Bürgerlich-konservative Zeitung für
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Spalte rechts

Szenarien

Spalte rechts vom 6. März 1998

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Die Strategen des Landes haben gesprochen: Zwar drohe uns kein Krieg. Aber schwer einschätzbare Bedrohungen blieben bestehen: Von Raketen, die aus tausenden Kilometer Entfernung auf unser Land abgefeuert werden könnten, von irgendwem. Da seien wir, sagen die Strategen, wehrlos. Eine starke eigene Armee, meinen die Strategen, nütze uns da nichts mehr. Nur die Annäherung an die NATO, nur der Beitritt zur EU, beschwören die Strategen, könne uns da noch retten.

Raketen? Seit wann kennt man auf diesem Erdball eigentlich die Bedrohung durch Raketen? Erst seit heute? Waren denn – vor fünfzehn, vor zwanzig und mehr Jahren – die äusserst bedrohlich gegen Westeuropa, damit auch gegen die Schweiz gerichteten sowjetischen SS-20 bloss Hirngespinste? Und was tat die Schweiz angesichts der damaligen Raketenbedrohung? Sie entwickelte zwar keine strategischen Gegenraketen. Aber sie baute den Zivilschutz auf. Damit wurden Raketen zwar nicht ausgeschaltet. Aber ein Land, das nahezu der gesamten Bevölkerung sichere Unterstände bereitzustellen vermochte, entzog sich wirksam allfällig versuchter militärisch-politischer Erpressung. Die ganze Welt bekundete damals dieser schweizerischen Vorbeugemassnahme gegenüber höchsten Respekt. Ein Kleinstaat, sagten sie, habe eigenständig eine glaubwürdige Antwort gefunden auf möglichen politisch-militärischen Terror.

Heute aber, sagen uns die Strategen, gehöre der Zivilschutz – trotz verbleibender Raketenbedrohung – auf den Müllhaufen. Die Kosten dafür könnten wir uns sparen, meinen die Strategen. Wir sollten dafür, raten uns die Strategen, in grossem Stil in Ausrüstungen (z.B.  Hercules-Gross- transportflugzeuge) investieren, die endlich Auslandeinsätze unserer Armee ermöglichten. Denn unsere Strategen zieht es ins Ausland. Den Frieden, meinen die Strategen, könne die Armee nur noch im Ausland sichern. Fast scheint es, als möchten einige etwas frustrierte Strategen vier Jahre nach der Volksabstimmung den Kampf um Schweizer Blauhelm-Truppen doch noch gewinnen ...

Und so entwerfen sie fleissig Szenarien, mit denen sie, die Strategen, sich selbst beweisen wollen, dass unsere Armee nur noch Sinn hat, wenn sie in internationale Organisationen, insbesondere in die NATO eingebunden wird. Neutralität wird derweil zum Auslaufmodell.

Bei all diesen auf vermeintlich attraktive Auslandeinsätze ausgerichteten Szenarien-Entwürfen übersehen die Strategen in ihrem unermesslichen Weitblick erstaunlicherweise das für unser Land in nächster Zeit vielleicht wahrscheinlichste Szenario:

Sollte es den so stur internationalistisch ausgerichteten Strategen nämlich gelingen, die Landesverteidigung zum Instrument ihres aussenpolitischen Imponiergehabes abzuwerten, dann dürfte der Rückhalt im eigenen Volk für unsere Landesverteidigung nur allzu rasch erodieren.

Die von der Armeeabschaffung Träumenden wären dann, mit den Strategen als wertvollsten Bündnispartnern, unversehens an jenes Ziel gelangt, das sie aus eigener Kraft nie hätten erreichen können.

Ulrich Schlüer


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