Nr. 07, 26. März 2004
Schienen-Güterverkehr
in der Europäischen Union
Holperfahrt durch die Bürokratie
Von Walter Wille
Ginge es um Lastwagen-Verkehr, wäre die vergleichbare
Situation ungefähr so: An jeder Grenze müsste die Spedition den
Fahrer wechseln, falls dieser die Sprache im neuen Land nicht beherrscht.
Und manchmal obendrein die Zugmaschine, weil in anderen Ländern mit anderen
Treibstoffsorten gefahren würde und die landestypischen Zapfpistolen
nicht
in fremde Tanköffnungen passen würden.
Tatsächlich existieren
in den verschiedenen EU-Staaten viele unterschiedliche Normen, zum Beispiel
bezüglich der Anbringung der Scheinwerfer und Rücklichter, bezüglich
Bremsen, bezüglich
Ausstattung des Führerhauses bis hin zur Positionierung von Tacho
und Blinkerhebel.
Fiktion ...
Um grenzüberschreitend Fracht befördern zu dürfen, müsste
ein Spediteur von heute seine Fahrer also in Sprachkurse schicken und die
Fahrzeuge für viel Geld doppelt und dreifach mit technischer Zusatzausrüstung
vollstopfen, damit sie die Vorschriften aller Länder, die sie durchfahren,
erfüllen
könnten. Doch das würde noch nicht ausreichen: Um die Zulassung
für Nachbarländer zu erhalten,
müsste der Spediteur mit jedem seiner Lastwagen ein aktenauftürmendes
Zulassungsverfahren absolvieren, einschliesslich wochenlanger Probe- und Messfahrten
in jedem von seinen Lastwagen durchfahrenen Land. Weil die Vorschriften mitunter
unklar sind und sich immer mal wieder ändern, würde das Verfahren
Jahre dauern ...
... und Wirklichkeit
Klingt absurd, das Beispiel. Es trifft für den grenzüberschreitenden
Strassentransport in dieser Weise auch nicht zu. Im Bahnverkehr aber ist so
etwas Wirklichkeit. In der Welt der Eisenbahn, in
der über viele Jahrzehnte hinweg ganz unterschiedliche nationale Strukturen
gewachsen sind, kommt die Überquerung einer Grenze dem Betreten eines
anderen Planeten gleich. Verschiedene Stromsysteme, Signalanlagen, technische
Standards und betriebliche Verfahren hemmen den Verkehr. Das ist bedauerlich
für ein Unternehmen wie der deutschen Railion, die frühere DB Cargo,
bei dem der Anteil internationaler Frachtverkehre inzwischen mehr als 50 Prozent
erreicht hat. Und für Kunden, die sich fragen, warum dies oder jenes
nicht ein bisschen schneller und billiger geht.
Die Europa-Lok
Bis zum Jahr 2008 will Railion für rund 1,3 Milliarden Euro 500 elektrische
Triebfahrzeuge kaufen, darunter 400 Loks der neuen Baureihe 185. Exemplare
dieser «Europa-Lok», jeweils ungefähr 2,6 Millionen Euro
teuer, werden seit dem Jahr 2000 in Betrieb genommen. Es handelt sich um eine
von Bombardier gebaute mittelschwere Lok, die dank Zweisystem-Technik in allen
europäischen Wechselstrom-Netzen mit 15 kV/16 % Hz (wie in Deutschland)
und 25 kV/50 Hz verkehren kann: Sie ist schon für das künftige europäische
Zugbeeinflussungssystem ETCS vorbereitet, das einmal die vielen länderspezifischen
Varianten ablösen soll. Mit der Lok-Baureihe 185 stellt die Deutsche
Bahn ein robustes, zuverlässiges Arbeitspferd für Geschwindigkeiten
bis 140 km/h in Dienst, wie Ralph Müller, bei der DB Systemtechnik für
Elektroloks verantwortlich, sagt. Das Besondere an ihr: Sie ist nicht nur
für Deutschland, sondern auch für die Schweiz, Österreich,
Luxemburg, Frankreich, Schweden, Norwegen, Dänemark und Ungarn konzipiert.
Von vornherein hatte der Hersteller die in diesen Ländern bestehenden
Zulassungs-Forderungen berücksichtigt. Jedenfalls «soweit bekannt»
eine
wichtige Einschränkung.
Taschenlampen- Harmonisierung
Zur «Europa-Lok» wird die BR 185 erst durch Aufrüstung der
Basisversion mit Ergänzungspaketen: Zusatz-Stromabnehmer für andere
Oberleitungen etwa, weitere Zugsicherungssysteme, Software-Anpassungen und
dergleichen. Vieles ist unumgänglich, manches abenteuerlich, zum Beispiel,
wenn diverse Handlampen für den Triebfahrzeugführer beschafft werden
müssen, weil Frankreich die Schweizer Version nicht akzeptiert. Oder
wenn verschiedene Sorten Feuerlöscher an Bord sein müssen, weil
es kein Produkt gibt, auf das man sich einigen kann. Die Kosten für Entwicklung
und Beschaffung der Zusatzausrüstungen gehen in die Millionen. So kommt
es, dass der Aufwand für
eine freie Fahrt nach Schweden derzeit laut Müller «unbezahlbar»
ist.
