Nr. 6, 3. März 2000
Ein gefährliches, zum Scheitern verurteiltes
Experiment
Irrweg «multikulturelle Gesellschaft»
Von Thomas Meier, Zürich
Die zunehmend multikulturelle Ausrichtung der Gesellschaft bedeutet keine Bereicherung und vermag das friedliche Zusammenleben von einheimischer Bevölkerung und zugezogenen Menschen nicht zu fördern, sondern zerstört die hiesige Kultur und fördert die Ausländer- feindlichkeit.
Mit dem Urteil «lebenslängliches Zuchthaus» fand am 25. Februar in Morges der aufsehenerregende Prozess gegen den Somalier Ali sein Ende, der die einjährige Tochter seiner Freundin sexuell aufs übelste missbraucht und getötet hatte. Die Zeitungsberichte lasen sich wie folgt:
«Die knapp jährige Sada, "82 Zentimeter reine Unschuld", wie Staatsanwalt Jean-Marc Schwenter sagte, wurde auf brutalste Weise sexuell missbraucht und dann, weil sie schrie, mit Tritten so lange traktiert, bis ihre Leber platzte. Für Schwenter ist der Angeklagte Ali, der seine Tat immer geleugnet und nie die geringste Reue gezeigt hat, ein "sadistischer Kinderschänder", der mit kalter Perversität vorgegangen ist» (Tages-Anzeiger vom 26. Februar 2000).
Einander fremd
Dieses furchtbare Verbrechen ist in
seiner Brutalität und Herzlosigkeit so unvorstellbar, die Beweg- gründe, die
den Täter getrieben haben müssen, sind nach unserem Denken so unfassbar, die
rohe Tat ist auch gefühlsmässig so absolut nicht nachvollziehbar, dass sich
die Frage aufdrängt, ob der Straftat eine andere, unserem Weltbild fremde
soziokulturelle Realität zu Grunde liege und ob aus diesem Grund das Verbrechen
überhaupt nach Schweizer Massstäben beurteilt werden könne.
Zu Recht liess das Gericht einen solchen Erklärungsversuch nicht gelten. Der Respekt des Lebens eines Kindes gehöre zu den universellen, unantastbaren Werten. Dennoch liegt der Gedanke nahe, dass hier zwei einander völlig fremde Kulturen aufeinandergeprallt sind. Seit Jahren arbeiten politische und religiöse Interessengruppen in der Schweiz systematisch auf die Schaffung einer Gesellschaft hin, in welcher möglichst viele Kulturen mit der unseren vereint werden sollen. Von der so entstehenden «multikulturellen Gesellschaft» wird eine «Bereicherung» und «Horizonterweiterung» erwartet. Mit der «multikulturellen Gesellschaft» ist eine Form der Integration gemeint, bei der die eingewanderten Menschen einerseits in ihrer kulturellen Besonderheit akzeptiert, anderseits in sozialer Hinsicht aber wie Staatsbürger behandelt werden sollen.
Wer einer solchen Multikulturalität unserer Gesellschaft das Wort redet, verkennt die Tatsache, dass die heute real existierende kulturelle Vielfalt mit zahlreichen Nachteilen verbunden ist:
Zerstörung der Kultur
Der Mensch definiert sich unter anderem
durch seine Kultur. Die Identität und Orientierung, welche aus der Zugehörigkeit
zu einer Kultur und aus der Teilnahme an den Kulturgütern resultiert, ist
für den Menschen von existentieller Bedeutung. Ohne eine Identifizierung mit
einem Traditionsspender besitzt der Mensch kein richtiges Identitätsbewusstsein.
Das verzweifelte Suchen nach einer Identität und die Identitätsprobleme vieler
Jugendlicher sind Symptome einer Störung in der Überlieferung kultureller
Traditionen. Kein Mensch vermag seelisch gesund zu bleiben, ohne sich mit anderen
Menschen zu identifizieren. Wer das Erbe der Kultur verloren hat, verliert
seinen Halt. Die eigentliche Welle immi- grierender fremdkultureller Menschen,
die seit einigen Jahren über uns hereinbricht, und die damit verbundene Vermengung
einander fremder Kulturen führen dazu, dass die Bezugspunkte zu Geschichte,
Tradition, Kultur, Religion und den Ahnen abhanden kommen. Die Masseneinwanderung
verhindert eine Integration, bei der für die Zuwanderer eine neue Identität
in einer neuen Heimat entsteht.
