Nr. 8, 22. März 2002

Das Buch, das den Bergier-Bericht korrigiert
«Erpresste Schweiz»

Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, die im «Arbeitskreis Gelebte Geschichte» zusammenge- schlossen sind, haben in einem übersichtlichen, leicht lesbaren Taschenbuch die Fakten zur Haltung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg dargestellt, aus den Zeitumständen heraus erklärt und sorgfältig kommentiert.

Ergebnis dieser Arbeit ist ein kürzlich an einer Pressekonferenz vorgestelltes neues Buch mit dem Titel «Erpresste Schweiz». Ein Werk, das tendenziöse Anschuldigungen und mit erpresserischer Absicht verbreitete Zerrbilder über die Schweiz überzeugend widerlegt. Das neue, vom Bund nicht subventio- nierte Buch wird damit zum Gegenstück zum Bergier-Bericht mit seiner anklägerischen Tendenz. Auszüge aus dem neuen Buch «Erpresste Schweiz» werden auf dieser Seite vorgestellt.

Erste Etappe: Angriffe des Jüdischen Weltkongresses und der Clinton-Administration
Übertreibungen, Verleumdungen und Lügen «Milliarden, die Holocaustopfern gehören, liegen auf Schweizer Banken», behauptete der Jüdische Weltkongress. Schliesslich fand man keine hundert Millionen.

Nachdem einige Schweizer Banken die Lösung der Problematik der nachrichtenlosen Vermögenswerte von Holocaust-Opfern nach Kriegsende, trotz wiederholter Mahnungen des Bundesrates (nicht zuletzt mangels der erforderlichen gesetzlichen Grundlagen) vernachlässigt hatten, lösten 1996 jüdische Orga- nisationen in den USA und in Israel, insbesondere der Jüdische Weltkongress (WJC) in New York, heftige Angriffe gegen die Schweizer Banken, die Schweizer Regierung und das Schweizervolk aus. Unser Land wurde mit Vorwürfen, Verleumdungen, Lügen, Sammelklagen und Boykottdrohungen ange- griffen, deren Ausmass und Unverfrorenheit alles bisher Dagewesene übertrafen. Die Schweiz wurde auf perfide Weise gedemütigt wie nie seit dem Einmarsch der französischen Revolutionsarmee Ende des 18. Jahrhunderts. Regierung und Grossbanken wurden in eine schwere Krise gestürzt.

Die Angreifer
Die Angreifer in den USA setzten bei ihrer konzertierten Aktion in erster Linie die von ihnen kontrollierten Medien, ihre vielschichtigen persönlichen Beziehungen und alle anderen verfügbaren politischen, wirt- schaftlichen und rechtlichen Mittel schonungslos ein. Jüdische Journalisten, Verantwortliche der Administration, Historiker, Parlamentarier, Wirtschaftsführer und Vertreter jüdischer Gemeinden solidarisieren sich mit den Angriffen des Jüdischen Weltkongresses und holten ihrerseits zu schweren Schlägen gegen die Schweiz aus. Die Schweizer jüdischen Glaubens verhielten sich indessen, in einer für sie schwierigen Situation, unserem Lande gegenüber mehrheitlich loyal. Eine starke Triebkraft hinter den Angriffen auf die Schweiz waren zweifellos auch amerikanische Rechtsanwälte der Holocaust-Opfer, die mit Sammelklagen und Bankenvergleich das grosse Geld machen wollten.

Hilflosigkeit
Die Schweiz hatte in dieser Auseinandersetzung von Anfang an das Nachsehen. Die massgebenden amerikanischen Medien ignorierten sachbezogene schweizerische Stellungnahmen, während ein grosser Teil der Schweizer Medien die Angriffe aus den USA anfänglich nahezu kritiklos übernahmen. Der gutschweizerische Hang zur Selbstzerfleischung und Selbstverhöhnung in den Kreisen der Medien- leute, linker Politiker und Intellektueller lieferte dem Gegner in den USA immer wieder Munition für neue Anschuldigungen, womit die Krise noch verstärkt wurde.

Die Schweiz sah sich jedenfalls mit einer aussenpolitischen Herausforderung konfrontiert, mit einer Situation, die sie in der neueren Zeit kaum je erlebt hatte. Die üblichen Instrumente der klassischen Diplomatie versagten. (S. 13 f.)

