Nr. 8, 30. März 2001
Brüssels Mühe mit der
Demokratie
Arroganz gewinnt der EU keine Freunde
Die Europäische Union verhängt Sanktionen gegen Österreich - als Antwort auf ein dort demokratisch zustandegekommenes Wahlergebnis. Die EU-Finanzminister massregeln Irland, weil dieses EU-Mitglied mit sichtlichem Erfolg eine Niedrigsteuer-Politik verfolgt. Und das französische Parlament bezichtigt die Schweiz der Räuberei - weil die Schweiz ein Bank- geheimnis hat.
Bedenkliche - aber auch charakteristische - Hinweise auf den Zustand der EU. Moralische Ansprüche sollten die Sanktionen gegen Österreich begründen - sie lösten sich in nichts auf, als Wien die von ihm verlangte Selbst-Erniedrigung verweigerte. Dafür begünstigten diese Sanktionen Dänemarks Nein zum Euro. Irland entsagte sich jeder Reaktion auf die Angriffe Brüssels - aber in England bekamen die Gegner der Euro-Übernahme Auftrieb.
Schweizer
Beweggründe
In der Schweiz
schliesslich votierte eine Mehrheit von 77 Prozent gegen Beitrittsverhandlungen
mit der EU. Brüssel verhält sich diesen Zeichen gegenüber - wie immer - taub:
Die Schweiz, tröstet sich die EU-Zentrale nonchalant, habe ja nicht zur EU
als Organisation nein gesagt... Natürlich
ist nicht nur ein einziger Faktor ausschlaggebend für das deutliche Schweizer
Resultat. Man darf nicht vergessen: Das Schweizer Bekenntnis zu Neutralität
und Unabhängigkeit ist geradezu legendär. Nicht weniger legendär ist der Schweizer
Argwohn gegenüber multinationalen Organisationen wie Nato und Uno. Dennoch
gehört dieses Land zum Herzen Europas.
Der
Angriff der Nachbarn
Man tut wohl
gut daran, die Wirkungen des französischen Parlamentsberichts zum Schweizer
Bank- geheimnis nicht zu unterschätzen. Von einem neunmal grösseren Nachbarn
als «Räuber» diffamiert zu werden, dürfte freundnachbarliche Beziehungen kaum
begünstigen. Zumal die schöne, niemandem übelwollende Schweiz nicht zum erstenmal
von «demokratischen Freunden» ungerecht attackiert wurde. Auch die USA und
die EU setzen die Schweiz bezüglich ihres Bankgeheimnisses gehörig unter Druck
- weil dieses Bankkundengeheimnis Anleger mit Vermögen, die summiert die Höhe
von Billionen Dollar erreichen, dazu motivierte, den Schweizer Banken besonderes
Vertrauen zu schenken. Was würde wohl Frankreich sagen, wenn es einen ähnlich
unfairen Angriff hinzunehmen hätte, der einen Viertel des Bruttoinlandproduktes
bedrohen würde? Man geht kaum fehl in der Annahme, dass General de Gaulle
in solchem Fall wohl das Wort «Krieg» in den Mund genommen hätte.
(WSJ, 6.3.2001)