Nr. 06, 12. März 2004

Die Grundfrage für jede staatliche Ordnung:
Wettbewerb oder Funktionärsherrschaft

Von Gerd Habermann, Werder/Havel, Deutschland

Wettbewerb, so das Plädoyer des Autors im folgenden Essay, entmachtet Monopole, schafft Solidarität und Wohltätigkeit im zwischenmenschlichen Umgang. Die durch den Wettbewerb ermöglichte Selbstverwirklichung und Selbstverantwortung jedes einzelnen fördert das Gemeinwohl dauerhafter als jede noch so gut gemeinte staatliche Wohltätigkeit.

Zum Pflichtenheft jeder linken Regierung ­ auch der rot-grünen Regierung Schröder in Deutschland ­ gehören traditionell die Umverteilung, die nationale Zwangssolidarität und die Zwangsvorsorge ­ bis tief in die Bereiche des Privatlebens hinein. Wettbewerb, Marktwirtschaft, Eigentum und Selbständigkeit werden hingegen mit Skepsis betrachtet, und es wird versucht, die überholten nationalen Versorgungsanstalten, den Wohlfahrtsstaat, der sich seit langem an die Stelle der sozialen
Marktwirtschaft gesetzt hat, mit forciertem Fiskalismus zu retten. Damit wird freilich nur jene Entwicklung beschleunigt, die uns zunehmende Wohlstandsverluste und damit verbunden heftigere Umverteilungskämpfe bringen muss. Denn wenn nicht die anonymen Abstimmungsmechanismen der Märkte, sondern die Politik darüber entscheidet, was jedem an Einkommen und sozialem
Status zusteht, rückt die politisierte Verteilungsfrage brutal in den Mittelpunkt: Die Erwerbstätigen werden sich gegen die Rentner wenden, die Jungen gegen die Alten, die Gesunden gegen die Kranken, die Arbeitslosen gegen die Arbeitsplatzbesitzer, die sozialen Besitzständler gegen die
Habenichtse usw.

Wettbewerb «entmachtet»
Der Wettbewerb ist von Franz Böhm einmal als «Entmachtungsinstrument» charakterisiert worden. In welchem Ausmass sich inzwischen Freiheit und Wettbewerb zugunsten monopolistischer Staatsmacht verschoben haben, zeigen die Staats- und Abgabenquoten, die man zu Recht als «Entmündigungskoeffizienten» bezeichnet hat. An die Stelle von Eigentum, Vertragsfreiheit und Selbständigkeit wie zu Ludwig Erhards Zeiten ist das «Ideal der egalitären Staatsversorgung» getreten ­ oder, polemisch gesprochen, das Ideal einer «komfortablen Stallfütterung» (Wilhelm Röpke).
Der «Neoliberalismus» wurde für viele zum Feindbild ­ besonders für jene Kritiker der Bewegung «Attac» und des politischen Islams, deren reaktionäre Ideale auf eine allgemeine Verarmung hinauslaufen, wenn sie die Chance bekämen, sich durchzusetzen.
Es ist erstaunlich, dass man im 21. Jahrhundert immer noch den Wettbewerb als wichtigste soziale Institution gegen seine Kritiker verteidigen muss, obwohl diese doch mit allen Gegenrezepten erfolglos geblieben sind. Ist der Wettbewerb nicht der «Vater aller Dinge»? Ist nicht der Mensch selbst
Ergebnis eines scharfen Wettbewerbs, der jenes Gehirn hervorbrachte, dessen Möglichkeit weit über die Bedürfnisse des blossen Überlebens hinausgeht und das zu wunderbaren Leistungen fähig ist? Ist der Wettbewerb nicht die Grundlage unserer Kultur, ihrer zivilisatorischen Annehmlichkeiten, ihrer
geistigen Freiheit ebenso wie ihrer sozialen Fürsorge und der besseren Überlebensmöglichkeit, besonders auch der «sozial Schwachen»? War es nicht der Wettbewerb auf industriell-technischer Basis, der die Armut als Massenerscheinung in den letzten zwei Jahrhunderten überwunden, der die
Emanzipation des «kleinen Mannes» ermöglicht hat? Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass ohne diesen Wettbewerb als Ansporn das Los der Armen und der «kleinen Leute» sich drastisch
verschlechtern würde, sofern sie überhaupt physisch weiterexistieren könnten. Wenn sich «sozial Schwache» bzw. deren selbst ernannte Sprecher über die Erbarmungslosigkeit der Globalisierung beklagen, so beklagen sie sich auch über ihre eigene Existenzvoraussetzung.