Mobilisierung der öffentlichen Meinung gegen die Schweiz - Die Strategie der Gegner
Viele beteiligten sich am Geschäft der Verurteilung der Schweiz. Die Absichten, welche sie mit der Mobilisierung der öffentlichen Meinung gegen die Schweiz verfolgten, liegen auf der Hand. Auszüge aus Stellungnahmen der Wortführer und ihrer Verbündeten beweisen dies:

«Unser Ziel war einfach. Wir wollten die Schweizer Bankiers vor ein Gericht bringen, aber nicht vor ein Gericht, wie sie es gewohnt waren. Vor dem Gericht der öffentlichen Meinung bestimmen wir die Tagesordnung. Die Bankiers befanden sich auf unserem Territorium, und wir waren gleichzeitig Richter, Geschworene und Henker (was uns sehr gelegen kam). Die Schweizer Bankiers waren gezwungen, nach unsern Regeln zu spielen, ob sie wollten oder nicht.» ...

«Wollten wir in unserem Kampf gegen die Schweizer Banken irgendeinen Einfluss ausüben, musste sich unsere Attacke gegen ihre Niederlassungen in den USA richten, die mindestens 25 % ihrer Ein- nahmen ausmachen. Dies war ein nicht zu überschätzender Faktor unserer und ­ so nehmen wir an ­ ihrer Überlegungen.» (Gregg J. Rickman, Stabschef von Senator Alfonse d ¹Amato, in seinem Buch «Swiss Banks and Jewish Souls», Transaction Publishers, 1999)

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«Es geht um den schlimmsten Raubzug in der Geschichte der Menschheit. Ein systematisches Vertuschungsmanöver eines sogenannt neutralen Landes, das die Geldgier zur Kollaboration mit den Nazis und zur Ableugnung seiner Verantwortlichkeit trieb.» (Aus einem Spendenaufruf des Präsidenten des WJC, Edgar Bronfman. Das Schreiben wurde verfasst, kurz nachdem WJC und Schweizerische Bankiervereinigung sich geeinigt hatten, «eine Lösung aller Probleme ohne Streit zu erzielen». Bundes- rat Cotti hat gegen diesen Aufruf und die haltlosen Angriffe im betreffenden Text schriftlich protestiert, NZZ, 1. Februar 1997).

«Das Buch von Don Waters "Die Schweiz, Hitlers geheimer Verbündeter" erbringt den überzeugenden Beweis, dass die winzige, scheinbar unschuldige Schweiz insgeheim für die Nazis eine erstaunlich starke Militärmacht aufgebaut hat, welche auf den Zweiten Weltkrieg einen viel grösseren Einfluss aus- geübt hat als bisher angenommen.» (Kramer Rohfleisch, San Diego State University, 1998, aus «Nun lügen sie wieder», Verlag Rothenhäusler, Stäfa)

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«Während man einstweilen weltweit der Meinung war, dass der Schweiz kaum je ein Fehler passieren könnte, stellt man heute fest, dass sie im Grunde nur noch Fehler begeht. Aufgrund der Publikation von Hunderten von belastenden Dokumenten ist die Schweiz zu einer Nation von geldgierigen Bankern, Nazikollaborateuren und Räubern des Eigentums der Holocaust-Opfer geworden. Konfrontiert mit dieser Wahrheit, gerieten die Schweizer in Panik und verloren am Ende ihre Fassung. Es war diese Reaktion, die ... einen zurücktretenden Präsidenten (Jean-Pascal Delamuraz) seinen guten Ruf und schliesslich das Schweizervolk seine Unschuld kostete.» (Gregg J. Rickman in «Swiss Banks and Jewish Souls»)

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«Falls Geld die Quelle allen Übels ist, dann war Hitler das Übel und die Schweiz die Ursache.» (Michael Hausfeld, NZZ, 28. April 1998)

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«Die Schweizer sollten herausfinden, welche Dreckskerle ihre Grossväter waren.» (BBC-Film NAZI- GOLD UND JUDENGELD in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fernsehen, 1997)

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Der Vorsitzende der Jewish Agency, Avraham Burg, erklärt, er sei unglücklich, dass es in der Schweiz Leute gebe, die wie (Botschafter) Jagmetti dächten. «Ich spreche nicht nur von den Banken, sondern auch von der Schweizer Regierung.» ... «Die neutrale Schweiz war die Bank der Nazis.» Dazu die NZZ (29. Januar 1997): «Natürlich müssen sich die Schweizer Mitglieder der Volcker-Kommission irgend- wann einmal fragen, ob sie mit einem solch zügellosen Polemiker noch am gleichen Tisch sitzen können.»

