Nr. 8, 16. April 2010
Egalitär, elitär, totalitär
Der Himmel auf Erden
Von Dr. Peter Forster, Chefredaktor «Schweizer Soldat», Salenstein TG
Zwei Weltanschauungen erschütterten im 20. Jahrhundert Europa: der Marxismus und der Faschismus. Beide versprachen den Menschen das Paradies auf Erden, und beiden ebnete der Erste Weltkrieg den Weg zum Durchbruch.
In seiner Auslegung durch Wladimir Iljitsch Lenin stürzte der Marxismus Russland in die Diktatur des Proletariats. Unter Lenins Nachfolger Stalin geriet die Sowjetunion in die düstere Herrschaft eines unumschränkt waltenden Diktators. Rasch offenbarte der Marxismus seinen totalitären Charakter.
Konkurrenz zum Marxismus
Im westlichen Europa trat der Faschismus in Konkurrenz zum Marxismus. Sein Menschenbild war anders – nicht egalitär wie bei Lenin und Stalin, sondern elitär. Hitler und Mussolini glaubten an den Kampf der Rassen und Völker, in dem der Stärkere siegt. Totalitär waren sie beide: der Marxismus wie der Faschismus.
Im Wien des aufkommenden Nazitums trat ein junger Philosoph gegen die alleinseligmachenden Weltanschauungen an: Karl Raimund Popper. Er hegte ein tiefes Misstrauen gegen Ideologien, die behaupteten, einige Auserwählte seien dazu ausersehen, den Menschen den Himmel auf Erden zu verschaffen.
In seinen Büchern legte Popper ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit eines jeden einzelnen Menschen vor. In Anlehnung an den französischen Philosophen Henri Bergson redete er der offenen Gesellschaft das Wort. Der deutsche Schriftsteller Helge Hesse schreibt: «Popper verstand unter dem Begriff offen ein Staatsgefüge, in dem nicht nur die grösstmögliche Freiheit des Einzelnen sichergestellt war, sondern ein Gefüge, das offen war für gesellschaftliche Neuerungen, offen auch für die Kritik seiner Bürger.»
In seiner eigenen Kritik setzte Popper beim Historizismus an. So nannte er die Auffassung, die Geschichte spiele sich nach klar erkennbaren, vorhersagbaren Abläufen ab. Die Faschisten glaubten, ihre Rasse sei dazu auserwählt, alle andern zu beherrschen. Und die Kommunisten predigten, die proletarische Revolution sei unausweichlich, angeführt durch die Arbeiterklasse.
Popper stemmte sich gegen die totalitären Ansprüche: «Von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, der gefährlichste. Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets nur die Hölle.»
Der Nationalsozialismus kam im Mai 1945 furchtbar zu Ende, der russische Kommunismus überlebte – mit dem sowjetischen Imperialismus – bis zur Zeitenwende von 1989/91. Für die Irrtümer der Ideologen hatten die betroffenen Völker schwer zu büssen. Zwischen Berlin und Moskau, Warschau und Tirana leiden sie heute noch am abgeschüttelten Joch.
Islam – der neue Totalitarismus
Der neue Totalitarismus, der islamistische, kommt nicht mehr ideologisch, sondern religiös daher. Er ist nicht minder gefährlich, als es die absoluten Ansprüche der Nazis und der Kommunisten waren. Der Islam als tiefgründige Weltreligion ist zu achten. Dagegen sind die extremen, grausamen Auswüchse von Mohammeds fanatischen Anhängern abzulehnen und zu bekämpfen.
Von der inhärenten Verachtung der Frauen bis zur verheerenden Idee des Jihad, des Heiligen Krieges, trägt der Islamismus totalitäre, abstossende Züge. Doch obsiegen werden im Kampf der Ideen das freie Denken, die Gabe zu Kritik und Diskurs, die Bewahrung liberaler Werte und das Vermögen, in der neuen, säkularen Machtprobe auf der richtigen Seite zu stehen.
Peter Forster
Erstabdruck in: Schweizer Soldat, April 2010, www.schweizer-soldat.ch