Nr. 7, 14. März 2003

Konstruktiver Einsatz war immer das Leitmotiv
Die Schweiz und Südafrika

Von Dr. Pio G. Eggstein, Johannesburg


Die Weltwirtschaft kennt keine langen und gradlinigen Entwicklungen. Jedes
Land, jeder Rohstoff, jedes Produkt, jede Technik hat seine Zeit. Kommt die
grosse Gelegenheit, so muss sie genutzt werden, sonst ist sie für immer
vorbei. Das internationale Unternehmertum war sich dessen bewusst, als die
Stunde des Goldes schlug.

In Südafrika kam die Jahrhundert-Chance für in- und ausländische Unternehmer
zwischen 1960 und 1980, als der Goldpreis in Stufen vom Währungsstandard (35
Dollar pro Unze) gelöst wurde und Ende 1979 auf 850 Dollar emporschnellte.
Nun lohnte es sich, auch ärmere und tiefer liegende Vorkommen abzubauen.
Südafrikanische Minen bauten Schächte bis über 4000 Meter unter die
Erdoberfläche in Gesteinsschichten, die um 70 Grad heiss sind und mit
herbeigepumptem Wasser gekühlt werden müssen. Die Minenindustrie zog
unzählige Zulieferbetriebe und Satellitenindustrien wie Zement- und
Stahlfabriken, Elektrizitätswerke mit Kohlengruben, Wasserfassungen und
-zuleitungen nach sich. Rund um die grösseren Minen bildeten sich Städte,
Strassen- und Eisenbahnnetze mit Elektrizitäts- und Wasserversorgung.

Hochkonjunktur genutzt
Fast alle führenden Schweizer Unternehmen beteiligten sich mit eigenen
Firmen an dieser Industrialisierung. Die Versicherungen und Grossbanken
folgten. Um Schritt zu halten mit der ausländischen Konkurrenz und dem
rasant steigenden Energiebedarf, wurden z. B. der Electricity Supply
Commission Exportkredite gewährt, die nach fünf Jahren durch
Privatplazierungen von Notes um weitere fünf Jahre verlängert wurden. Die
tiefen Zinssätze der Schweiz kompensierten die relativ hohen Lohnkosten und
ebneten den Weg für Firmen wie Brown Boveri (ABB), Elektrowatt, Motor
Columbus. Zement lieferte Holcim, damals noch Holderbank, Pumpen kamen von
Sulzer, und vom Bau der neuen Hochhäuser profitierte Schindler-Aufzüge.
1980 brach der Goldmarkt und mit ihm der wirtschaftliche Boom zusammen. Der
Unzenpreis sank Jahr um Jahr. Gegenwärtig hat er sich bei 300 Dollar
eingependelt. Daher können nur noch leicht zugängliche und relativ reiche
Goldvorkommen ausgebeutet werden. Die Minenindustrie und ihre Infrastruktur
sind geschrumpft. Die Hochkonjunktur blieb auf die zwei Jahrzehnte des hohen
Goldpreises beschränkt. Hätte Südafrika diese einmalige Gelegenheit
verpasst, so wären die meisten Goldlager wertlos im Boden geblieben wie in
vielen anderen Ländern Afrikas.
Glücklicherweise war Südafrika zur Zeit des Goldbooms keine überseeische
Kolonie mehr, sondern wurde von einer Nationalen Partei regiert, welche
argwöhnisch darüber wachte, dass die Erlöse aus den Goldexporten repatriiert
wurden. Obwohl die schwarze Belegschaft nicht gleichermassen profitierte wie
die weissen Kollegen, hat auch sie Nutzen gezogen aus der modernen
Infrastruktur und der Privatwirtschaft Südafrikas, welche mit den
Golderlösen finanziert wurden. Seit der ANC-Machtübernahme 1994 profitieren
vor allem jene, die früher als Benachteiligte eingestuft waren.