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«Lieber Freund, Wir haben soeben Hitlers geheimes Schweizer Bankkonto aufgefunden. Und der Jüdi- sche Weltkongress hat jetzt bisher sorgfältigst geheimgehaltene Dokumente freigegeben, welche beweisen, dass Schweizer Bankiers noch immer gestohlenes jüdisches Gut verstecken. Unser For- schungsteam hat im weiteren bestätigt: Die Nazis transferierten mehr als sechs Milliarden Dollar gestohlenes Gold in und durch die Schweiz. Das Gold wurde den Zentralbanken europäischer Staaten sowie Juden gestohlen, die in Hitlers Todeslagern zugrunde gingen. Ein Teil des Goldes stammte von den Eheringen, Armbändern und vom Zahngold von Juden.» (Auszug aus einem Schreiben des Präsi- denten des WJC, Edgar Bronfman, an jüdische Gemeinden in den USA und Europa, aus «Schweizer- zeit», Abdruck des Originals, 11. Juli 1997) (S. 14 ff.)

Unhaltbarer Vorwurf: Die Schweiz habe den Krieg verlängert
In seinem Bericht von 1997 erhob der amerikanische Unterstaatssekretär Stuart Eizenstat nicht nur Kritik an unserer Neutralitätspolitik, sondern auch die unerhörte Behauptung, die Schweiz habe durch ihre Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland den Krieg verlängert.

Beide Vorwürfe zeugen von einem unentschuldbaren Mangel an Kenntnis der Schweiz, ihrer langen Geschichte, ihrer Politik und ihres Verhaltens während des Zweiten Weltkriegs. Vor seiner «Vorverur- teilung» hätte er die schweizerischen Behörden zumindest orientieren und ihnen Gelegenheit zur Stellungnahme einräumen müssen. Eizenstat hat sich damit als staatliches Organ rechtswidrig verhalten, und die USA-Regierung ist dafür völkerrechtlich verantwortlich.

Unverantwortlich ist der Vorwurf, die Schweiz habe den Krieg verlängert. Gewiss war der Handel, der im Interesse beider Partner lag, für Nazi-Deutschland von Nutzen, wenn auch nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Für unser von den Achsenmächten eingeschlossenes Land war er jedoch lebenswichtig. Ohne die von den Deutschen gelieferten Rohstoffe, vor allem Kohle und Stahl, und ohne die Zulassung von Getreide- und anderen Lieferungen der Alliierten durch die Deutschen hätten wir unsere Ernährung nicht sicherstellen können, wäre unsere Wirtschaft zum Niedergang verdammt und grosse Arbeitslosig- keit die Folge gewesen. Der Umfang des aus der Schweiz ausgeführten Kriegsmaterials nach Deutsch- land betrug übrigens nicht einmal 1 % des Gesamtvolumens der Kriegsaufwendungen des Dritten Reichs.

Abgesehen davon, dass es die Alliierten nach neuesten Erkenntnissen des Historikers Professor Walther Hofer sehr wahrscheinlich in der Hand gehabt hätten, den Weltkrieg zu vermeiden, weiss Eizenstat offenbar nicht, dass es just die USA waren, die durch ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Nazis vor und während des Krieges bis 1941 einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung und Verlängerung des Krieges geleistet haben. Auch haben sie mit Investitionen zur Konsolidierung des Wirtschaftsraumes des Dritten Reichs beigetragen. Die Amerikaner dachten dabei, wie wir heute wissen, auch bereits an die Vorteile, die ihnen die (teils versteckte) Zusammenarbeit mit ihren Toch- terfirmen in Deutschland nach dem Kriege bringen könnte.

Aber auch britische Unternehmen haben ihre Kartellvereinbarungen mit deutschen Firmen nie aufgelöst, weil sie sich davon Vorteile nach dem Krieg erhofften. All das geschah im Rahmen einer Politik der Unentschlossenheit, der Beschwichtigung und der Versäumnisse der Alliierten, die schliesslich in den Krieg führen musste. Es hätte von Eizenstat erwartet werden dürfen, dass er dieses historische Umfeld in Betracht zieht. Aber auch der Bundesrat hat es unterlassen, die USA auf diese Fakten aufmerksam zu machen. Der üble Vorwurf Eizenstats ging wie alle anderen Anschuldigungen um die ganze Welt. Er wurde nie berichtigt, und die USA haben sich nie dafür entschuldigt. Unser ängstlicher Bundesrat hat eine solche Entschuldigung auch nie verlangt. (S. 19 ff.)

