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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 3. März 2000

Krise in der SP-Führung
Kopfjägerei

Einige reagieren amüsiert, andere eher konsterniert: Was uns die mit Leidenschaft süffigem Skandaljournalismus frönenden Medienarbeiter an neuen, unterhaltsamen Häppchen aus den innersten Gefilden der Genossenküche Tag für Tag in die Stube liefern, sprengt den Rahmen helvetischer Hausmannskost bei weitem. Da erlebt man als Zuschauer sogar, wie sich eine forsche Ostschweizerin am Bildschirm höchstpersönlich als neue SP-Präsidentin zu inthro- nisieren versucht - während die gewählte amtierende keinerlei Anstalten macht, an der Parteispitze einen Platz freizugeben.

Mehr als nur Unterhaltungswert kann die treuherzige Beteuerung der karrierebewussten Putsch- Anführerin für sich in Anspruch nehmen, sie sei gar nicht selber auf die Idee der Präsidiumskandidatur gekommen. Diese habe tags zuvor das Fernsehen selbst - einschaltquotenbewusst für täglich neue Abwechslung sorgend - ins Spiel gebracht. Wie allerdings dieser «unerwartete», vierundzwanzig Stunden alte, «spontan» in die Politarena geworfene Vorschlag der St. Gallerin mehrere schlaflose Nächte beschert haben kann, dürfte wohl auf immer das Geheimnis der Mathematiklehrerin aus dem Rheintal bleiben ...

Doch zurück zur Ernsthaftigkeit: Beim Organ, das sich mit seinem allabendlichen munteren Hickhack gegenüber der Öffentlichkeit in Szene setzt, handelt es sich immerhin um eine schweizerische Regie- rungspartei: Um eine Partei, die mit zwei Bundesräten und Hundertschaften von Beamten in höheren, mittleren und unteren Verwaltungspositionen ein prägender Machtfaktor im Staate Schweiz ist

Interessant, einen Reifetest der linken Mitregierungspartei einmal aus nächster Nähe mitverfolgen zu können: Die SP Schweiz hat dabei ihre «Fähigkeit» bewiesen, Meinungsverschiedenheiten, wie sie in aus Menschen zusammengesetzten Organen immer wieder vorkommen, ausarten zu lassen in öffent- liches Waschen schmutziger Wäsche. Vorübergehendes Intermezzo oder Krankheitssymptom einer Partei, die eigentlich keine existentiellen Probleme repräsentativer Bevölkerungsgruppen mehr zu vertreten hat? Die allein noch an Umverteilung, vor allem für die eigene Tasche, interessiert ist? Die unermüdlich nur noch am Auf- und Ausbau neuer Staatsapparate arbeitet - auch für völlig nebensäch- liche Probleme. Für Staatsapparate, in denen die eigene Klientel, die mit traditionellen Arbeitern längst nichts mehr gemeinsam hat, in immer weiter zunehmender Zahl untergebracht wird. Materielle Versor- gung auf Kosten der Steuerzahler ersetzt ideellen Einsatz. Dass da, wo es nur noch um materielle Interessen geht, Mobbing und Kopfjägerei - sofern es überhaupt möglich ist, kopflos Köpfe zu jagen - gedeihen, ist nachvollziehbar. Eine Bundesratspartei stellt damit ihr «Effizienz-Bewusstsein» unter Beweis.Die einst so hochgemut auf ihren «Marsch durch die Institutionen» gestarteten, inzwischen leicht ergrauten Achtundsechziger scheinen am Ende ihrer Sackgasse endgültig anzustossen.

Ulrich Schlüer

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