Wettbewerb bringt Solidarität
Wettbewerb ist ein Entmachtungsinstrument. Der Unternehmer wird dadurch dem Markt ­ den Bedürfnissen seiner Kunden ­ untertan. Der «Stärkste» ist in einer Marktwirtschaft derjenige, der am besten seinem Nächsten dient. Jeder ausgegebene Franken stimmt täglich darüber ab, wer das ist. Es ist geradezu phantastisch, wie hier das Eigeninteresse, selbst der ödeste Egoismus, sich
nur durch freiwillig akzeptierte Leistungen im Dienste des Nächsten zur Geltung bringen kann.
Kritiker des Wettbewerbs sprechen von seiner angeblich desintegrierenden Wirkung. Sie verkennen, dass der Wettbewerb das soziale Band verstärken kann ­ ich meine nicht nur im Sinne der universalen Friedenshoffnungen der Freihandelstheoretiker. Durch die Arbeitsteilung wird jene organische
Solidarität des Marktes gestiftet, von der schon Emile Durkheim sprach. Sein soziologischer Kollege in Deutschland, Georg Simmel, hat sich mit dieser oft übersehenen, anderen Dimension des Wettbewerbs ausführlich auseinandergesetzt. Wir lesen in seiner «Soziologie»:
«Der Konkurrenz gelingt unzählige Male, was sonst nur der Liebe gelingt: das Ausspähen der innersten Wünsche eines Anderen, bevor sie ihm noch selbst bewusst geworden sind. Die (...) Spannung gegen den Konkurrenten schärft (...) beim Kaufmann die Feinfühligkeit für die Neigung des Publikums bis zu
einem fast hellseherischen Instinkt für die bevorstehenden Wandlungen seines Geschmacks, seiner Moden, seiner Interessen (...). Die moderne Konkurrenz, die man als den Kampf aller gegen alle kennzeichnet, ist auch zugleich der Kampf aller um alle.»
Der Wettbewerb um die Gunst der Kunden führt zu diesem freundlichen Serviceklima, das wir alle an Amerika bewundern. Wir konnten in den letzten Jahren in Deutschland sehen, dass die Zurückdrängung staatlicher Dienstleistungsmonopole immer auch den mitmenschlichen Umgang zivilisierter
werden liess. Auch stärkste Staatsmonopole wie Post, Telekommunikation, Bahn oder Rundfunk müssen sich jetzt um ihre Kunden bemühen. Man sieht noch ihre traditionelle «arrogance of power», aber ihre Selbstgefälligkeit geht doch zurück. Als der Wunsch des Bürgers nach einem Telefonanschluss nicht mehr als «Antrag» entgegengenommen, sondern als «Auftrag» aufgefasst wurde, war diese Wende markiert.

Wettbewerb als Entdeckungsverfahren
Wettbewerb ist auch, um den berühmten Ausdruck von Friedrich August von Hayek zu verwenden, ein «Entdeckungsverfahren». Wettbewerb muss, so Hayek, als ein Prozess angesehen werden, in dem Menschen Wissen erwerben und einander mitteilen. Der Wettbewerb ist das Verfahren, in dem ermittelt wird, wer von uns was am besten weiss, wer der Beste, der Schnellste, der Klügste, der Gefälligste ist; wer den bestmöglichen Standort, das bestmögliche Produkt, das bestmögliche Verfahren, den bestmöglichen Zeitpunkt erkannt hat.
Darüber lassen sich vom Grünen Tisch aus keine A-priori-Entscheidungen treffen, darüber kann allein der wissens- und informationsgenerierende Wettbewerb urteilen. Monopol dagegen heisst regelmässig: Wissensverlust, Willkür, Herumstochern im Nebel ­ und als Ergebnis: Wohlfahrtsverluste und
kulturellen Niedergang. Bereiche, die von der Politik reguliert werden, wie namentlich der gesamte Bereich der sozialen Sicherung und ­ hier besonders drastisch ­ das zu drei Vierteln kollektivistische Gesundheitswesen, stehen in einer ständigen Krise. Das Ergebnis der ignoranten politischen Eingriffe
sind die Verschärfung des Gruppenkampfes, des «Kampfes um die Beute» und am Ende natürlich der Leistungsverfall und die Verarmung.

Solidarität ohne Zwang
Wo der Staat das Soziale bei seinen Behörden monopolisiert, stirbt die spontane Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe. «Soziale Kälte» ist dann das unvermeidliche Ergebnis. «Solidarität» ist gewiss gut, sofern sie freiwillig geschieht. Wer mit der Pistole auf der Brust dazu gezwungen wird, seinem
Nächsten zu helfen, dessen moralische Standards können sehr niedrig sein. Aber leider ist gerade diese Solidarität das Hauptinstrument der Regierungen: Das Verteilen angeblicher sozialer Wohltaten auf fremde Kosten.
Der erste soziale Grundsatz des Wettbewerbs lautet: «Wenn Du eine hilfreiche Hand brauchst, so suche sie am Ende Deines rechten Armes» (gesetzt natürlich, dass man über einen gesunden Arm verfügt). Von diesem gesunden Grundsatz der Subsidiarität ist man im Begriff, sich auf Kosten der
angeblich oder tatsächlich «sozial Schwachen» immer weiter zu entfernen. Eine grundlegende Wende in der ethischen Debatte, in der allgemeinen Bewertung des Wettbewerbs in Staat und Kirchen, ist dringend erforderlich.


Gerd Habermann


Dieser Artikel erschien erstmals in den «Schweizer Monatsheften», Heft 4/2003.