Nr. 07, 26. März 2004
Zum
80. Geburtstag von Prof. Dr. Hans Letsch, alt Ständerat
Freiheit und Verantwortung als Verpflichtung und Kompass
Von Woldemar Muischneek, Spiegel BE
«Der mündige Mensch ist zu Freiheit
und persönlicher Verantwortung sich selber und seinem Umfeld bzw. seiner
Umwelt gegenüber berufen. Bescheidenheit (nicht Arroganz), Mass (nicht
Gigantismus und Raubbau am Rohstoff Natur), Rücksichtnahme (nicht Egoismus),
Selbsthilfe und Chancen-Nutzung (nicht Trägheit und Vollkasko-Mentalität)
sowie spontane Hilfsbereitschaft (nicht staatlich erzwungene Solidarität)
sind unverzichtbar, wenn das freiheitliche Menschenbild Bestand haben sollte.»
Der Autor dieser Sätze
ist Hans Letsch, der am kommenden 31. März seinen 80. Geburtstag feiern
kann. Sie finden sich in seinem Beitrag «Freiheitliche Ordnungspolitik:
Garant für direkte Demokratie, Marktwirtschaft und Föderalismus»
zum Sammelband «EigenStändig / Die Schweiz ein Sonderfall»
(2002) und bezeichnen exakt die Leitlinien, denen Hans Letsch in seinen Tätigkeiten
zeit seines Lebens treu geblieben ist: in der öffentlichen Verwaltung
(als Chef der Finanzverwaltung des Kantons Aargau, als Generalsekretär
des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements), in der Wirtschaft
(in geschäftsleitender Funktion bei der V-Zug und als Verwaltungsrat
namhafter Unternehmen), in der Wissenschaft (als Titularprofessor an der Hochschule
St.Gallen) und in der Politik (als freisinniger Nationalrat des Kantons Aargau
von 1971 bis 1979 und als Ständerat von 1979 bis 1987) sowie in der
politischen Publizistik (u. a. auch mit seinem wegweisenden Buch «Soziale
Marktwirtschaft als Chance Die Schweiz auf dem Prüfstand»
(1992) und den Schriften «Stoppt den Staat er ist zu teuer!»
sowie «Freiheit und Verantwortung ein Kompass im Labyrinth politischen
Wunschdenkens» (1998).
Freiheitliches Menschenbild
Hans Letschs politisches und publizistisches Wirken fusste stets auf dem so
verstandenen freiheitlichen Menschenbild, das auch die Soziale Marktwirtschaft
Ludwig Erhards als umfassendes Ordnungs-System prägt. Er liess sich nie
durch den flüchtigen Zeitgeist beirren, bemühte sich nicht
wie allzu viele Politiker um die tagesaktuelle Popularität in der
Medienwelt. Kontinuität und Weitsicht zeichneten sein Politisieren aus.
Seine (vorbildlich wenigen) parlamentarischen Vorstösse belegen, wie
früh er Grundprobleme eines «langfristig gedeihlichen Wirtschaftswachstums»
unter Einbezug der Umweltproblematik und die beunruhigenden längerfristigen
Perspektiven der sozialen Sicherheit erkannt hat. Und unablässig kämpfte
er für eine in ganzheitlicher Sicht verantwortbare Finanzpolitik. Dies
bedeutete für ihn fernab von Partikularinteressen auch immer,
die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu überprüfen, die fatalen
Folgen des auch in liberalen Kreisen weit verbreiteten Glaubens an die staatliche
Machbarkeit sichtbar zu machen und gegen das unverhältnismässige
Ausgabenwachstum (mit entsprechender Verschuldung) entschieden aufzutreten.
Dabei vertrat er in der tagespolitischen Auseinandersetzung stets überzeugt
und überzeugend die Werte, die unser Staatswesen ausmachen (die direkte
Demokratie, den Föderalismus), und konsequent die freiheitliche
Ordnungspolitik, die in letzter Zeit gerade auch von der Freisinnigen Partei
in vielen Bereichen nur unzureichend praktiziert und in der jetzigen Programm-Diskussion
offensichtlich vernachlässigt wird.
