Nr. 7, 3. April 2010

Glossen von Arthur Häny
Ein blaues Wunder

Jeder, der das Schreiben zu seiner Lieblingsbeschäftigung gemacht hat, kennt das: manchmal hat man Ideen, und manchmal hat man keine. Dann sitzt man einigermassen frustriert vor dem Bildschirm. Man feilt ein wenig an dem herum, was schon dasteht; man versucht eine Fortsetzung, und will sie nicht gelingen; so löscht man die letzten Sätze wieder aus. Sollten sie einem doch auf einmal wieder als richtig erscheinen, so tippt man auf das Symbol «Rückgängig», und prompt taucht das Gelöschte aus der Versenkung herauf. Das ist ja das Schöne am Computer: es fällt so leicht, am Text zu arbeiten, zu streichen und zu ersetzen, die Sätze so oder anders zu drehen und ganze Abschnitte zu verschieben. Wie unwahrscheinlich erscheinen einem da jene fernen Zeiten, als man sich mit dem Radiergummi auf dem Papier abmühte – oder als man, viel später dann, jene weissen Korrektur-Blättchen vor die Typenhebel der Schreibmaschine schob!

Aber der Computer hat noch andere erstaunliche Eigenschaften; er steckt ja voll Überraschungen, sowohl im Guten als auch im Bösen. Wenn ich, des Schreibens müde, den Bildschirm eine Weile sich selbst überlasse, ohne den Strom auszuschalten – wenn ich vielleicht ein paar Schritte ins Freie gehe, um frische Luft und möglicherweise frische Ideen zu schöpfen – dann geschieht etwas Merkwürdiges.

Ich kehre ans Pult zurück, und der Bildschirm hat sich völlig verändert. Die Buchstaben, die rundum tanzten, um sich zu sinnvollen Sätzen zusammenzufügen, sind ganz verschwunden. Und der Bildschirm steht unter Wasser! Siehe da, zwischen zwei Baumstrünken und hochgewachsenen grünen Wasserpflanzen schwimmen gemächlich einige Fische herum. Aus einem bläulichen Kiesgrund blubbern Luftbläschen durchs Wasser hinauf. Die Fische machen Miene, daran zu schnuppern; immer wieder öffnen und schliessen sie ihre kleinen Mäuler. Der eine scheint mir zu schmollen mit seinem aufgestülpten Maul. Alle schwimmen sie ruhig herum und wedeln genüsslich mit ihren weiten, weichen Schwanz- und Mittelflossen. Sie erinnern mich an Damen einer Modeschau, die sich mit schleierartigen Roben auf dem Laufsteg ergehen. Von den drei grossen Fischen ist einer weiss und rot, der zweite weiss und schwarz, der dritte aber nur schwarz. Ein mittelgrosser präsentiert sich bräunlich, und ein reizendes Baby-Fischlein, das sich zwischen den Grossen tummelt, ist orangefarben. Was für ein blaues Wunder hat da der Computer hervorgebracht! Er hat sich in ein Aquarium verwandelt.

Dem könnte ich nun lange zusehen und darob all mein Schreiben vergessen. Denn die runden, gelassenen Ruderschläge der Flossen, das langsame Steigen und Sinken der Fische im Wasser, ihr sanftes Kreisen um die Baumstrünke, ihr Verschwinden und Wieder-Auftauchen hinter den Pflanzen – das alles atmet eine tiefe Gelassenheit. Meine Frau und ich besassen voreinst ein wirkliches Aquarium, das wir schätzten; aber dieses virtuelle hier wirkt fast ebenso erfreulich auf mich. Ich bewundere die langsamen Schnupperfahrten der Fische und komme gar nicht dazu, mich zu langweilen. Die Luftbläschen blubbern, die Wasserpflanzen regen sich kaum, und die Fische ziehen ihrer Wege. Gib nur acht, sage ich mir, dass du mit keinem Finger an das Touchpad des Laptops rührst! Sonst verschwindet der ganze Zauber mit einem Schlag, das Wasser ist zerronnen, und deine trockenen Buchstaben stehen samt und sonders wieder da!

Es ist mir bewusst, dass das virtuelle ‚Aquarium’ nur eine unter vielen Attraktionen ist, die der Bildschirmschoner bereithält. Es gibt da auch wirbelnde Netze, eines über das andere geworfen, die einen ganz kribbelig machen beim Zusehen. Es gibt farbenfrohe Würfel, die um den Bildschirm kreisen. Oder tiefe Sternenhimmel, die auf einen zurasen; man fährt raketenartig mitten in die Nacht des Weltalls hinein. Es gibt merkwürdig abstrakte Gestänge, die von einer Ecke des Bildschirms ausgehen, dann wachsen und wuchern in die Kreuz und Quere und jede moderne Eisenplastik an Verschrobenheit weit übertreffen.

Erstaunlich bleibt aber doch, wie sehr das künstliche Aquarium einem wirklichen gleicht. Die Kopie ist so naturgetreu, dass man kaum noch einen Unterschied zwischen Fiktion und Wahrheit erkennen kann. Die fotografische Technik hat hier etwas Meisterhaftes geleistet. Da stellt sich einem unwillkürlich die Frage: was unterscheidet das Original von der Kopie? Und dahinter stecken noch tiefere Fragen. In diesem Zusammenhang kommt mir wieder einmal Conrad Ferdinand Meyer in den Sinn. Im Gedicht ‚Möwenflug’ beschreibt er, wie ein Schwarm von Möwen um einen Felsen im Meer kreist. Scharf und klar spiegeln sich die Vögel im windstillen Wasser, so dass ihre Spiegelung ganz ihnen selber gleicht. Den Dichter befremdet mehr und mehr diese doppelte Erscheinung.

                            Allgemach beschlich es mich wie Grauen,
                   Schein und Wesen so verwandt zu schauen…

Und er bezieht das Problem zuletzt auf sich selber. Bin auch ich am Ende nur… abgespiegelt? Bin ich ein lebendiges Original oder nur gleichsam eine Projektion von irgendwoher? Und dahinter lauert die letzte Frage. Ist diese Welt, in der wir leben, überhaupt die Wirklichkeit, oder ist sie nur eine Art von Sinnentrug, wie es der Buddhismus lehrt – oder ein Schattenspiel, wie es Platons Höhlengleichnis beschreibt? Das lärmige Getümmel unserer Alltagswelt, dieses Feuerwerk von rasch verpuffenden Emotionen und Aktionen, erweckt in uns die Ahnung, dass es sich dabei um etwas Vorläufiges handelt. Doch mitten in dieser Vorläufigkeit des Scheins empfinden wir eine tiefe Sehnsucht nach der Endgültigkeit des Wesens. Aus der Welt der ‚blauen Wunder’ sehnen wir uns hinüber in die Welt der wirklichen Wunder, und das ist die Welt der Wahrheit.