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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 15. März 2002

Nach der Uno-Abstimmung
Wenn Sieger feiern

Allmählich rappeln sie sich auf, die «Sieger» vom 3. März. Wenigstens jene unter ihnen, die sich als «Intellektuelle», als Vordenker also, verstehen. Und sie hämmern ­ im «Sonntags Blick», im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» ­ den siegreichen Politikern ein, sie sollten sich doch endlich wie Sieger aufführen, sie sollten demonstrieren, dass Freude herrsche. Und in ihrem «Siegesrausch» nicht bloss ­ sichtbar schlotternd vor SVP-Wahlsiegen ­ plötzlich die jahrelang mit all ihren Defizit-Orgien mitgetragene Expo zu kippen versuchen. Oder ­ allein aus Angst vor der SVP ­ unversehens die jahrelang mitbefürwortete edle Solidaritätsstiftung flachzulegen versuchen, nachdem man ihr wenige Wochen zuvor noch «zum Durchbruch» hatte verhelfen wollen.

Denn, begründen die intellektuellen Siegerstimmungs-Verordner, das Hauptziel sei am 3. März schliesslich erreicht worden: Blocher sei besiegt! Weiteres fällt diesen intellektuellen Vordenkern nicht mehr ein. So, wie sie vor der Abstimmung kaum Substantielles zur Uno zu äussern wussten, so ver- schlägt ihnen die Uno, eigentlich Gegenstand der Abstimmung vom 3. März, auch danach noch die Sprache.

Starr nehmen sie hin, wie gleich zwei der «siegreichen Bundesräte» ans Telefon rennen und ­ buch- stäblich in Schulbuben-Pose ­ dem hohen Zentralsekretär zu New York pflichtschuldigst rapportieren, die Schweiz sei jetzt auch dabei. Ja, man habe schon Freude ­ und New York gewiss doch auch. Ob der Bundesrat bei diesem gequälten Auftritt bereits im Besitz der EU-Note war, die ­ nur Stunden nach dem knappen Uno-Ja ­ die Schweiz dringend ermahnte, jetzt endlich mit der Zinsbesteuerung nach EU-Vorstellung vorwärtszumachen ­ im Klartext: endlich unser Bankkundengeheimnis zu opfern!

Wie können die, dachte man wohl zu Bern, derart Gemeines verlangen, wo man doch nur «Öffnung demonstrieren» wollte ­ und natürlich Blocher besiegen! Offenbar lässt die freisinnige Gewerbeverbands- Führerriege die kleinen und mittleren Betriebe die finanziellen Lasten für die unweigerlich eintreffenden Ausgabensteigerungen für Berns «aktivere Aussenpolitik» nur tragen, weil sie damit Blocher glaubt treffen zu können ­ nachdem, aus offenbar gleichem Motiv, die ebenso freisinnigen Verbandsgewaltigen bereits die Wirtschaft für einen Abstimmungskampf, der der Wirtschaft nichts bringt, um weit über zehn Millionen Franken erleichtert hat.

Und damit glauben die, Blocher bodigen zu können. Kopfloser kann man Siegesfreude gewiss nicht umsetzen.

Ulrich Schlüer

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