Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer

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Am 26. März 1999 zum Thema: Bewaffnete Auslandeinsätze der Armee
und NATO Bombardierungen in Jugoslawien
Kriegsträumer

Die Sicherheit unseres Landes, sagt eine neue, in Bern erfundene Doktrin,
könne bloss noch «in Kooperation» mit einem potenten Militärbündnis - der
Nato - garantiert werden. Als Opfer eigener, voreilig-unüberlegt in die
Welt gesetzter Drohungen dürfte die Nato - um wenigstens den Fernsehzuschauern ein Bild von
Entschlossenheit vortäuschen zu können - in diesen Tagen Bombardierungen
gegen Jugoslawien fliegen müssen. Kann jemand erklären, welchen Gewinn an
Sicherheit die Schweiz erfahren würde, wenn beispielsweise einige Schweizer
FA-18 «in Kooperation» mit Nato-Geschwadern an diesen Bombardierungsflügen
teilnehmen würden?
Weil die Nato die militärische Nutzlosigkeit solcher Bombardierungen nur zu
genau einzuschätzen weiss, sieht sie sich - wiederum Geisel eigener,
unüberlegt in die Welt gesetzter Drohungen - zunehmend zum Einsatz von
Bodentruppen gedrängt, die Bürgerkriegsparteien damit zu neuen Aktionen
provozierend und bei davon heimgesuchter Zivilbevölkerung täglich erneut
Hoffnungen zerstörend - weil die angedrohten Einsätze aus Angst vor eigenen
Verlusten doch immer wieder unterbleiben. Kann jemand erklären, welchen
Gewinn an Sicherheit die Schweiz erfahren würde, würde sie mit diesem
unerträglichen Droh- und Verzögerungs-«Spiel» kooperieren? Welchen Gewinn
an Sicherheit könnte die Schweiz verzeichnen, wenn sich zum Beispiel ein
Regiment Schweizer Infanteristen - weil hiesige Generäle mit der Nato
«kooperieren» möchten - in die Hölle des blutig geführten Kleinkriegs in
Kosovo hineinjagen lassen müsste? Oder würde es der Sicherheit der Schweiz
dienen, wenn sich als Folge solch unüberlegter «Kooperation» künftig Serben
und Kosovo-Albaner auch hier in der Schweiz - unbeteiligte Schweizer dabei
tödlichen Gefahren aussetzend - ihre Köpfe blutig schlagen würden?
Wer oberflächlich behauptet, die Sicherheit der Schweiz könne nur noch
«durch Kooperation» mit der Nato garantiert werden, muss solche Fragen -
abgeleitet nicht aus an Konferenzen ausgeheckten Theorien, sondern aus der
Realität heutigen Kriegsgeschehens - endlich beantworten. Vor allem, wenn
sich neuerdings selbst der schweizerische Generalstabschef für Feuertaufen
schweizerischer Wehrmänner irgendwo in fernen Ländern stark macht. Und der
für die Internationalisierung unserer Armee sich zuständig fühlende
Verwaltungsgeneral vor Medienleuten gar kopflos-markig daherschwatzt, die
Schweizer Armee würde ohne bewaffnete Auslandeinsätze «vor die Hunde» gehen
(Agenturmeldung, 22. 3. 99).
Ob die Herren Bürogeneräle, die schweizerische Soldaten Pulverdampf
einatmen lassen und selber endlich einmal «richtige Kriege» erleben
möchten, wohl vergessen haben, dass hierzulande noch immer der Souverän
darüber entscheidet, wie und vor allem wo unsere Armee eingesetzt wird? Wer
sich mit diesem Grundsatz nicht abfinden mag, möge sich irgendwo als
Söldnerführer zu verdingen versuchen. An der Spitze der Schweizer Armee ist
er indessen deplaziert.
Ulrich Schlüer

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