Prädikat: «Sträflich oberflächlich» - Fehler des Bergier-Berichts
Die Bergier-Kommission behandelt die allgemeine Lage der Schweiz im Zweiten Weltkrieg mit einer geradezu sträflichen Oberflächlichkeit. Die Ängste ­ Existenz- und Zukunftsangst! ­, die Unruhe, Span- nungen und Sorgen des Alltags, der traumatisierte Seelenzustand des Schweizervolkes, den die Behörden aller Stufen, aber auch die Armee, bei ihren Entscheiden und praktischen Massnahmen Tag für Tag in Rechnung zu stellen hatten, werden mit einigen wenigen Sätzen abgetan.

Wo bleibt die Auseinandersetzung mit der potentiellen Möglichkeit eines Angriffs der Achsenmächte von Norden und von Süden? Wo steht etwas darüber, wie moralisch bedrückend allein schon die Wahrneh- mung von Gefahren sein kann? So wie man heute Probleme der Radioaktivität, der Gen-Technik oder der Überfremdung diffus wahrnimmt und über daraus resultierende Ängste diskutiert, ohne dass effektive Beweise dafür zu erbringen sind, hatte das Schweizervolk im Zweiten Weltkrieg Angst vor einer Beset- zung unseres Landes, vor Mangel an Nahrungsmitteln, Heizmaterialien und Industrierohstoffen (Arbeits- losigkeit!). Im Falle einer Besetzung musste mit Deportationen (nicht nur jüdischer Einwohner und Flüchtlinge!), mit Zwangsarbeit und militärischem Frondienst an der Ostfront wie zu Napoleons Zeiten gerechnet werden. Zudem galt es, die dramatischen politischen und militärischen Ereignisse Ende der dreissiger und Anfang der vierziger Jahre seelisch zu verkraften. Es braucht wenig Phantasie, sich die Ängste eines kleinen Volkes im Herzen Europas vorzustellen, das eingeschnürt, allein auf sich gestellt und abgeschnitten von seinen Ressourcen der Friedenszeit um seine Existenz kämpft, als einziges freies Land unter einer Flut von offenen und verdeckten Drohungen, Berichten über Zerstörungen und Greueln des Krieges, über die Verbrechen der Besetzer in den Nachbarländern.

Alle diese diffusen Ängste musste der Bundesrat bei seinen Entscheiden in Rechnung stellen. Eine Konsequenz der Wahrnehmung dieser Gefahren war u.a. die restriktive Flüchtlingspolitik, die auf der Gratwanderung zwischen Widerstand und Anpassung, zwischen Staatsraison und humanitärer Ver- pflichtung sowie angesichts der Weigerung anderer Länder, einen Teil unserer Flüchtlingslast zu übernehmen, damals verständlich war. Jedenfalls muss der Unterstellung, die offizielle Schweiz habe die Flüchtlingspolitik im nachhinein beschönigt, mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden. Schon lange vor Einsetzung der Bergier-Kommission befassten sich Bundeshaus und Öffentlichkeit intensiv mit diesem Kapitel der Weltkriegsgeschichte: 1957 erschien der im Auftrag des Bundesrats verfasste Bericht von Carl Ludwig «Die Flüchtlingspolitik der Schweiz seit 1939 bis zur Gegenwart». Dieser auch im Parlament diskutierte Bericht ist sachlich und schonungslos. Die Bergier-Kommission hat dazu nichts Neues beigetragen. 1967 führte das Buch von Alfred A. Häsler «Das Boot ist voll» ebenfalls zu intensiven Diskussionen. Aber auch die Beratung des Asylgesetzes im Parlament 1978 war ein Stück konstruktiver Vergangenheitsbewältigung, in der die Flüchtlingspolitik auflebte.

Wo bleiben schliesslich die Auseinandersetzung mit dem nachhaltigen Widerstandswillen in Volk und Armee während der ganzen Kriegszeit und die Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen sind? Die schweizerische Militärgeschichte, eine wahre Fundgrube der Information, wurde offensichtlich links liegen gelassen. Dabei wäre es erste Pflicht der Historiker gewesen, bevor sie auf einzelne Sachverhalte eingingen, die allgemeine Lage der Schweiz mit all ihren Facetten gründlich zu analysieren und, mit dem nötigen sensiblen staatspolitischen Verständnis, die sich danach aufdrängenden psychologischen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Schlüsse zu ziehen. Allein dieser gravierende Mangel würde eine Rückweisung beider Zwischenberichte über Gold und Flüchtlinge rechtfertigen! (S. 66 ff.)