Nr. 7, 15. März 2002

Die Armee-Tauglichkeit sinkt und sinkt
Alarmglocken ­ notorisch überhört
Von Valentin J. Oehen, Köniz

Kürzlich apostrophierte die «stärkste Zeitung der Schweiz» alle jene Rekruten als «Weich- eier», welche den Anforderungen der Rekrutenschule nicht gewachsen sind. Tatsächlich müssen nach offiziellen Angaben 25 Prozent der eingerückten Rekruten aus psychischen und physischen Gründen vorzeitig entlassen werden.

Zusammen mit den fünfzehn Prozent der jungen Leute, die schon bei der Aushebung als dienstuntaug- lich erklärt werden müssen, leiden also rund zwei Fünftel der männlichen Jugend unseres Landes unter einer angeschlagenen Gesundheit. Dieser alarmierende Spiegel der Volksgesundheit müsste eigentlich eine intensive Diskussion auslösen; er müsste alle Verantwortungsträger zu entschlossenem Handeln zwingen. Aber weit gefehlt! Es blieb bei einem Strohfeuer in den nach täglichen Schlagzeilen lechzen- den Massenmedien.

Verbesserte Aushebungsmethode?
Ab 2004 sollen die Stellungspflichtigen ­ haargenau dem Nato-Vorbild für die Berufssoldaten-Rekrutie- rung folgend ­ während dreier Tage in sechs Rekrutierungszentren auf Herz und Nieren geprüft werden. Damit glaubt man die Ausfallquote in den Rekrutenschulen absenken zu können. Als Konsequenz dürfte allerdings der Anteil Dienstuntauglicher bei der Rekrutenprüfung auf etwa dreissig Prozent anstei- gen. Wenn auf diese Weise unter Millionenaufwand von der eigentlichen Misere nur abgelenkt werden soll, dann ist das Augenwischerei.

Da tatsächlich ­ so die offiziellen Zahlen ­ sechzig Prozent der Dienstuntauglichen aus psychischen Gründen und vierzig Prozent wegen körperlicher Disharmonien den Belastungen einer modernen Rekru- tenschule nicht gewachsen sind, läuft offensichtlich einiges schief bei der «Aufzucht» unseres männli- chen Nachwuchses.

Seit Jahren verweisen Ärzte auf die zunehmenden Rückenleiden bei Jugendlichen. Das starke Körper- wachstum bei gleichzeitig ungenügender Entwicklung der Rückenmuskulatur scheint die Hauptursache zu sein. Die Gewohnheit überreichlicher Eiweiss-Ernährung bei nur bescheidener täglicher Anforderung an die Körpermuskulatur dürfte die entscheidende Ursache der disharmonischen Entwicklung sein. Höhere Anforderungen bezüglich körperlicher Anstrengung auf Schulreisen, in Klassenlagern etc. statt modischem Laisser-faire wäre wohl bereits ein erster Schritt in eine bessere Richtung.

Neben den fast zwangsläufigen Folgen der Verstädterung zeitigt auch die frühe Motorisierung der Jugendlichen fragwürdige Folgen. Sie wirkt sich mit Sicherheit ungünstig auf die Entwicklung kräftiger Muskeln, Sehnen und Bänder aus. Der Wochenendsport im Winter sowie zwei bis drei wöchentliche Turnstunden genügen als Ausgleich offensichtlich nicht.

Die zu ziehenden Konsequenzen liegen auf der Hand: Während die Erlaubnis zur Führung von Motor- rädern aller Kategorien auf das 17. Altersjahr angehoben werden müsste, wäre der Breitensport für Jugendliche nachdrücklich zu fördern. Überhaupt hätte die bewegungsfreudige Lebenshaltung ganz allgemein Aufwertung verdient.

«Mens sana in corpore sano»
Gemäss den Rapporten aus den Rekrutenschulen leidet die Mehrheit der vorzeitigen RS-Abgänger an Schlaflosigkeit, an Angstzuständen sowie an den Folgen des Gebrauchs legaler und illegaler Drogen. Konzentrationsfähigkeit und Belastbarkeit scheinen sich der Null-Grenze anzunähern. Sicher haben diese Probleme komplexe Ursachen. Drei davon seien hier kurz dargestellt; sie sind zweifellos von grosser Bedeutung.

