Tag, diesen Besuch geheimzuhalten, und verweigert dazu jede Stellungnahme. Ausser den Sozialdemokraten leisten in der Schweiz zwei weitere Organisationen pro- nordkoreanische Lobby-Arbeit. Es handelt sich dabei um das «Schweizerische Unterstützungs-Komitee für die friedliche Wiedervereinigung Koreas» unter der Leitung des Basler Kommunisten Martin Lötscher sowie das «Kulturinformationszentrum der DVRK» in Lausanne, welches 1985 von Charles Kalbfuss gegründet wurde. Beide Institutionen stammen aus dem Umfeld der Schweizerischen Friedensbewe- gung bzw. des kommunistischen Milieus und pflegen enge Beziehungen zur nordkoreanischen Bot- schaft in Muri. Lötscher führte am 9. September 1998 eine «Freundschafts- und Solidaritätsdelegation» zu den Feierlichkeiten des 50. Jahrestages der Proklamation der DVRK. Hungernde Kinder will er dabei genausowenig gesehen haben wie irgendwelche Formen staatlicher Repression. Ob Lötscher das Elend in Nordkorea überhaupt sehen wollte, ist in seinem Falle genauso fraglich wie bei all den SP-Parla- mentariern, die ihre Skrupel in Sachen Menschenrechte exklusiv für das angeblich «faschistische» Südkorea aufgehoben haben.
Philippe Mägerle