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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 24. März 2000
Verzerrte Rassismus-Umfrage
Brandstiftung
Ist, wer die Schlussfolgerungen des Bergier-Berichts über die Politik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg anzweifelt, ein Antisemit? Ist, wer die heutige Anwendung der von der Uno über- nommenen Anti-Rassismus-Norm bemängelt, ein Antisemit? Ist, wer politische Druckausübung jüdischer Organisationen - da denkt wohl jeder Angesprochene unwillkürlich an den Jüdi- schen Weltkongress - kritisiert, ein Antisemit?
Nein, die Antisemitismus-Studie von Umfrage-Guru Claude Longchamp stempelt Kritiker und Zweifler an solcher Politik nicht einfach pauschal zu Antisemiten. Aber sie stellt sie in den Dunstkreis des Anti- semitismus. Ohne ihnen - im Rahmen der Befragung zu politischen Haltungen - zu sagen, was Anti- semitismus genau ist. Die korrekte Definition (nicht bloss eine unbestimmte persönliche Abneigung, sondern eine «feindselige bis hasserfüllte, auf Isolierung, Vertreibung oder gar Vernichtung hin orien- tierte Einstellung...») ist lediglich in der Einleitung zu Longchamps Studie festgehalten. Den Befragten wird sie vorenthalten - obwohl die Befragungs-Ergebnisse zu einer zwar vagen, aber dennoch pauschalen Abqualifizierung verwendet werden.
Unwissenschaftlicher und politisch perfider könnte eine «repräsentative Meinungsumfrage» - die von 1210 Befragten auf die Einstellung der gesamten Bevölkerung schliesst - kaum angelegt werden. Dennoch liefert sie oberflächlichen und schlagzeilensüchtigen Medienleuten den Vorwand, einen vollen Sechstel der Schweizer Bevölkerung skrupellos und pauschal zu Antisemiten zu stempeln. Eine Versuchung, der sich (zumindest einige) Meinungsmacher nicht zu entziehen vermögen. Bedenkenlos pauschalisieren, verurteilen, stempeln sie - Organisationen, Parteien, Bürger. Den Tiefstpunkt markiert jene unsägliche Schlagzeile, wonach jeder sechste Schweizer «ein Judenhasser» («Neue Mittelland Zeitung») sei. Was nur denkt sich, wer solch verantwortungslose Simplifizierung, solch unsinnige Beleidigung einfach so rasch in eine Zeitung schreibt? Was geht im Kopf eines Chefredaktors, eines Verlegers vor, der derartiger politischer Brandstiftung freien Lauf lässt?
Ist das 20. Jahrhundert nicht gezeichnet von verantwortungslosen Schreibern und Schreiern, die Deut- schen jahrelang predigten, Franzosen hassen zu müssen; die Franzosen jahrelang predigten, Deutsche hassen zu müssen? Und am Schluss entlud sich die ganze verantwortungslos herbeigeredete Tragödie über den Juden! Haben die Meinungsmacher aus der Saat, die diesem Jahrhundert so viel Unheil beschert hat, überhaupt nichts gelernt?
Ulrich Schlüer