Nr. 9, 7. April 2000

Weltverbesserer und ihr Nährboden
Die neue «Résistance»
Von Richard Anderegg, Washington

Jahrelang kaum beachtet von der Öffentlichkeit haben Fach- und Ministergremien im Rahmen internationaler Handelsorganisationen, insbesondere der WTO (World Trade Organization, früher GATT), die Liberalisierung des Welthandels Schritt für Schritt vorangetrieben. Der Trend zur Liberalisierung erscheint bis heute vielen als unaufhaltsam. In Wahrheit wurde dieser Liberalisierungstrend weitgehend gestoppt - im Spätherbst 1999 in Seattle gleichsam «zu Tode demonstriert». Wie dort der WTO, so droht heute die gleiche Blockierung der Welt- bank. Wer steckt eigentlich hinter dieser Blockierungs-Bewegung?

Finden sich Mitte April die Währungshüter des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington zu ihrem «kleinen Frühlingstreffen» ein, wird eine zwar noch locker, aber immerhin bereits weltumspannend organisierte, von verschwörerischem Geist beseelte Gemeinschaft sogenannt progressiver Gruppen ebenfalls aktionsklar sein. Sie will in der US-Hauptstadt Washington das wieder- holen, was ihr in Seattle spektakulär gelungen ist: Mit massiven Strassenprotesten die Konferenz einer weltumfassenden Wirtschaftsorganisation auffliegen lassen. Die Polizei Washingtons weiss Bescheid. Sie behauptet, ein zweites Seattle verhindern zu können.

Ob auch in Washington ein Massenauftritt der Gewerkschaften vorgesehen ist, ist vorerst nicht bekannt. In den Vordergrund drängen sich bis jetzt vor allem religiöse Aktivisten, welche IWF und Weltbank zu verhassten Symbolen des «Globalismus der Grosskonzerne» erkoren haben. Religiöse Extremisten werden in den USA oft gewalttätig. Ihre Pläne als neue «Widerstandsbewegung» gegen die zu «Besat- zungsmächten» ernannten Exponenten von Staat und Wirtschaft halten sie keineswegs geheim. Sie operieren gleichsam öffentlich via Internet. Ihre Hauptwaffe: Sie versuchen (oft erfolgreich) in den Besitz vertraulicher Planungen und Entwürfe von Regierungen, von Wirtschaftsgruppen und Nicht-Regierungs- organisationen für anstehende Konferenzen zu kommen, welche sie - gespickt mit Spekulationen und Übertreibungen - über Internet publizieren, womit sie die ganze Welt zum Widerstand aufrufen.

Wie diese Organisationen in den Besitz solch geheimer Papiere gelangen? Sie stützen sich auf ein Netz von Sympathisanten, die entsprechende Dokumente kurzerhand entwenden. Eine Organisation, die solches verhindern will, muss insbesondere jenes Personal akribisch überwachen, welches Zugang zu Fax-, Kopier- und elektronischen Übermittlungsgeräten hat. Die Elektronik hat, da fast jeder den- kende Mitarbeiter an einem PC angeschlossen ist, klaffende Löcher in die Geheimhaltungsdispositive grosser Organisationen und Betriebe geschlagen. Vor allem Jugendliche lassen sich leicht begeistern, wenn elektronisches Eindringen in die Geheimnisse von Organisationen und Betrieben spannende Gemeinschaftserlebnisse verspricht.

Der Kopf der Bewegung
Der Seattle-Protest wurde inszeniert von einer 36jährigen Juristin, Spezialistin für Handelsrecht. Sie organisierte, sobald der Konferenzort bestimmt war, Freiwillige. Rund viertausend, die in kleinen Hotels, bei Familien, bei Freunden unterkamen. Rekrutiert wurden sie aus dem der Juristin vertrauten Netzwerk progressiver Gruppen, mit denen sie seit zehn Jahren Beziehungen aufgebaut hatte, motiviert von einer als junge Handelsjuristin gewonnenen Erkenntnis, wonach die Welthandelsorganisation (damals noch GATT) die Welt dem Diktat der Grossfirmen und den Regierungen der westlichen Spitzenindustrieländer unterwerfen wolle.

Anfang der neunziger Jahre nahm sie ihre Tätigkeit beim bekannten Konsumentenanwalt Ralph Nader auf, dessen Abteilung «Trade Watch» (Handelsüberwachung) sie leitete. Aus dieser Position baute sie ein Netzwerk mit rund dreissig befreundeten Organisationen in den USA, in Japan, Thailand, Latein- amerika und Europa auf, welche sich per E-Mail, Fax und Telefon für alle möglichen Streiche mobilisie- ren liessen.

Lahmlegungs-Strategien
Die Möglichkeiten, welche Internet als weltumspannendes Mobilisierungsmittel bietet, wurden umfas- send ausgeschöpft. Das gleiche System nutzen auch die Ölfirmen oder auch der internationale Waffen- handel. Besondere Meisterschaft hat darin die organisierte Kriminalität entwickelt mit ihrem Mädchen- handel, weltumspannend aufgezogenen Rauschgifthandel, der Geldwäscherei usw. Dank ausgeklügel- tem Internet- und E-Mail-Einsatz handeln sie zumeist rascher als Grosskonzerne oder Regierungen.

Seattle hat gezeigt, wie internationale Organisationen auch dann, wenn sie von nahezu allen Staaten der Welt getragen werden, durch eine raffiniert operierende «Bande von Studenten» lahmgelegt werden können. Es genügt, aus Einzelheiten ein Gemisch von Meldungen zusammenzubrauen, bis ein graus- lich übertriebenes Ganzes präsentiert werden kann. Eigentlich genügt es, einen Laufburschen zwischen dem Verhandlungssaal und dem Kopier- und Übermittlungszentrum einer wichtigen Organisation irgend- wie für sich zu gewinnen, um alsbald ganze Organisationen lahmlegen zu können. Es sind spannende Zeiten, die der Welt da bevorstehen.

Richard Anderegg