Nr. 6, 10. März 2006
Rassismus-Lehrbroschüre
aus dem Bundeshaus
Nicht nur für "Antirassisten"
nützlich
Von Dr. Paul Ehinger, Zofingen AG
Wie sagen wir es den Medien? - Welche Organisation kennt dieses Problem
nicht? Fast jede hat doch den Eindruck, dass sie von den Medien vernachlässigt
werde, dass ihre Stellungnahmen oder Berichte entweder gar nicht oder dann
nur gekürzt, ja womöglich gar verstümmelt veröffentlicht
würden. Da haben es doch Gruppen, die im Zeitgeist liegen und sich also
mit Frauenfragen oder Homosexualität befassen, viel leichter. Oder solche,
die sich mit Rassenfragen beschäftigen. Würde man meinen. Doch offenbar
wird in der Schweiz noch zu wenig über Rassismus geredet. Nur so ist
es erklärbar, dass die Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB)
kürzlich eine Broschüre mit der eingangs erwähnten Frage herausgegeben
hat.
Zuviel
oder zuwenig?
Da kann man sich ernsthaft fragen: Wird über den "Rassismus" in unserem Land wirklich zu wenig berichtet und informiert? Die Antwort ist klar: Es wird eher zu viel darüber berichtet. Kaum erhebt ein Dummkopf die Hand zum Hitlergruss oder pinselt einer ein Hakenkreuz an eine Wand, wird bereits das Gespenst des Rassismus an die Wand gemalt. Mit anderen Worten: Es wird wohl eher zuviel über dieses Phänomen gesprochen als nicht. Man denke etwa an die Boulevardzeitung "Blick" oder an den Lokalsender "Tele M 1".
Die weitere, rhetorische Frage folgt: Braucht es da eine Broschüre, die Anleitungen gibt, wie noch mehr über echte oder unechte Rassenprobleme gesprochen werden soll? Die Antwort lautet ganz klar: Nein. Dennoch hat die FRB eine solche Schrift herausgegeben. Sie ist ganz anderer Auffassung, meint sie doch: "Die Medien, scheint uns, haben gewisse Widerstände, über Rassismusbekämpfung zu berichten." Wäre es nur so! Die Medien sind ja, wie wir wissen, geradezu süchtig nach solchen Ereignissen.
Autor dieser 48seitigen
Broschüre (deutscher Text) ist der Berner Journalist Heinz Däpp.
Dass er ein strammer Altlinker ist, merkt man indessen kaum. Seine Ausführungen
könnten in jedem Handbuch über das journalistische Handwerk nachzulesen
sein. Er relativiert sich gleich selbst: "Erwarten Sie nicht Patentrezepte,
erwarten Sie Hinweise, Anregungen, Ratschläge, die Ihnen vielleicht gar
nichts nützen. Denn Information kann bloss angeboten, aber niemandem
aufgezwungen werden." Ja, Däpp glaubt, dass die Medien dem Rechtsextremismus
Raum geben würden, aber sie "giessen allemal und überall Öl
ins Feuer." Däpp wird's ja wohl wissen...
Reine Propagandaschrift?
Doch man täte der Broschüre unrecht, wenn man sie nur als Propagandaschrift der Antirassisten abqualifizieren würde. Es handelt sich nicht um ein Pamphlet. Denn darin wird auch die sehr richtige Auffassung vertreten, die Schandtaten der Rechtsextremisten nicht an die grosse Glocke zu hängen "und ihnen damit eine Bedeutung beizumessen, die ihnen nicht zukommen darf."
Den schweizerischen Medien im allgemeinen wird ansonsten in Übereinstimmung mit dem Presserat ein gutes Zeugnis ausgestellt. Dieser hat einmal konstatiert, in den tagesaktuellen Schweizer Medien sei offensichtlicher Rassismus kaum mehr anzutreffen. (S. 8) Ja, den Medien in der Schweiz dürfe, so Däpp, insgesamt zugute gehalten werden, dass sie fremdenfeindliche Manifestationen, rassistische Übergriffe und dergleichen breit rapportieren und unmissverständlich kommentieren. Na, also! Hier stellt sich spätestens die Frage: Für was denn eine solche Broschüre?
Ein "Bärendienst"
Geradezu verständnisvoll ist Däpps erste und ganz zentrale Einsicht (S.9): "Wir müssen die Verunsicherung, die Ängste in der Bevölkerung ernst nehmen. Wer den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung mit erhobenem Zeigefinger führt und Fremdenfeindlichkeit empört denunziert statt vorerst einmal zu verstehen und verständlich zu machen sucht, leistet in diesem Kampf einen Bärendienst."
Ein klares Wort gegen die Fanatiker und Chaoten, die überall Rassismus wittern, selbst wenn es um eine aus einsichtigen Gründen verweigerte Einbürgerung geht. Im Weiteren warnt Däpp vor der Gefahr, der die meisten Linken erliegen, nämlich der Selbstbestätigung. Und ebenso kritisch ist Däpp gegen die zuweilen grassierende Arroganz der Rassismus-Jäger: "Im Streitgespräch mit dem Fremdenfeind dürfen wir nicht vom hohen Ross herab argumentieren, sondern müssen versuchen, dem Kontrahenten und seinem Anhang dort zu begegnen, wo er emotional steht."
Es gibt noch einige solche Stellen. Zum Beispiel: "Hinter Fremdenfeindlichkeit verbergen sich oft tiefe soziale Spannungen in der Bevölkerung, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Angst vor sozialem Abstieg, Orientierungslosigkeit in einer immer unübersichtlicher werdenden Gesellschaft. Menschen, die auf solche Weise verunsichert sind, haben ein Anrecht darauf, in ihren Sorgen und Nöten ernst genommen zu werden." Die Schlussfolgerung aus einer solchen Analyse wäre: Weniger Ausländer! Nur eigenartig: Wenn etwa die SVP solche Argumentationen verwendet, dann wird sie als rechtsextremistisch verschrien.
Unnütze Broschüre?
Zusammenfassend: Eine Broschüre, die nicht nur Anleitungen für Antirassisten gibt, sondern für alle Akteure, welche sich in den Medien Gehör verschaffen wollen. Was passiert, wenn jede Fachstelle des Bundes solche Publikationen herausgibt?
Wurde letztlich also eine
unnütze Broschüre vorgelegt? Das zeigt ein Blick auf die Literaturliste.
Sie enthält nur fachspezifische Bücher. Dabei fehlt allerdings leider
die Schrift von Prof. Eduard Stäuble über die Fragwürdigkeit
des von den Nationalsozialisten hochgezüchteten Begriffs "Rassismus".
Paul Ehinger
Literaturhinweis: Däpp, Heinz: Wie sagen wir es den Medien? Gegen
Rassismus und Diskriminierung, für bessere Integration. Anregungen für
die Öffentlichkeitsarbeit. Hrsg. Von der Fachstelle für Rassismusbekämpfung.
Bern 2005.