Freundnachbarliche Zusammenarbeit
Bei der Bestellung der BR 185 vor sechs Jahren hatte die Deutsche Bahn offenbar
unterschätzt, wie schwierig es einmal sein würde, sie über
die EU-Binnengrenzen in die Nachbarländer verkehren zu lassen. Die technischen
Hürden seien überwindbar, sagt Müller, die Erfahrungen mit
den bürokratischen Hemmnissen bei den Zulassungsprozeduren allerdings
schlicht «frustrierend». Er klagt über seiner Ansicht nach
mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit in den nationalen Zulassungsbehörden,
unpräzise Kriterien, sich häufig ändernde Zulassungsbedingungen,
überzogene und teilweise
unsinnige Anforderungen an die Lokomotiven. Bestimmungen des Umwelt-, Brand-
oder Gesundheitsschutzes würden mitunter über bestehende Grenzwerte
hinaus «ins Irreale» verschärft.
Ein weiteres Beispiel für den Harmonisierungsstau: Wegen der vielen unterschiedlichen
Vorschriften für das Licht an Front und Heck braucht die Zweisystemlok
185 einen Wahlschalter mit acht Stellungen, die Viersystemlok BR 189 von Siemens,
die zusätzlich in ausländischen Gleichstromnetzen fahren
kann, hat sogar einen Drehschalter mit 15 Positionen. Messungen und Testfahrten
müssen für jedes fremde Netz wiederholt werden. Bitter ist es auch,
wenn nach der physischen Abnahme des ersten Fahrzeugs die Übereinstimmungserklärung
für die weiteren Loks nicht anerkannt wird, so dass alle vorgeführt
werden müssen. So ziehen sich die Zulassungsbemühungen jahrelang
hin, obwohl auch die Bahnen anderer Länder die Baureihe 185 anschaffen.
Seit langem fährt die DB mit «Uralt-Loks» nach Österreich,
ringt Müller zufolge aber nun seit Jahren vergeblich um die Genehmigung
für die «um Längen bessere» BR 185. Selbst die Frage,
ob ein Rückspiegel sein muss oder nicht, entzweit die Nachbarn.
Schweiz als lobenswerte Ausnahme
Müller erklärt sich die «Neigung zum Verzögern und Abschotten»
so: «Das sind Ängste vor dem Wettbewerb und dem Einbruch in die
Märkte.» Diverse Zulassungsverfahren für die Eurolok laufen
seit 1999. Lediglich die Schweiz, nach den Worten Müllers die lobenswerte
Ausnahme, hat bisher ihre Zustimmung gegeben. Als Hoffnungszeichen gilt ferner
eine mühsam erarbeitete, vorerst befristete Zulassung für Frankreich;
seit kurzem verkehren deutsche Güterzüge mit fürs französische
Netz modifizierten BR 185 ohne Lokwechsel zwischen den Rangierbahnhöfen
Mannheim und Woippy bei Metz. Das bedeutet jeweils rund vier Stunden Zeit-
und eine erhebliche Geldersparnis. Sobald
das Personal seine Sprachkurse absolviert hat, sollen die Züge ohne Lokführerwechsel
an der Grenze durchrollen. Was der Lokexperte Müller für dringend
notwendig hält, sind Richtlinien, die für alle gültig sind.
Die Zukunft stellt er sich derart vor: Alle Fahrzeuge sollten aufgrund ihrer
nationalen Genehmigungen automatisch in allen europäischen Ländern
zugelassen sein. Die nationalen Behörden sollten Gelegenheit bekommen,
Vorbehalte der EU und der Erst-Zulassungsbehörde mitzuteilen, die Differenzen
seien dann innerhalb von drei Monaten zu klären. Die EU solle die Kompetenz
erhalten, missbräuchliche Nichtanerkennung aufzuheben. Dann würde
sich vermutlich schnell zeigen, ob
eine Lok, die für Deutschland taugt, auch für ein anderes Land gut
genug ist.
Walter Wille
Dieser Artikel erschien
am 2. März 2004 unter dem Titel «Mit einer vollen Ladung Bürokratismus»
in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Seite T1). Die «Schweizerzeit»
bedankt sich für das ihr eingeräumte Copyright. Die Zwischentitel
wurden von der «Schweizerzeit» eingesetzt. Der Artikel-Anfang
wurde mit Blick auf unsere schweizerische Leserschaft geringfügig bearbeitet.