Nr. 6, 3. März 2000
«Der Wohlfahrtsstaat fördert die Armut»
Der
Markt, nicht der Staat ist sozial
Von Gerd Habermann
Dr. Gerd Habermann, Leiter des Unternehmerinstituts des deutschen Verbands «Arbeitsge- meinschaft Selbständiger Unternehmer», setzte sich in einem Vortrag kritisch mit der verbrei- teten Meinung auseinander, der Markt und der Unternehmer seien an sich nicht sozial, wohl aber der Staat. Nachstehend geben wir die wichtigsten Aussagen des Referats, das in der Vortragsreihe des Instituts der Deutschen Wirtschaft Nr. 20/99 veröffentlicht worden ist, mit dessen Einverständnis auszugsweise wieder.
Über kein anderes Thema ist so viel Konfuses zu hören und zu lesen wie über die Frage einer Ethik der Wirtschaft und speziell des Unternehmers. Obwohl die Marktwirtschaft den Erfolg verbuchen kann, in den letzten Jahrhunderten die Armut ausgerottet zu haben, wird daran gezweifelt, ob die Marktwirtschaft überhaupt «sozial» sei. Diese Bedenken bestehen trotz des Scheiterns des sozialistischen Experi- ments im Sowjetbereich. Das gleiche «unsoziale» Bild herrscht vom Unternehmer, der als ein Raubtier angesehen wird, dessen primärer Instinkt die Ausbeutung der «Schwächeren» ist. Der Unternehmer müsse zuerst durch den Staat «sozialverträglich» gemacht werden.
Ausgerechnet der Staat! Dieses Raubtier schlechthin, der Inbegriff eines ausbeuterischen Monopols, hinter dessen Walten sich seit Jahrtausenden eine gewaltige Blutspur herzieht, während der freie Handel immer ein Mittel der Zivilisierung, des freien Austauschs, der Öffnung nach aussen gewesen ist. Der Staat verfügt über die zwei wichtigsten Monopole überhaupt: das Währungsmonopol und das Monopol physischen Zwanges - beide chronisch von ihm missbraucht. Erst Rechtsstaat und Demo- kratie suchten mit wechselhaftem Erfolg den Staat zu bändigen. Bei uns glaubt man immer noch an den Staat wie früher an den lieben Gott. Früher war es der Machtstaat, jetzt ist es der Wohlfahrtsstaat. Aber immer ist es «der Staat»!
Dem Kunden dienen
Das Ethos des Wirtschaftslebens in
einer freien Gesellschaft lautet: Mache etwas aus deiner Bega- bung, deinen
Talenten, deinem Eigentum! Dies im Wettbewerb mit anderen, die das gleiche
wollen und müssen. In einer freien Gesellschaft wird auch noch der stärkste
Unternehmer den Märkten, seinen Kunden, und ihren Bedürfnissen dienstbar.
Er kann nur etwas aus sich machen, nur wachsen, indem er anderen nützliche
Dienste erweist. Wer am besten «dient», macht die grössten Profite. Was ist
daran moralisch anstössig?
Der politische Wettbewerb ist häufig ruinös und endet gelegentlich in Kriegen. Der ökonomische Wettbewerb um die Gunst der Kunden dagegen führt zu freundlicher Servicementalität. Marktwirtschaft und Wettbewerb erzeugen auf diese Weise einen Zivilisierungsprozess. