Nr. 6, 2. März 2007
Rück-
und Ausblick eines Aktivdienstlers
Resignieren oder Tod und Teufel nicht scheuen?
Von Prof. Dr. Hans-Georg Bandi, Bern
Wie steht die Aktivdienst-Generation zur heutigen Schweiz? Der Berner Prähistoriker
Hans-Georg Bandi hat dazu eine ganz persönliche Stellungnahme verfasst.
Wenn man der - nicht selten verpönten - Aktivdienstgeneration angehört und somit mehr als die Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bewusst miterlebt und während seinen besten Jahren unserem Land als Soldat oder in ziviler Verantwortung gedient hat, sieht man sich auf Grund der heutigen Veränderungen mit folgender Alternative konfrontiert. Soll man resignieren oder dem Kommentar von Friedrich Nietzsche zu Albrecht Dürers Meisterstich "Ritter Tod und Teufel" (1513) folgen:
"Da möchte sich ein trostlos Vereinsamter kein besseres Symbol wählen können, als den Ritter mit Tod und Teufel wie ihn uns Dürer gezeichnet hat, den geharnischten Ritter mit dem erzenen, harten Blicke, der seinen Schreckensweg, unbeirrt durch seine grausen Gefährten und doch hoffnungslos allein mit Ross und Hund zu nehmen weiss" (Geburt der Tragödie, 20. Abschnitt).
Wir sind zwar nicht ganz so trostlos allein, gibt es doch neben den vielen, welche die Vergangenheit weder kennen noch respektieren, eine ansehnliche, wenn auch laufend abnehmende Zahl einsatzbereiter Männer und Frauen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Dennoch stellt sich die Frage, ob man sich darauf beschränken darf, die "Faust im Sack zu machen", weil auch unerschrockenes gegen den Strom Schwimmen kaum viel zu ändern vermag. Der "Rat der Alten", dessen Erfahrungen früher geschätzt waren, und es mancherorts noch heute sind - ich habe dies in einem Dorf der Yupiget-Eskimos mit eigenen Augen und Ohren feststellen können - wird bei uns oftmals belächelt oder ignoriert.
Freiwillige Milizarbeit
Mit dem "weg vom Fenster" liesse sich zwar leben - andere Länder, andere Zeiten, andere Sitten! Man hätte Gelegenheit, manches nachzuholen, das neben beruflichen und familiären Verpflichtungen aus Verantwortungsgefühl für unser einzigartiges Land in freiwilliger, selbstverständlich unbezahlter Milizarbeit im Bereich von Armee, Politik, Sozialaufgaben, Vereinswesen, Sport oder anderen Gebieten oftmals lange Zeit beiseite geschoben werden musste. Aber dann packt einen das Gefühl, dass man wie Dürers vom Tod und dem gehörnten Höllenfürsten begleiteten Rittersmann den einmal eingeschlagenen Weg nicht verlassen sollte. Als Alte haben wir zudem einen grossartigen Vorteil, die Narrenfreiheit, die Marc Twain den biedermännischen Leisetretern und heimtückischen Brandstiftern als Warnung zu bedenken gegeben hat: "Hütet Euch vor den alten Männern - sie haben nichts zu verlieren!".
Die Chance der Alten
Nützen wir Alten - Männer und Frauen - diese Chance, denn es tut unserer Überzeugung keinen Abbruch, wenn Bedenken, kritische Vergleiche und Warnungen, die wir auf Grund lebenslanger Erfahrung äussern, in den Wind geschlagen werden oder zu gehässigen Angriffen führen - der Tod ist uns ohnehin sicher, und mit dem Teufel müssen wir es so halten, wie einst die Urner: Die erste Seele, die er sich für die Hilfe beim Bau der Schöllenen- oder Teufelsbrücke an der Gotthardstrasse ausbedungen hatte, bekam er in Form eines Ziegenbockes.
"Geld stinkt nicht"
Damit sind wir beim goldenen Kalb in Form von Münzen, Banknoten, Checks oder andern Vorteilen angelangt. Das Verhaltensmuster "nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles", wie schon Gretchen in Goethes Faust feststellte, oder wie die Römer sarkastisch sagten "aes non olet - Geld stinkt nicht", ist heute äusserst populär. Alles und jedes muss bezahlt werden. Das fängt im kleinen an. Freiwillige Milizarbeit für die Allgemeinheit wäre zwar immer noch nötig, aber nicht mehr en vogue. In manchen Gemeinden oder Vereinen hat man Mühe, Leute zu finden, die sich als ehrenamtliche Behörde- oder Vorstandsmitglieder zur Verfügung stellen. Falls heute jemand freiwillige und unbezahlte Arbeit leistet, z.B. im Sozialbereich, kann es ihm passieren, dass er oder sie als unsozial verschrien wird, weil die Entgegennahme von Gotteslohn andere um ihren Verdienst in klingender Münze bringe.
Wenn wir unter Überspringen alles Dazwischenliegenden bis zur Spitze des Eisberges vorstossen, dann werden wir dort mit dem überaus ungesunden "ever more" Syndrom konfrontiert, mit der Raffsucht, die nie genug bekommen kann. Manager-Jahresverdienste von vielen Millionen verraten sowohl auf der "Geber-" als auch auf der Nehmerseite eine Mentalität, die äusserst abstossend und unschweizerisch ist. Vergleiche mit den Verhältnissen in den USA oder die Behauptung, sonst bekomme man solche Superkönner nicht, sind in keiner Weise überzeugend, ebensowenig wie die Ankündigung, der eine oder andere dieser Mammutverdiener leiste sein "Scherflein der Witwe", indem er eine wohltätige Stiftung unterstütze. Die Gewinnmaximierung, die zu solchen überdimensionierten Entschädigungen führt, beruht nicht selten auf rücksichtslosem Stellenabbau, welcher den betroffenen Normalverdienern grosse Schwierigkeiten und Sorgen bereitet.
Filz und Korruption
Das Gesagte gibt Anlass, einen weiteren Eisberg ins Auge zu fassen, dessen Konsistenz an Filz erinnert und die Klarsicht weitgehend verunmöglicht. Es geht um die Korruption, die es zwar auch bei uns immer schon gegeben hat, früher aber als verpönte Ausnahme. Heute ist sie fast zu einem Kavaliersdelikt mutiert und hat auch Kreise erfasst, deren Staatstreue und ehrliche Zuverlässigkeit noch vor einem halben Jahrhundert diese Form von Bereicherung mit Empörung weit von sich gewiesen hätten.
Nur ein Beispiel: Wenn gut besoldete Professoren als Mitglieder der "Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg" für ihre Mitarbeit Entschädigungen von bis über eine halbe Million Franken beziehen, grenzt das sicher an Korruption. Spesenvergütungen sind in Ordnung, aber schon Sitzungsgelder von 1800 Franken sind stossend. Selbst wenn man den Empfängern solcher Beträge gedankenlose Naivität oder das Wissen um die Entschädigungspraxis der Bundesverwaltung in andern Sparten als Milderungsgrund zugestehen will, bleibt doch das ungute Gefühl, dass die Beteiligung an einer solchen Verschleuderung von Steuergeldern nicht akzeptabel ist und von den involvierten akademisch geschulten Ehrenmännern - Schweizer Frauen fehlten in der Bergier-Kommission - hätte abgelehnt werden müssen. Es stellt sich zudem die Frage, ob auf der Geberseite nicht auch die Absicht eine Rolle spielte, die in undurchsichtiger Weise als Kommissionsmitglieder Gewählten an den alten Spruch zu erinnern "wes Brot ich ess, des Lied ich sing".
Staatliche Geschichtsschreibung
Bei den Bergier-Berichten z.B. hat man den Eindruck, dass die mit 23 Millionen staatlich geförderte Geschichtsschreibung bisweilen beim Schlechtmachen der Schweiz vorprogrammierten Leitlinien folgte. Dies beruht zum Teil darauf, dass die zuständigen Bundesräte nur eine ungenügende Kenntnis der Zeitgeschichte hatten und die politische Linke daran interessiert war, das Verhalten der bürgerlichen Mehrheit während der nationalsozialistisch-faschistischen Bedrohung der Schweiz zu desavouieren, um daraus politischen Nutzen für die Gegenwart zu ziehen. Es bedeutet aber auch eine Unterstellung gegenüber der Aktivdienstgeneration: entweder seien wir zu dumm gewesen, um das unterstellte Doppelspiel der seinerzeitigen Behörden zu durchschauen, oder wir hätten uns kritiklos mitschuldig gemacht. In das gleiche Kapitel gehört die früher nicht praktizierte kostspielige Beziehung privater Gutachter bei der Behandlung von Problemen, die Sache der Bundesverwaltung sind. Dieses Übergehen der eigentlich zuständigen Beamten lässt einerseits an deren Fähigkeit zweifeln. Andererseits gibt es die Möglichkeit, dank fremder Eier zu Brutergebnissen zu kommen, die man dem Volk nicht als Produkte des eigenen Hühnerstalls vorzulegen wagt.
Und nochmals zurück zu der oben als schuldmindernd erwähnten Gedankenlosigkeit. Dieser Tage ging durch die Presse das Bild einer über eine im Bundeshaus farbig in den Boden eingelassene Darstellung des weissen Schweizerkreuzes auf rotem Grund schreitende Bundesrätin. Unser nationales Emblem mit den Füssen zu treten sollte im Bundeshaus auch heute noch weder möglich sein, noch von einem frischgebackenen Mitglied der höchsten Landesbehörde vorgeführt werden. Da überrascht es nicht, dass ein cleverer Produzent von Toilettenpapier die letztjährige Fussballweltmeisterschaft zum Anlass genommen hat, die Eidgenossen zu veranlassen, ihren Allerwertesten mit Papier zu bedienen, das mit dem Schweizerkreuz bedruckt ist. Dem gegenüber früher ausufernden und von Hooligans missbrauchten Fussballsport ist immerhin zu Gute zu halten, dass das Schweizerkreuz, nachdem es von der nicht über alle Zweifel erhabenen Leitung der Landesausstellung 2003 schändlich vernachlässigt wurde, nun wieder "salonfähig" geworden ist: Das "Hopp Schwiiz" führte dazu, dass es munter auf T-Shirts, Umhängetaschen und andern Gebrauchsgegenständen, ja sogar auf Bettflaschen (made in Germany!) zur Schau gestellt wird.
Armee und Auslandeinsätze
Weniger überzeugend sind die Bestrebungen, unser Emblem im Rahmen von Auslandeinsätzen der Armee zu zeigen. Sie gehören zu dem immer wieder bestrittenen, heute aber effektiv anvisierten Ziel, unsere bewährte Milizarmee zu einem wesentlich kleineren Verband zu kastrieren, der zunehmend den Charakter einer Berufsarmee bekommt. Der in der Bundesverfassung festgelegte und von uns während des Aktivdienstes unter grossen Opfern beherzigte Auftrag zur Landesverteidigung wäre dann nicht mehr gewährleistet. Aber dass solche Seitensprünge von den Verantwortlichen des VBS eingefädelt und - wie im Kosovo bereits geschehen - unter grossem Kostenaufwand und mit wenig Nutzen verwirklicht werden, ist unbegreiflich. Die Katastrophenhilfe wäre dafür effizienter und billiger. Mit bewaffneten Soldaten - unbewaffnet, wie anfänglich im Kosovo, wäre der Truppe gegenüber unverantwortlich - machen wir uns als grundsätzlich neutrale Nation unglaubwürdig. Wer sich auf der einen Seite beteiligt, wird von der andern nicht mehr als unvoreingenommen betrachtet. Als Signaturstaat des Roten Kreuzes sollten wir jederzeit die Möglichkeit haben, verfeindeten Gruppierungen als Forum für Verhandlungen zur Verfügung zu stehen. Militärische Auslandeinsätze würden dies erschweren oder verhindern.
Der Abbau oder gar die Abschaffung der Milizarmee, in der wir während Jahren gedient haben, hat aber noch einen andern bedauerlichen Aspekt, und zwar im politischen Bereich. Im Rahmen unserer bewährten Militärstruktur haben sich Leute aller vier Ethnien und Sprachen, der Landesteile und Kantone, Angehörige unterschiedlicher Konfessionen, Berufsgruppen und Gesellschaftsklassen kennen und verstehen gelernt - eine wichtige Schule der Demokratie, die durch nichts gleichwertig ersetzt werden kann. Darauf zu verzichten, was sich bei den Tendenzen im VBS kaum vermeiden lässt, ist äusserst bedauerlich. Nicht ohne Grund werden schon heute allzu viele - inzwischen bereits 48 Prozent - Stellungspflichtige, die meisten davon durchaus dienstwillig, sanitarisch ausgemustert, was ohne entsprechende Weisungen an die für die Aushebung Verantwortlichen kaum der Fall wäre. Eine Folge davon ist auch, dass das im Elternhaus und in der Schule vernachlässigte Prinzip der Disziplin von vielen nicht wenigstens in der Rekrutenschule zur Kenntnis genommen wird.
Versagen der Elite
Zusammenfassend sei dem Bedauern Ausdruck gegeben, dass gar manches von dem hier Kritisierten damit zusammenhängt, dass die Elite unseres Landes oftmals versagt. Einerseits weil das Leben bequemer ist, wenn man sich nicht exponiert und in die Schusslinie politisch anders orientierter oder neidischer Medienleute gerät. Ferner auch weil man ohne Übernahme von Verantwortungen im öffentlichen Bereich ungestörter Geld verdienen kann, oder weil man vom Zeitgeist beeinflusst ist, der elitär als undemokratisch apostrophiert. Das führt nicht nur zum Verlust dringend benötigter Führungskräfte, an deren Stelle dann Ausländer treten; sondern auch dazu, dass sich die Mediokrität ausbreiten kann. Sie stösst gerne in die entstandenen Lücken vor. Solches trägt zu den erwähnten dekadenten Tendenzen bei, welche das Paradies, unsern Sonderfall "direkte Demokratie", wo wir - trotz allem noch - leben dürfen, in Richtung Abfallhalde lenken. Dieser Entwicklung möchten wir nicht mit der Ausrede "après nous le déluge" übergehen, sondern ihr nicht zuletzt aus Dankbarkeit für das, was wir unter andern Vorzeichen erleben durften, entgegen zu wirken versuchen. Nicht resignieren, sondern sich wie Dürers Ritter nicht vor Tod und Teufel scheuen. Das betrachten wir altgediente Aktivdienstler - von Georg Kreis, dem spiritus rector der Bergier-Kommission unseligen Angedenkens, als "die Erlöschenden" bezeichnet - als unsere letzte nationale Pflicht!
Denen, welche meine Feststellungen
als Altmänner-Gejammer unter den Tisch wischen möchten, muss ich
entgegenhalten, dass es Überlegungen sind, die viele Mitbürgerinnen
und Mitbürger nicht zuletzt älterer Generationen sehr beschäftigen.
Im Wahljahr 2007 tun die Parteien wohl gut daran, dieser Stimmungslage eines
nicht unwesentlichen Teils der Wählerschaft Rechnung zu tragen.
Prof. Hans-Georg Bandi
Der Autor ist emeritierter
Prähistoriker an der Universität Bern und Vizepräsident des
Arbeitskreises Gelebte Geschichte (AGG). www.gelebte-geschichte.ch