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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 8. April 2004

Die Schweiz und der Schengen-Vertrag
Unauflösbarer Widerspruch

Es war die abgewählte Bundesrätin Ruth Metzler, welche - von der Hoffnung beflügelt, damit die Verantwortung für den sie hoffnungslos überfordernden, tausendfachen Asylmissbrauch auf irgendwelche nicht mehr greifbaren Brüsseler Instanzen abwälzen zu können - den Schweizer Bundesrat in die unauflösbaren Widersprüche mit dem Schengen-Dossier verstrickt hat. Denn zum Schengen-Vertrag gehört ein sogenannter Acquis, ein insgesamt Hunderte von Paragraphen umfassendes Gesetzeswerk, das gemäss EU-Regelung ein allein Schengen beitretender Drittstaat vollumfänglich zu übernehmen hat. Wobei «vollumfänglich» bedeutet, dass nicht nur das ganze bestehende Rechtskonstrukt, sondern pauschal im voraus auch alle zukünftigen Änderungen
und Erweiterungen, welche die EU am Schengen-Vertrag völlig allein vornimmt, lückenlos zu übernehmen sind.
Genau diese unlösbare Bindung an einseitig auch gegen die Schweiz veränderbares Recht liess den früheren, inzwischen als Bundesrat zurückgetretenen Finanzminister Kaspar Villiger mit
Seitenblick auf Schengen unablässig erklären, das Schweizer Bankkundengeheimnis sei «nicht verhandelbar». Einem Vertrag, mit welchem die Gegenseite später der Schweiz einseitig das Bankkundengeheimnis regelrecht wegoperieren könne, dürfe sich die Schweiz niemals unterwerfen.
Villiger blieb unbeugsam, weshalb das Schengen-Dossier lange blockiert war. Jetzt muss Villigers Hartnäckigkeit - wenigstens bei einer knappen Mehrheit im neu zusammengesetzten Bundesrat - offensichtlicher Fahrlässigkeit dem Finanzplatz und seiner eminenten Bedeutung als Arbeitgeber gegenüber Platz machen.
Und oberflächliche Medienleute werden nicht müde, darob lauthals triumphierend den «Sieg» der Brüssel-Hörigen im Bundesrat gegen Blocher zu feiern. Dass dieser angebliche - und glücklicherweise noch längst nicht feststehende - «Sieg» mit einem unser Land äusserst hart treffenden, leichtfertigen Ausverkauf erstrangiger Interessen des Wirtschaftsplatzes Schweiz erkauft werden dürfte - darüber schweigen sich die von den Zusammenhängen offensichtlich überforderten medialen Triumphheuler aus. Ob sie in ihrer verantwortungslosen Fahrlässigkeit denn glauben, dereinst, wenn die Schweiz in den Schengen-Mühlen einer der tragendsten Säule ihres Finanzplatzes beraubt wird, einfach «höhere Gewalt» und pures Nichtwissen verantwortlich machen zu können? Nein: Dummheit, Liederlichkeit und
Fahrlässigkeit beherrscht die Brüssel-Gierigen zu Bern und anderswo.


Ulrich Schlüer


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