Nr. 06, 12. März 2004
Ausländer-Strafvollzug
wird tabuisiert
Österreich macht's vor
Von Lubomir T. Winnik, Opfikon ZH
Am 5. September 2003 erschien in
der «Schweizerzeit» unter dem Titel «Im Knast oder
im Schlaraffenland» ein von Lubomir T. Winnik verfasster Artikel, der
ein ausserordentliches Echo auslöste.
Unter anderem wurde der
Redaktion eine umfangreiche Dokumentation unterbreitet über einen seit
dreizehn Jahren sehr aktiven Verein. Die Dokumentation vermittelt aufschlussreiche
Informationen über im Ausland straffällig gewordene Rumänen,
die ihre Strafe aufgrund von Staatsverträgen
aber in rumänischen Gefängnissen verbüssen.
Nothilfe statt Emigration
Doch alles der Reihe nach: Ulrich und Irène Liggenstorfer sind von
jeher passionierte Funk-Amateure. Diese Leidenschaft verhalf ihnen zu zahlreichen
Beziehungen mit Funker-Kollegen in verschiedensten Ländern. Auch in Rumänien.
Als dort vor dreizehn Jahren das kommunistische System ins Wanken
geriet und das Regime Ceaucescu zusammenbrach, verlor das Land fast jede Verbindung
zur Aussenwelt. Eine einzige Kontaktmöglichkeit blieb frei: Funk. Via
Funkverkehr des deutschen «Medical Assistance Radio» empfingen
die Liggenstorfers verzweifelte Hilferufe aus Rumänien. Auch von einem
gewissen Stefan aus der Stadt Arad, der nach Schweizern suchte, die ihm ein
überlebenswichtiges Medikament sofort besorgen könnten. Ulrich Liggenstorfer
gelang es, über Funk einen Fernfahrer zu finden, der nach Rumänien
fuhr. Damit konnte der kranke Stefan mit der für ihn lebensrettenden
Arznei innert lediglich 18 Stunden versorgt werden!
Ein Erfolg, der die Liggenstorfers zur Gründung eines Vereins ermutigte,
der «in Not geratenen Menschen in ihrem eigenen Land helfen sollte,
damit sie wieder an eine menschenwürdige Zukunft glauben können
und nicht in die Fremde emigrieren müssen». Dieser Verein mit dem
Namen «Region Thun hilft Rumänien» stiess auf grosses Echo,
er fand Spender, Sponsoren und Mitglieder
in der ganzen Schweiz.
Leistungsausweis
Das Motto «Viel erreichen mit wenig Geld» (dank der Kaufkraft
des Schweizer Frankens) war der Auftakt zu einer Erfolgsgeschichte ohnegleichen:
Ein Schulungsfonds für sozial benachteiligte Kinder, medizinische Kinder-Grundversorgung,
tonnenweise medizinische Güter, Armenküchen,
Fürsorgevereine, Handwerker-Kurse, Brot-Abonnements für arme Rentner,
Kleider, Werkzeuge, Nahrungsmittel: Das sind Marksteine des Erfolgs dieses
Rumänien-Hilfswerks. Im Dezember 2003 ging bereits der 69. Hilfstransport
nach Rumänien.
«Europakonformes Gefängnis»
Die Gefangenen der rumänischen Strafvollzugsanstalt «Tirgu Mures»
gegenwärtig über 1300 Insassen kamen ebenfalls in die
Gunst der Weihnachtsaktion 2003. Der Anstaltsdirektor, Oberst Géza
Szöllösi, ist seit Jahren bemüht, das unter seinem Kommando
stehende Gefängnis «europakonform» zu führen. Vergrösserung
und Ausbau der Räume wurde aus eigener Initiative und Kraft durchgesetzt
vom verarmten Staat war kein Geld dafür zu bekommen. Obwohl jeder
Raum noch immer mit zehn Gefangenen belegt ist, herrscht in der Strafanstalt
Sauberkeit und Ordnung. Die Beziehungen
zwischen Sträflingen und Personal sind korrekt. Untergebracht sind in
diesem Gefängnis aus Sicht von Irène Liggenstorfer «...meist
ärmste Menschen, die aus Hunger ein Huhn geklaut haben oder sonst
(in unseren Augen) wegen eines Bagatelldelikts eine Strafe absitzen müssen.