Der Boykott
Gleichzeitig mit dem sinkenden Goldpreis mussten in den achtziger Jahren
auch die industriellen Überkapazitäten abgebaut werden. Verschärfend wirkte
der Boykott, mit dem viele Drittländer ­ vor allem die USA ­ die
Apartheidpolitik Pretorias beantworteten. Obwohl die Schweiz sich dem
Boykott nicht anschloss, zwangen sie wirtschaftliche Faktoren zur Reduktion
ihrer Präsenz. Auch mussten ihre Geschäfte auf den sogenannten «courant
normal» beschränkt werden, um die mögliche Boykottumgehung von Drittländern
via Schweiz zu unterbinden. Allzu schwer fiel das nicht, weil sich mit dem
Ende des Goldbooms der südafrikanische Bedarf für Importe und Kredite
ohnehin gesenkt hatte. Ab 1986 sorgte das Zahlungsmoratorium dafür, dass
fast keine neuen Gelder mehr ins Land flossen. Im Gegensatz zu anderen
Schuldnerstaaten ist Südafrika aber seinen vertraglichen Verpflichtungen
stets nachgekommen und hat im August 2001 die letzten Ausstände des
Moratoriums beglichen.
Einige Kirchenvertreter und linkslastige Fundamentalisten beanstandeten,
dass die Schweizer Unternehmer den Boykott nicht mitgemacht und sich
folglich nicht aus Südafrika zurückgezogen haben. Man kann darüber
verschiedener Meinung sein, aber einige wichtige Tatsachen lassen sich nicht
leugnen.
Unter der schwarzen Bevölkerung wurde der Boykott nur von einer kleinen
ideologisierten Elite befürwortet. Hätte die breite Mehrheit der Schwarzen
ihn gewollt, so wäre sie einfach in den Ausstand getreten und hätte die
Wirtschaft lahmgelegt. Zwar gab es immer wieder einmal kleine Streiks, aber
sie wurden stets durch konkrete Zwischenfälle oder Forderungen ausgelöst.

Erfolg durch Zusammenarbeit
Ein Rückzug aller multinationalen Unternehmen hätte nicht nur zu
Massenarbeitslosigkeit, Hungersnot und internen Kämpfen geführt, er hätte
auch die staatlichen Betriebe und die Privatwirtschaft ruiniert. Die
zögernde Rückkehr der Firmen, die am Boykott teilnahmen, beweist, dass der
Boykott nicht mit der Machtübernahme durch den ANC beendigt worden wäre.
Dank dem Verbleib vieler britischer, deutscher, französischer und
schweizerischer Firmen und dank der hilfsbereiten Zusammenarbeit ihrer Kader
mit der neuen Regierung konnte der ANC die Führung eines modernen «going
concern» übernehmen. Dies ermöglichte es, die Mehrheit der städtischen
Schwarzen in relativ kurzer Zeit an den Errungenschaften der westlichen
Geld- und Marktwirtschaft zu beteiligen. Länder wie Angola, Kongo, Sambia
und Simbabwe zeigen, was sonst auf sie gewartet hätte.
Vor diese Wahl gestellt, liess der ANC manche Kampfparole seiner Exilzeit
fallen und entschloss sich, die übernommenen Wirtschaftsstrukturen zu
pflegen und die privaten Eigentümer zu ermuntern, sie weiter auszubauen ­
natürlich unter besonderer Förderung der schwarzen Mitarbeiter.
Zwei Jahrzehnte nach dem Goldboom befindet sich Südafrikas Wirtschaft in
einer fundamental neuen Situation. Mit dem rasanten Wachstum Amerikas hat
der Dollar praktisch die Rolle des Goldes als Währungsreserve übernommen.
Und mit der Erfindung von Plastik und anderen Kunststoffen ist die Industrie
unabhängiger geworden von den natürlichen Rohstoffen. Gold und andere
Metalle, welche 1980/81 über fünfzig Prozent der südafrikanischen
Exporterlöse eintrugen, brachten 2001/02 nur noch rund zehn Prozent. Das
Land ist jetzt auf die Produkte seiner verarbeitenden Industrie und auf
seine Dienstleistungen angewiesen. Im Zuge von Mechanisierung und
Automatisierung hat auch die körperliche Arbeitskraft an Bedeutung
eingebüsst, vor allem die ungeschulte, an welcher Afrika Überschuss hat.
Die Globalisierung der Weltwirtschaft stellt Südafrika vor die Wahl, sich
anzupassen oder in eine informelle Subsistenzwirtschaft abzusinken. Die
moderne Infrastruktur und die westliche Geschäftselite ermöglichen den
Anschluss an die Industrieländer ­ eine Ausnahme in Sub-Sahara-Afrika. Die
ANC-Regierung drängt darauf; denn nur so kann die schwarze Bevölkerung aus
der traditionellen Armut befreit und in den Genuss der westlichen
Zivilisation gebracht werden.
Die wirtschaftliche und persönliche Entwicklung der Bevölkerung war schon
lange ein Anliegen der weissen Industriekapitäne, ist sie doch eine
Voraussetzung für die Steigerung der Produktivität. Neu sind nur die
Gesetze, welche die Firmen dazu verpflichten. Jeder Angestellte und
Facharbeiter soll jetzt auch Lehrer werden und sein Know-how den neu
mitarbeitenden Schwarzen weitergeben. Zeitbedarf und Problematik dieser
Entwicklung dürfen allerdings nicht unterschätzt werden. Schon im heutigen
Stadium zeigt sich, dass voreilige Förderung und Vetternwirtschaft unter
Schwarzen die produktive und verwaltungstechnische Effizienz ernsthaft
gefährden können.
Entscheidend für den Erfolg ist, dass Regierung und politische Parteien
nicht verfrüht Erwartungen durch Versprechen wecken, die nicht rechtzeitig
eingelöst werden können. Denn dies müsste die politischen Rivalen dazu
verleiten, sich vor den Wählern für Versäumnisse mit Feindbildern von
weissen Rassisten und unkooperativen Arbeitgebern zu entschuldigen. Die
Kultur der Versöhnung und der Eintracht im Aufbau, welcher Nelson Mandela so
erfolgreich Pate stand, wäre dann in Frage gestellt. Die bisher verkraftbare
Abwanderung von Unternehmen und Fachkräften, Kapital und Know-how würde zu
einem Strom anschwellen. Ein Kollaps des Erste-Welt-Sektors würde folgen.

Feldzug gegen Konzerne
Nicht förderlich ist neuerdings auch die Einmischung von linkslastigen
Gruppen der Anti-Apartheid-Bewegung. Sie haben sich mit professionellen
Aktivisten und profilsüchtigen Kirchenvertretern verbrüdert in einem Feldzug
gegen multinationale Konzerne. Speziell wird den Grossbanken unterschoben,
sie hätten sich mit der Apartheid identifiziert, indem sie das
südafrikanische Gold vermarktet hätten. Logischerweise hätte man sie auch
als Kommunisten anprangern müssen, da sie gleichzeitig führend im Verkauf
des sowjetrussischen Goldes waren. Aber auf die eigenen Zehen wollen sich
die Ankläger natürlich nicht treten. Auf jeden Fall suchen sie nach Gründen,
um namens nicht identifizierter Opfer Reparationen für angeblich
phantastisch hohe Gewinne durch Ausnützung der Apartheid einzufordern.
Die südafrikanische Regierung hat sich von dieser Kontroverse distanziert.
Sie blickt nach vorn und hat den konstruktiven Einsatz der Schweizer
Regierung und Privatwirtschaft demonstrativ verdankt. Bei seinem
Staatsbesuch in der Schweiz im September 1997 hat Nelson Mandela erklärt:
«Wir sind stolz auf die 300 Schweizer Unternehmen in unserem Land, die 25
000 Südafrikaner beschäftigen, und wir würden eine weitere Ausdehnung des
Handels mit der Schweiz und weitere Schweizer Investitionen begrüssen.»
Die fortschreitende Globalisierung der Weltwirtschaft entzieht
multinationale Konzerne ohnehin der nationalen Kontrolle. Die Mobilität
ihrer Kader, Produktionsstätten und Prozesse, aber auch ihres Kapitals und
ihrer Preisstrategie ermöglicht es, ihre fähigsten Leute und
Produktionszentren dorthin zu verlegen, wo die Umwelt- und
Arbeitsbedingungen am günstigsten sind. Disziplinlosigkeit, Kriminalität,
Streiks, starre Arbeitsgesetze und hohe Steuern schrecken ab und bewegen
Unternehmer, sich in bessere Gefilde abzusetzen. Auch in Pretoria will man
nicht die Gänse schlachten, welche die goldenen Eier legen. Die Schweiz ist
hinter Grossbritannien, den USA, Deutschland und Frankreich der fünftgrösste
Investor in Südafrika.

Fazit
Aus globaler und nationaler Sicht haben sich die Bemühungen der Schweizer
Regierung und Privatwirtschaft um den internen Dialog und die nachfolgende
Demokratisierung Südafrikas grosso modo gelohnt. Trotz der hohen
Kriminalität ist das menschliche Klima entspannt. Die südafrikanische
Regierung ist bestrebt, die Bedürfnisse der Minderbemittelten zu
befriedigen. Alle sollen Häuser mit Strom- und Wasseranschluss und
monatlichen Gratiskontingenten erhalten. Kleinverdiener werden durch einen
steuerfreien Raum begünstigt. Auch sie sollen in den Genuss eines adäquaten
Gesundheits- und Erziehungswesens gelangen. Als Kehrseite dieser Culture of
Entitlement treten allerdings ­ vorläufig vereinzelt ­ Forderungen nach
Nivellierung des privaten Besitzes und nach einem monatlichen
Mindesteinkommen aus der Staatskasse auf. Auch in Ländern, deren Einwohner
mehrheitlich in einer Subsistenzwirtschaft leben, sollte die Sozialpolitik
aber ausgewogen und finanziell tragbar bleiben. Eine Kultur der
individuellen Berechtigung müsste dann logischerweise mit einer restriktiven
Geburtenkontrolle verbunden werden, wie sie in China unter Mao verhängt
wurde. Dieses Problem ist global. Es wird nicht nur Pretoria, sondern auch
die internationalen Organisationen beschäftigen.

Dr. Pio G. Eggstein