Nr. 7, 17. März 2006

Manipuliertes Schulbuch zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg
Lügen für Schüler

Von Luzi Stamm, Nationalrat, Dättwil AG

Kürzlich hat die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) ein neues Lehrmittel über die Schweiz zur Zeit des Nationalsozialismus für die Sekundarschule I und II vorgestellt. Das Buch mit dem Titel "Hinschauen und Nachfragen" ist staatliche Geschichtsschreibung in Reinkultur. Den Schülern soll damit das die Weltkriegs-Generation herabsetzende, längst als tendenziös und teilweise falsch entlarvte Geschichtsbild des Bergier-Berichts über die Politik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg als alleingültig vermittelt werden.

Wer die Geschichte manipulieren will, lässt Gesamtzusammenhänge weg und präsentiert Einzelbeispiele und einzelne Aspekte so, dass Wahrheit verzerrt wird und gezielt ein neues Geschichtsbild, eine neue Wahrheit resultiert. Das ist ein alter Manipulationstrick.

Wer die Schweiz wegen ihrer Politik im Zweiten Weltkrieg in Misskredit bringen will, unterschlägt vor allem ihre im Kriegsverlauf erzielte Meisterleistung, trotz jahrelanger Umzingelung standhaft geblieben zu sein und ihre Demokratie trotz hoffnungslos erscheinender Lage über die ganze Kriegszeit hinweg intakt gehalten zu haben. Statt diese Hauptsache zu würdigen, bauscht er auf, dass einzelne Schweizer auch der Waffen-SS gedient hätten, dass es Fälle gab, bei denen in die Schweiz verbrachte Gelder verloren gingen, dass einige, die an der Grenze zurückgewiesen wurden, von den Nationalsozialisten später umgebracht worden sind, etc.

Manipulations-Technik

Diese Manipulations-Technik wurde schon im Bergier-Bericht systematisch angewendet. Sie wird auch im neuen Schulbuch zur Methode. Um einen Anschein von Ausgewogenheit zu erwecken, werden zu anklägerischen Einzelbeispielen - sehr geschickt - immer auch Gegenbeispiele eingestreut (etwa nach dem Motto "Es gab zwar schon einige wenige Schweizer, die Flüchtlinge aufgenommen haben"). Vor allem aber werden die Gesamtumstände, die grösseren Zusammenhänge verschwiegen (dass die Schweiz in scheinbar hoffnungsloser Lage vom Nazi-Reich völlig eingeschlossen war; dass unser Land niemals alle Flüchtlinge hätte aufnehmen können; dass die Schweiz trotz ihrer prekären Situation pro Kopf ihrer Bevölkerung z.B. vierzigmal mehr Flüchtlinge aufgenommen hat als die USA, dass wahrscheinlich mehr als neunzig Prozent aller jüdischen Flüchtlinge, die Einlass suchten, aufgenommen worden sind, dass nur ein Bruchteil der Zurückgewiesenen den Tod fand; etc.).

Von den vielen tendenziösen Darstellungen im neuen Schulbuch seien drei Beispiele näher beleuchtet:

Nachrichtenlose Vermögen

Im Kapitel "Wie viele nachrichtenlose Vermögen gab es?" (Seiten 73 ff.) wird der Eindruck erweckt, die nachrichtenlosen Vermögen würden in die Milliarden gehen. Dem Leser wird gezielt verschwiegen, dass die zur Abklärung dieser Frage eingesetzte internationale Volcker-Kommission unter riesigem, von den Schweizer Banken bezahltem Aufwand zutage förderte, dass die gegen die Schweiz erhobenen Vorwürfe mehr als tausendfach, wenn nicht zehntausendfach übertrieben waren. Etwa so, als hätte jemand in aller Weltöffentlichkeit lauthals behauptet, eine Bank habe ihm eine Million Franken gestohlen - wonach er (nach aufwendiger Suche) dann kleinlaut zugeben muss, eigentlich hätten nur ein paar hundert Franken gefehlt, die inzwischen auf einem vergessenen Konto gefunden worden seien.

Besonders hinterhältig ist es, die Tatsache zu unterschlagen, dass solch vergessene Guthaben von Schweizer Banken auch nach Jahrzehnten treu zu Handen später noch auftauchender Berechtigter aufbewahrt worden waren. Von "Betrug" kann also nicht die Rede sein, wogegen solch "herrenlose Gelder" andernorts (z.B. in den USA) nach wenigen Jahren vom Staat einkassiert worden waren - unter Vernichtung aller dazu noch verbliebenen Unterlagen.

Flüchtlinge

Typisch für die das neue Schulbuch beherrschende Mentalität ist das Kapitel "Gründe für die Rückweisung von Flüchtlingen" (Seiten 113 ff.). Geradezu skandalös ist, wie gefragt wird, weshalb die Schweiz "Flüchtlinge nur aus Rassegründen, z.B. Juden" trotz Todesgefahr zurückgewiesen habe. Woher dieses in Anführungszeichen gesetzte Zitat stammt, ist nirgends dokumentiert. Typisch ist, dass die nachweislich falschen Flüchtlingszahlen im Bergier-Bericht übernommen worden sind, indem pauschal von zwanzigtausend an der Grenze abgewiesenen Flüchtlingen gesprochen wird. Bezüglich Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge überbietet das Schulbuch den Bergier-Bericht jedoch noch an Böswilligkeit, indem die "20 000 Abgewiesenen jenen 60 000 Verfolgten gegenübergestellt werden, die in der Schweiz überlebten". Im Zweiten Weltkrieg weilten tatsächlich rund 300 000 Flüchtlinge in der Schweiz. Mit einem eigentlichen Taschenspieler-Trick wird die tatsächliche Zahl von den Schulbuch-Autoren auf 60 000 herunter manipuliert: Es werden nämlich mehrere Flüchtlinskategorien kurzerhand ausgeblendet (z.B. Zehntausende von internierten Soldaten aus Polen, Frankreich etc., die von der Schweiz aufgenommen worden sind).