Politische Bilanz
Wenn nun Hans Letsch als wachsamer und stets aufmerksamer Zeitgenosse in seiner
Schrift «Ikarus Übermut fordert seinen Preis» eine
politische Bilanz in Bezug auf den Zustand der Eidgenossenschaft zieht, so
kann sie aus der Sicht einer freiheitlichen Ordnungspolitik nicht beruhigende
Zufriedenheit auslösen. Noch einmal muss er warnen, noch einmal versucht
er, den Mitbürgerinnen und Mitbürgern die Augen zu öffnen mit
treffenden Analysen, aber auch mit zukunftsweisenden Ideen. Das Stichwort
«Übermut» bildet die Klammer für bedenkliche Erscheinungen
und Entwicklungen in
Politik und Wirtschaft. «Langsam, aber sicher nisten sich Führer-Kult
und Macht-Dünkel auch in Verwaltungs- und Regierungsgebäuden ein»,
stellt Hans Letsch fest. Und: «Die Staats-Diener und Politiker stellen
sich über die Bürger, denen sie verpflichtet wären und deren
Freiheiten bzw. Rechte sie zu schützen hätten.» Politiker
wie Unternehmer erinnert er daran, dass «Rücksichtslosigkeit, Ellbogen-Manieren,
Abzocker-Mentalität, persönlicher Ehrgeiz und Machtdünkel Ausdruck
des Missbrauchs persönlicher Freiheit und des Mangels an umfassender
Verantwortung sind». Und so analysiert Hans Letsch in luzider Weise
die grenzenlose Anspruchsmentalität, die trügerische Staatsgläubigkeit,
Macht und Machtmissbrauch im Bundeshaus, wozu insbesondere die überbordende
staatliche Information gehört, die «Gipfel des Übermuts»
sich zu einer eigentlichen Indoktrination zu entwickeln scheint.
Mehr Freiheit und weniger Staat Mit der Feststellung, dass die Mehrzahl der
bürgerlichen Politiker bis heute ganz einfach versagt habe, wirft Hans
Letsch ein weiteres Mal die Frage nach einer Neustrukturierung der Parteien-Landschaft
auf, mit welcher der demokratische Willensbildungsprozess befruchtet und glaubwürdiger
gestaltet werden könnte: Beispielsweise in Form einer Konzentration auf
drei grosse Blöcke: ein staatskritischer (rechts), was notabene nicht
«staatsfeindlich» bedeutet, ein staatsfreundlicher (Mitte) und
ein staatsgläubiger (links). Als Kern des rechten Blocks sieht Hans Letsch
die SVP, als Kern des Mitte-Blocks eine «geläuterte» FDP
und CVP, als Kern des Linksblocks die SP.
Wichtig bliebe aber vor allem dies: «Wenn es uns gelingen soll, die
Anspruchsmentalität zu brechen, der Überforderung von Wirtschaft
und Staat zu begegnen und unsere bewährten kleinstaatlichen Strukturen
(direkte Demokratie, Föderalismus, Milizsystem) zu stärken, so braucht
es hiezu
einfach mehr Freiheit und weniger Staat, d. h. nicht grenzenlose Freiheit
und kein Staat.» Und dazu: «Mut, im direkt-demokratischen Willensbildungsprozess
die Grundsätze freiheitlicher Ordnungspolitik
konsequent umzusetzen.»
Hans Letsch ist zu danken, dass er uns erneut einen Spiegel vorhält,
in dem die heutigen Zustände klar sichtbar werden, aber auch dafür,
dass er freiheitlichen Kräften zukunftsweisende Erkenntnisse und Ideen
auf den politischen Weg mitgibt. Er möchte wohl in diesen Tagen manche
Gratulationen
mit dem geflügelten Wort «Wir wollen weniger erhoben und fleissiger
gelesen sein» abwehren. Tun wir es, handeln wir entsprechend in Politik
und Wirtschaft es wären wohl die schönsten Geburtstagsgeschenke
für ihn.
Woldemar
Muischneek