Sie sind froh, ein Dach über den Kopf, ein warmes, sauberes Bett und
etwas zum Essen zu bekommen. Sie lernen Disziplin, was Arbeit und Körperpflege
betrifft, und wer krank ist, kann ärztliche Hilfe beanspruchen ...»
Irène
Liggenstorfer besichtigt dieses Gefängnis jährlich einmal.
Tabu Ausländer-Strafvollzug
Vier bis fünf Franken pro Tag kostet die Verköstigung eines Häftlings
in einem rumänischen Gefängnis von heute. Und der Monatslohn des
Gefängnisdirektors ist tiefer als das Taschengeld, das ein rumänischer
Sträfling in einem Schweizer «Fünfstern-Gefängnis»
erhält. Dies brachte den Grenchner Kantonsrat Urs Grütter auf die
Idee, die in der Schweiz straffällig gewordenen Rumänen sollten
künftig den rumänischen Vollzugsbehörden überstellt werden.
Die Schweizer Behörden stellten sich
taub: Es gebe in rumänischen Strafanstalten fast keine Ausländer.
In den schweizerischen Gefängnissen beträgt der Ausländeranteil
indessen über achtzig Prozent. So werden den hiesigen Strafanstalts-Angestellten
zwar krisensichere Jobs gesichert, aber Steuerzahler und Geschädigte
werden dafür schonungslos ausgenommen.
Der Berner Strafrechtsprofessor Andrea Baechtold brachte das Problem bereits
im Jahr 2000 in der «Schweizerischen Zeitschrift für Strafrecht»
auf den Punkt: «Dass Strafvollzug in der Schweiz im wesentlichen Strafvollzug
an Ausländern ist, in erheblichem Masse an Ausländern ohne Wohnsitz
in der Schweiz, wird offensichtlich tabuisiert.»
Man stelle sich vor: Die Schweiz würde 95 Prozent aller abgewiesenen
Asyl-Bewerber und illegalen Einwanderer des Landes verweisen wer würde
als Ergebnis die grössten finanziellen Verluste erleiden? Es ist die
Asylanten-Betreuungsbürokratie. Deshalb widersetzen sich diese Kreise
so vehement jeder Lösung des Problems, auch der Überweisung ausländischer
Strafgefangener zur Abbüssung ihrer Strafe in ihrem Herkunftsland.
Resozialisierung im Herkunftsland
Österreich denkt da anders. Österreich erachtet die rumänischen
Gefängnisse als durchaus «eurokonform». Österreich plant
jetzt, dreihundert rumänische Häftlinge, deren Unterbringung in
den österreichischen Gefängnissen jährlich nahezu 13,5 Millionen
Euro (gut 20 Millionen Franken) kostet, zur Resozialisierung ins Herkunftsland,
nach Rumänien, zu schicken in dort von Österreich sanierte
oder gar neu gebaute Gefängnisse. Die Erstellungskosten eines Gefängnisses
in Rumänien betragen drei Millionen Euro, einen Zehntel der Baukosten
einer Haftanstalt in Österreich. Österreich verfolgt diese Idee
nicht als erstes Land. Bereits vor einem Jahr hat Rumänien ein vergleichbares
Projekt mit Italien vereinbart. Deshalb bezeichnete der österreichische
Justizminister Dieter Böhmdorfer nach seinem Treffen mit der rumänischen
Amtskollegin Rodica Stanoiu Mitte Januar 2004 das Projekt als
durchaus machbar. Und auch der rumänische Staatspräsident Ion Iliescu
vertrat bei einem Besuch
in Wien die Ansicht, eine solche Lösung liege im Interesse beider Seiten.
Ihre Übereinkunft wollen Wien und Bukarest im März 2004 mit einem
Staatsvertrag besiegeln.
Wie lange muss man noch warten, bis sich auch in der Schweiz solch pragmatische
Lösungen durchsetzen wozu freilich die Macht der hier etablierten
Betreuerorganisationen und ihrer Interessengruppen zu brechen wäre?
Die Frage ist gestellt: Wie lange werden die hier Verantwortlichen noch Unsummen
an Steuergeldern aufbringen zur Aufrechterhaltung des rumänischen (und
auch von anderem) Kriminaltourismus?
Lubomir T. Winnik