Ausserdem führt die Überfremdung zu einem Identitätsverlust der Gastgeber. Im Ergebnis bedeutet Multikultur den Untergang der Kultur. Die Geschichte zeigt, dass das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Nationalität, Rasse, Hautfarbe und Religion in allen Zeiten und in allen Ländern mit Problemen behaftet und konfliktträchtig war. Kaum ein Tag vergeht ohne Medienberichte über blutige Zusammenstösse von Volksgruppen in einem Land irgendwo auf der Welt. Multikulturelle Gesell- schaften sind in häufigen Fällen Konfliktgesellschaften. Auch in unserem Land nehmen die Spannungen zwischen eingewanderten Personengruppen, etwa zwischen Kurden und Türken oder zwischen Kosovo- Albanern und Serben, ständig zu. Die unkontrollierte Einwanderung führt zum Import fremder Ethno- Konflikte und zu Stellvertreter-Auseinandersetzungen im Gastgeberland. Es ist nicht erstaunlich, dass die schwelenden Konflikte zwischen Ausländergruppen zu immer mehr Verunsicherung bei der einhei- mischen Bevölkerung und zu ablehnenden Gefühlen gegenüber Ausländern führen.
Zunehmend strapaziert wird die Geduld der schweizerischen Bevölkerung auch durch die kulturelle Intoleranz von Einwanderergruppen, mit denen ein Zusammenleben auf einer multikulturellen Basis schlicht undenkbar ist. Die Verfassung unseres Landes ist vom Wesen her liberal, pluralistisch und zurechtgeschnitten auf eine säkulare Gesellschaft. Die Aufklärung, welche im abendländischen Kulturraum der Säkularisierung vorausging, hat es jedoch im Islam, um ein Beispiel anzuführen, nicht gegeben. Der Fanatismus und die Verfolgungswut, mit der die fundamentalistischen Moslems seit vielen Jahren zur Ermordung des Schriftstellers Salman Rushdie aufrufen, sind in unserem Kulturkreis undenkbar. Ein korantreuer Moslem akzeptiert weder die Gleichberechtigung der Frau noch die Trennung von Staat und Religion. Selbst die liberalen Schulen des Korans fordern, dass die endgültige Abwendung vom Islam mit dem Tode bestraft wird. Der Islam erweist sich mehr und mehr als eigent- liches Integrationshemmnis. Für liberale und demokratische Werte wie Religionsfreiheit, Trennung von Staat und Kirche und die Gleichberechtigung der Geschlechter wurde in Europa jahrhundertelang gekämpft. Es ist eine besondere Ironie der Geschichte, dass gerade die linken und liberalen Kräfte, die diesen Kampf ausgefochten haben, heute die eifrigsten Befürworter einer grosszügigen Einwanderungs- politik sind, einer Einwanderungspolitik, welche die abendländischen Grundwerte gefährdet.
Realitätsfremdes Modell
Im Lichte der Nachteile des real existierenden
Vielkulturenstaats erweist sich das Modell der «multi- kulturellen Gesellschaft»
als ein Ideal, das mit der Wirklichkeit nicht vereinbart werden kann. Das
Konzept der «multikulturellen Gesellschaft» ist eine Verlegenheitslösung,
gleichsam eine resignative Reaktion auf die Tatsache, dass sich eine überwiegende
Mehrheit der in jüngster Zeit zugezogenen fremdkulturellen Ausländer partout
nicht anpassen will und statt dessen auf die Respektierung ihrer nationalen
und kulturellen Identität pocht. Mit dem Gedankenmodell «multikulturelle Gesellschaft»
wird die Gesichtsveränderung von Stadtquartieren zur unabwendbaren Zeitströmung
erklärt.
Wenn unser Land mit seinem Ausländeranteil von mittlerweile 19,2 Prozent von ernsthaften Spannungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und zugewanderten Bevölkerungsgruppen bislang glücklicher- weise verschont geblieben ist, so kann dennoch nicht in Abrede gestellt werden, dass es bei grossen Teilen der schweizerischen Bevölkerung starke Vorbehalte gegen die anhaltende Masseneinwanderung gibt und dass die negativen Gefühle gegenüber den fremden Menschen wachsen. Der Frieden zwischen einheimischer Bevölkerung und den bei uns lebenden Ausländern wird zunehmend labil. Bei einem Andauern der unkontrollierten Immigration und einer weiteren Zunahme der Überfremdung dürfte dieser Frieden gefährdet sein.
Wir Schweizer haben allen Grund, stolz auf unser Land, unser Volk und unsere Demokratie zu sein. Wir müssen den ständigen Miesmachern unseres Landes selbstbewusst entgegentreten. Die Classe politique aus Linken und anderen Vaterlandsverächtern leidet zunehmend an einem gestörten nationalen Selbstbewusstsein und orientiert sich deshalb an fremden Kulturen. Sie setzt eines der gefährlichsten Mittel zum Abbau und zur Zerstörung schweizerischer Identität ein: die Forderung nach Multikultur unter der scheinheiligen Begründung der Pflicht zu Weltoffenheit und Humanität. Wer den historisch gewachsenen Mehrkulturenstaat Schweiz, seine Bewohner, Traditionen und Identität achtet, erteilt der Idee der «multikulturellen Gesellschaft» eine Abfuhr.
Thomas Meier