«Wärmetod der Gefühle» nannte der verstorbene Verhaltensforscher Konrad Lorenz die Folgen des materiellen Überflusses ­ von den Nahrungsmitteln bis zu den Gebrauchsgegenständen im Alltag. Der junge Mensch muss für nichts mehr kämpfen, alles fällt ihm in den Schoss. In der Folge entwickelt er auch keine wirkliche Freude mehr an persönlich Erreichtem ­ sei es materieller Natur, sei es eine Festlichkeit oder seien es neue Erlebnisse.

Das Dichterwort «Saure Wochen ­ frohe Feste» macht keinen Sinn mehr. Gähnende Langeweile macht sich breit, die dann durch reinen Konsumismus aufgefüllt wird. Die Spielzeughaufen in den Kinderzim- mern, die überfressenen Jugendlichen und die selbstverständlich ohne Eltern verbrachten Ferien der Teenies in Indien, im Fernen Osten oder in Südamerika sind Zeugnisse dieser zweifelhaften Entwick- lung.

«Aber subito» ist zum Schlagwort einer masslos verwöhnten und verweichlichten Generation geworden. Es steht für mangelnde Ausdauer im Verfolgen von Zielen, für die Unfähigkeit im Ertragen von Frustra- tionen und für die Tendenz zur Flucht in eine Scheinwelt, wo alles nach Wunsch verläuft. Diese Schein- welt stützt sich auf Drogen aller Art, auf «Events», die die Sinne überreizen (in Discos, bei Open Airs und an sogogenannte Love-Parades), und auf ungehemmte Triebbefriedigung. Die Massenmedien helfen kräftig mit, diese Scheinwelt als real darzustellen.

«Antiautoritäre Erziehung» ist zwar kaum noch ein dogmatisch verkündetes Erziehungssystem. In breiten Kreisen wird sie jedoch praktiziert; man hat Angst, die eigene Autorität zur Geltung zu bringen. Zu allem und jedem werden schon Kleinkinder um ihre Meinung befragt. Entscheidungsbefugnisse werden unzulässigerweise nach unten delegiert und Jugendliche in Dingen zur Mitbestimmung aufge- fordert, die sie schlicht nicht zu überblicken vermögen. Die Folgen sind rotzfreche Kinder, kapitulierende Eltern, aus dem Schuldienst flüchtende Lehrer und eine generell zurückgehende Bereitschaft, Kinder zu bekommen und aufzuziehen. Den Rest besorgt eine masslos gewordene Konsumgüterindustrie, die mit allen Tricks der Werbung das jugendliche Konsumenten-Segment aktiviert und ausschöpft (selbstver- ständlich zu Lasten der Eltern, teilweise auch der Sozialfürsorge) und jegliche Verantwortung gegenüber dem eigenen Volk vermissen lässt.

Zwischen Freiheit und Verantwortung
Eine übersteigerte, rein materiell begründete Beschwörung der individuellen und der wirtschaftlichen Freiheit, gepaart mit dem trendigen politischen Schlagwort der Deregulierung und die Missachtung der Interessen der natürlichen Gemeinschaften (Familie, Gemeinde, Nation) führen geradewegs in die Pro- blematik der Auflösung aller Bindungen an Tradition, Ethik und eigene Kultur. Es entsteht ein amorpher Haufen von jungen Menschen, die später mühsam nach gültigen, zumindest funktionierenden Leitbildern suchen müssen. Der Begriff der Eigenverantwortung wird erst wieder mit Inhalt gefüllt, wenn nach dem vierzigsten Altersjahr auf der gesundheitlichen Ebene für Jugendsünden bezahlt werden muss.

«Der Schweiss der Edelsten» sollte es wert sein, Auswege aus der sich stetig verschlechternden Situation zu erarbeiten. Man darf gespannt sein, wie weit wir abrutschen müssen auf der schiefen Ebene der reinen Lustbefriedigung, bis die Alarmglocken endlich gehört und ernst genommen werden.

Valentin J. Oehen