Zum hundertsten Geburtstag Friedrich Traugott Wahlen
10. April 1899 - 7. November 1995



Der «Anbauplan Wahlen» 1938-1945
Auftrag und Resultat
Von Prof. Dr. Hans W. Popp, Liebefeld BE

Das Erscheinungsbild der schweizerischen Landwirtschaft am Vorabend des
Zweiten Weltkriegs war geprägt durch die Rahmenbedingungen der in den 20er und 30er Jahren vorherrschenden freihändlerischen Wirtschaftsphilosophie: möglichst freie Importe von billigen Nahrungs- und Futtermitteln.

Die bereits Ende des letzten Jahrhunderts eingetretene und den natürlichen
Produktionsbedingungen entsprechende Spezialisierung auf die Viehwirtschaft
(insbesondere Milch) hatte sich fortgesetzt. Immerhin, eine Sicherung war
aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs geblieben: die Preis- und
Abnahmegarantie für Brotgetreide durch die Eidgenössische
Getreideverwaltung. Deswegen war der Selbstversorgungsgrad beim
Brotgetreide 1939 mit 30 % fast doppelt so hoch wie 1914 (16 %).
Auch die gesamte offene Ackerfläche war mit 209 000 ha um rund einen Viertel grösser. In bezug auf die Eigenversorgung mit Nahrungsmitteln war das aber nur eine marginale Verbesserung, denn nur rund die Hälfte (in Kalorien gemessen) stammte vom einheimischen Boden; beim Zucker gar nur 7 %, beim Futtergetreide 12 %. Bei
Milch und Fleisch anderseits herrschte Überproduktion. Zu deren Bekämpfung
wurden die Milchkontingentierung ab 1935 und die Schweinekontingentierung
ab 1937 eingeführt.

Mehranbau und Ernährungsumstellung
Wahlen bezweckte mit seinem Anbauplan eine höhere Selbstversorgung mit
pflanzlichen Produkten und somit die Ernährungssicherung der - infolge
eines möglichen Krieges von den Importen abgeschnittenen - Schweizer
Bevölkerung. Das Mittel war die behördlich verordnete Pflicht zu mehr
Ackerbau, insbesondere Mehranbau von Getreide, Kartoffeln und Gemüse zur
direkten menschlichen Ernährung, bei gleichzeitiger Reduktion der
«kalorienmässig verschwenderischen» Viehhaltung sowie des Fleischkonsums.
Denn bekanntlich lassen sich durch solche Produktions- und
Ernährungsumstellung mit der gleich grossen Bodenfläche bis zu siebenmal
mehr Menschen ernähren. Der vom Bundesrat verordnete Mehranbau erfolgte in
sieben Etappen, jedoch zur Hauptsache in den drei Kriegsjahren 1941-43.

Umstritten
Aus heutiger Sicht mag der Wahlen-Plan als eine sich geradezu aufdrängende
Reaktion, als angemessene Antwort auf das damalige Bedrohungsszenario
erscheinen. Dem war aber damals keinesfalls so: Ein behördlich verordneter
Zwangsanbau war für viele in einer freien Marktwirtschaft nicht denkbar,
andere vertrauten auf die Vernunft der Politiker, also auf friedliche
Konfliktlösung; sie rechneten nicht mit einem Krieg oder aber nur mit einem
kurzen. Auch in der Bauernschaft gab es Widerstand, insbesondere in den
Graswirtschaftsgebieten, wo der Ackerbau längst verschwunden war und dafür
weder Kenntnisse noch Maschinen und Saatgut existierten. Erst der Angriff
der deutschen Wehrmacht im Westen im Mai 1940 und die folgende Umzingelung
unseres Landes nach der Kapitulation Frankreichs erhöhten das
Bedrohungsbewusstsein drastisch und auch die Angst in der Bevölkerung vor
einer deutschen Besetzung, vor dem Krieg und seinen Folgen.

Wende und Erfolg
In dieser Situation war die öffentliche Vorstellung des Anbauplanes durch
Dr. Wahlen an einem Vortrag in Zürich am 15. November 1940 mehr als ein
kluger Schachzug - es war wie ein Befreiungsschlag, ein Wegweiser, um der
drohenden Not und Gefahr zu begegnen. Wahlen wurde gemäss Bonjour zum
«bekanntesten Eidgenossen» und in der Doppelvakanz im Dezember 1940
erstmals als Bundesratskandidat, als Nachfolger von Rudolf Minger,
vorgeschlagen (und erhielt 13 Stimmen). Kurz darauf wurden vom Bundesrat
eine neue grosse Mehranbauetappe sowie die Arbeitsdienstpflicht verfügt,
gefolgt vom Industriepflanzwerk, der Lebensmittelrationierung und vielen
anderen kriegswirtschaftlichen Massnahmen. Im Endergebnis konnte die
Brotgetreideproduktion verdoppelt, die von Kartoffeln verdreifacht und beim
Gemüse gar vervierfacht werden (gegenüber 1939). Zusammen mit den noch
spärlichen Importen war damit die Ernährung auch im letzten Kriegsjahr noch
ausreichend, wenn auch bescheidener.
Die grossen Anstrengungen der militärischen und wirtschaftlichen
Landesverteidigung im Verbund mit einer klugen, vorsichtigen Politik des
Bundesrates haben entscheidend dazu beigetragen, unser Volk vor der
deutschen Besetzung und damit den Greueln des Zweiten Weltkrieges zu
verschonen und dem Land seine Unabhängigkeit zu erhalten. Das
Hauptverdienst von Dr. Wahlen war es, rechtzeitig und zielgerichtet mit den
Vorbereitungsarbeiten für das grosse Anbauwerk zur Ernährungssicherung zu
beginnen und es unbeirrt durchzuziehen.

Hans Popp

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