Typisch auch die Darstellung der berühmten Flüchtlingskonferenz von 1938 in Evian - kurz nach dem "Anschluss" Österreichs, als bereits viele Flüchtlinge in die Schweiz drängten. Die Schulbuch-Autoren bringen es fertig, die Schweiz auch bezüglich ihres Verhaltens an dieser Konferenz schlecht zu machen. Kein Wort davon, dass unser Land an dieser Flüchtlingskonferenz angeboten hatte, Flüchtlinge in unbegrenzter Zahl aufzunehmen, wenn sich andere Länder bereit fänden, ihrerseits jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Da weltweit kein Land (auch keines weitab vom damals sich anbahnenden Kriegsgeschehen) bereit war zu helfen, war die Schweiz danach gezwungen, Rückweisungen an der Grenze vorzunehmen.

J-Stempel

Inakzeptabel ist einmal mehr die Darstellung der Herkunft des sog. Juden-Stempels (Seite 109). Bekanntlich hat Prof. Georg Kreis massgeblich darauf hingewirkt, die Ende der neunziger Jahre ans Tageslicht gekommenen neuen Erkenntnisse zum J-Stempel im Bergier-Bericht zu unterdrücken. Die Schulbuch-Autoren haben den Bergier-Bericht einfach abgeschrieben - mitsamt den Fehlern. Sie schreiben: "Schliesslich gab Deutschland den Schweizer Forderungen nach und kennzeichnete die Reisepässe deutscher Juden mit einem ‹J›-Stempel."

Dieser Vorwurf gegen die Schweiz entstand 1954 aufgrund eines Artikels im Schweizerischen Beobachter. Seit wenigen Jahren ist bekannt: Chefredaktor Rippmann hatte 1954 in einem entscheidenden Punkt zwei Personen schlicht verwechselt - und damit Worte des Deutschen Gesandten Köcher irrtümlicherweise dem Schweizer Chefbeamten Rothmund in den Mund gelegt. Damit war der Mythos des angeblich schweizerischen "Vorschlags" für diesen J-Stempel geboren. Heute ist klar, dass dieser Vorwurf ohne Grundlage ist. Es ist klar, dass die Schweiz nie eine "J"-Markierung in den Pässen deutscher Juden gefordert hat.

Verzerrung als Methode

Aufschlussreich sind auch die allerletzten sechs Seiten des Schulbuchs. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen fallen Bemerkungen zu Australien, Südafrika, und Jugoslawien. Die Absicht ist ebenso plump wie durchsichtig: Es sollte der Vorwurf entkräftet werden, das Schulbuch sei ein blosser Abklatsch des Bergier-Berichts. Mit drei "Feigenblatt-Kapiteln" wurde ein scheinheiliges Argument konstruiert, es gehe keineswegs bloss darum, den Schülern die Bergier-"Erkenntnisse" einzutrichtern.

Dass die treibende Figur hinter dem Bergier-Bericht, Prof. Georg Kreis die politische Absicht verfolgt, die bisher anerkannte historische Wahrheit müsse "als Mythos zertrümmert" werden, damit endlich eine "vorwärts gerichtete Aussenpolitik" Platz greifen könne, ist hinlänglich bekannt. Dass auch das Schulbuch politische Zwecke verfolgt, wurde von "Weltwoche"-Redaktor Urs Paul Engeler am 2. März 2006 wie folgt festgehalten:

"Vom 2. Weltkrieg und von den ausserordentlich schwierigen Bedingungen, die richtige Entscheidung zu treffen, ist kaum die Rede, dafür viel von aktueller Schuld, etwa vom schädlichen Isolationismus der Schweiz vom problematischen Schweizer Finanzplatz (‹Dienstleister für die Devisenbeschaffung oder gar für die Geldwäscherei›) sowie vom überholten ‹Sonderfall Schweiz›."

Die Ideologie der Autoren zeigt sich vielleicht am klarsten auf Seite 50 des neuen Schulbuchs, wo Faschismus und Kommunismus einander gegenübergestellt werden und der Kommunismus für die Schüler folgendermassen charakterisiert wird: "Der Kommunismus hingegen forderte Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle Menschen".

Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Luzi Stamm, Nationalrat

Literaturhinweis: Bonhage, B.; Gautschi, P.; Hodel, J.; Spuhler G.: Hinschauen und Nachfragen - Die Schweiz und die Zeit des Nationalsozialismus im Licht aktueller Fragen. Zürich: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, 2006. 152 Seiten, A4, farbig illustriert, broschiert. Schulpreis Fr. 24.-, Ladenpreis Fr. 37.-.