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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 28. Februar 2003

Unterwerfung
Warum feiert die Schweiz die Mediations-Verfassung?

Es war ein glänzendes Fest im Palais du Luxembourg zu Paris. Französische
Grandeur stand im Mittelpunkt. Und unser Bundespräsident Pascal Couchepin
fühlte sich ganz in seinem Element.
Was nur wurde zu Paris, am Sitz des französischen Senats, so pompös
gefeiert? Angeblich eine Verfassung. Eine «Schweizer Verfassung», die von
Bonaparte (wenige Wochen später krönte er sich als Napoleon selbst zum
Kaiser) der Schweiz 1803 verpasste sogenannte Mediationsakte.
Dem Erlass dieser Akte ging einige Jahre zuvor die Eroberung und
Unterwerfung der Alten Eidgenossenschaft voraus. Die damit endete, dass die
Franzosen die Berner Staatskasse, einen reichen Goldschatz, nach Paris
mitlaufen liessen. Das Raubgut wurde weder Bern noch der Eidgenossenschaft
je zurückerstattet. Die Schweiz war damals, unter Bonaparte, schliesslich
ein unterworfenes, geknechtetes Land ­ der Beraubung schutzlos preisgegeben.
Doch heute, zweihundert Jahre nach der Unterwerfung, reist unser
Bundespräsident nach Paris, um jene den Eidgenossen in Zeiten der
Knechtschaft aufgezwungene Verfassung zu feiern?
Nur ein Zeichen mehr, dass die Schweiz, dass die Schweizer Regierung der
schweizerischen Unabhängigkeit überdrüssig ist, sich unter die Fittiche der
EU, der Grossen in dieser Welt verkriechen will? Wozu sonst sollen wir denn
die ­ damals glücklicherweise bloss vorübergehende ­ Unterwerfung feiern?
Jene Unterwerfung, die der Schweiz alles andere als Frieden und Ruhe
bescherte, die vielmehr, wenige Jahre später, einige tausend Schweizer dazu
zwang, mit der Grossen Armee, als Napoleon in seinem Grössenwahn auch noch
Russland unterwerfen wollte, in den Osten zu marschieren und dort, im
russischen Winter, schwer geschlagen elendiglich zugrunde zu gehen.
Solche «Grösse», solch sinnlose Unterwerfung unter die Grossen sollen wir
neuerdings feiern? Wir bedanken uns! Zumal der Hausherr zu Paris gerade
wieder neue Zeichen herrischer Überheblichkeit zeigt, wenn er
Noch-nicht-EU-Mitglieder (wie die Schweiz) als noch etwas «der Erziehung
bedürftig», als «kindisch unerzogen» abtut. Wahrlich: Solche Töne hören wir
nicht zum erstenmal in Europa. Uns ihnen zu unterwerfen verspüren wir ­
offenbar mit Ausnahme unserer Regierung ­ allerdings keinerlei Lust.

Ulrich Schlüer


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