Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer

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Am 16. April 1999 zum Thema: Asylpolitik
Handverlesen

«Die kann mitkommen - der soll dableiben - diese dürfen, falls sie ihre
Siebensachen beieinander haben, mitfliegen - für andere ist allerdings kein
Platz mehr...» Was da beschrieben wird, nennt sich «schweizerische
Asylpolitik».
Aufgenommen werden neuerdings jene Handverlesenen, welche sich am
zielsichersten zur Bundespräsidentin durchzudrängen verstehen, wenn diese
eine Reise ins Katastrophengebiet tut.
Alle wohlüberlegten, aus vielen - positiven wie auch sehr schmerzhaften -
Erfahrungen abgeleiteten, eigentlich als gültig erklärten Aufnahmeregeln
werden, selbst wenn sie in Gesetzesform verbindlich beschlossen sein
sollten, kurzerhand über Bord geworfen, wenn unsere Bundespräsidentin vor
laufenden Fernsehkameras Flüchtlingspolitik nach ihrer Art zu demonstrieren
beliebt: «L'état, c'est moi !» - Gesetze, die gelten bloss für die
UntertanenŠ
Sie könne, beteuert sie, das grosse Flugzeug, das mit ihr zusammen viele
Hilfsgüter nach Mazedonien gebracht habe, doch nicht leer zurückbringen.
Solches, in Fernsehkameras gesprochen, erzielt Wirkung - nur entspricht es
nicht der Wahrheit. Sie ist doch nicht allein gereist, unsere
Bundespräsidentin. Ein Tross von so um die vierzig Medienleuten hat sie
schliesslich auf Schritt und Tritt begleitet, hat ihre Auftritte samt
«spontaner Betroffenheit» wirkungsvoll für die Fernsehzuschauer zu Hause in
Szene gesetzt. Und auch der zornbebend geschleuderte Bannstrahl gegen jene
Kollegen im Bundesrat, die das Asylgesetz und Asylbeschlüsse eigentlich
auch als für die Bundespräsidentin verbindlich erachten, steckte bereits im
Köcher - bis Frank A. Meyers Ringier-Kamarilla ihn treffsicher einzusetzen
wusste.
Die Tatsachen rund um die neue Flüchtlingsnot müssten den Bundesrat, fühlte
er sich den Interessen der Schweiz und des Schweizervolkes wirklich
verbunden, eigentlich zu anderem Handeln veranlassen: Die Bombardierungen,
die Milosevic zu den ethnischen Säuberungen veranlasst und die damit die
grossen Flüchtlingsströme erst ausgelöst haben, werden schliesslich von der
sich vor der Welt zu
demonstrativem Handeln genötigten Nato befohlen. Für die nicht bedachten
tragischen Folgen dieser unüberlegten Kriegseinsätze tragen jene
Regierungen die Verantwortung, deren Flugzeuge diese Lufteinsätze fliegen.
Vor allem die USA, aber auch Deutschland gehören dazu. Deutschland hat,
gemessen an seiner Bevölkerungszahl, bisher fünfmal weniger Asylbewerber
aufgenommen als die Schweiz. Die USA und Deutschland müssen daher lange vor
der Schweiz und weit stärker als die Schweiz zum Zug kommen.
Wüsste sich unser Bundesrat in Krisensituationen von weltpolitischer
Dimension wie eine richtige Regierung aufzuführen, so brächte er auch die
Kraft auf, an solche Tatsachen zu erinnern. Aber vor einer insgeheim
bewunderten Organisation, die sich erst noch als «internationale
Staatengemeinschaft» zu titulieren beliebt, pflegt es unserem Bundesrat die
Sprache zu verschlagen. Dafür hat sich das Volk mit handverlesenen
Asylaufnahmen, von Medienleuten ins gerade recht scheinende Licht gerückt,
zähneknirschend abzufinden.
Ulrich Schlüer

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