Nr. 9, 7. April 2000

Bergier-Bericht: Untauglich!
Reaktionen

Der Wissenschaftler
Prof. Dr. Dr. h. c. Ernst F. Lüscher in einem Brief an den Präsidenten der «unabhängigen Experten- Kommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg» (UEK), Prof. Dr. Jean-François Bergier: «Ich gehe wohl kaum fehl, wenn ich annehme, dass Sie die beiden Zwischenberichte Ihrer Kommission als Produkte einer tiefgreifenden Forschung und daher als unantastbar bezeichnen werden. Ich war Direktor eines Forschungsinstitutes, Präsident des Stiftungsrates des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und habe 6 Jahre lang die Schweiz in den Forschungsgremien der Europäischen Gemeinschaft vertreten. Ich weiss daher sehr genau, was forschen heisst, nämlich das Angehen eines Problems von allen Seiten. Was die UEK geboten hat, spricht dieser Definition hohn: Für sie besteht Forschung offensichtlich darin, eine vorgefasste Meinung zu untermauern. Wie erklärt sich sonst, dass der Gold-Zwischenbericht ohne Berücksichtigung des Völkerrechtes abgefasst worden ist? Dass das im Schlussbericht nachgeholt werde, ist keine Entschuldigung! Warum ist der Vergleich der Flüchtlingspolitik der Schweiz mit anderen Ländern unterblieben? Er hätte gezeigt, dass ganz besonders die USA eine denkbar üble Rolle spielten; das festzustellen, kam keinesfalls in Frage!»

Der Journalist
Redaktor Urs Rauber im «Beobachter» (17. 3. 2000) im Anschluss an die Sichtung von Dokumenten aus der Vorkriegszeit und Kriegszeit im Archiv des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes aus der Zeitspanne 1938 bis 1942: «Die SIG-Akten, die seit 1998 im Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich lagern, bergen Zündstoff. Denn aus ihnen geht hervor, dass

- der SIG im Herbst 1938 Einreisebeschränkungen für Flüchtlinge forderte;
- der SIG und die Fremdenpolizei in der Flüchtlingsfrage 1938 bis 1942 eng zusammenarbeiteten;
- zwischen dem SIG-Präsidenten Saly Mayer und dem Fremdenpolizeichef Heinrich Rothmund eine persönliche Freundschaft bestand;
- sich der SIG erst ab Sommer 1942 klar von der Flüchtlingspolitik des Bundes distanzierte.

Im kürzlich erschienenen Bergier-Bericht ist davon allerdings kaum etwas zu lesen. Dort heisst es, dass der Verband Schweizerischer Israelitischer Armenpflegen (VSIA), das Flüchtlingswerk des SIG, bei der Grenzschliessung von 1938 das Ziel gehabt habe, "alle Juden aufzunehmen, die vor der antisemitischen Verfolgung aus Österreich flohen".

Doch das ist falsch. Denn am 19. August 1938 bat der VSIA die Wiener Kultusgemeinde per Tele- gramm inständig, "jeden Versuch eines illegalen Übertrittes in die Schweiz zu unterdrücken und zu verhindern"... Belegt ist gemäss SIG-Akten, dass VSIA-Leiter Silvain Guggenheim "dringend von der Unterbringung von Kindern in der Schweiz ab(riet), da keine Sicherheit besteht, sie nach Abschluss des Schulbesuches im Ausland unterzubringen". Auch die Behauptung der Bergier Kommission, "dass der SIG sich nie für die Sperrung der Einreise aussprach", muss aufgrund der Akten korrigiert werden. Im Dezember 1938 zum Beispiel verlangte der Israelitische Gemeindebund von den Schweizer Behörden "mehr Widerstand gegenüber Deutschland bezüglich der illegalen Einreise". Er forderte das "Abstoppen einer weiteren unkontrollierten Einreise". Und im Februar 1939 klagte Saly Mayer: "Wir konnten die Behörden nicht daran hindern, Flüchtlinge einzulassen.».

Der Zeitzeuge
Ein heute im Kanton Aargau lebender Zeitzeuge, alt Grossrat Walter Hagenbach, Würenlos: «Was (im Bergier-Bericht) unterschlagen wurde: Der St. Galler Polizei-Hauptmann Paul Grüninger hatte illegal Juden zur Flucht über die grüne Grenze verholfen. Aber ausgerechnet ein führender Schweizer Jude, Sidney Dreifuss, Vater unserer Bundesrätin, damals Leiter der Israelitischen Flüchtlingshilfe St. Gallen, denunzierte Grüninger, so dass er ins Gefängnis kam; sonst wären voraussichtlich noch mehr gerettet worden. Der Bergier-Bericht hat dieses pikante Detail (aus Rücksicht auf Frau Dreifuss? Sie war es doch, die Bergier bei der Expertenauswahl unbedingt als Präsidenten der Kommission haben wollte) verschwiegen...»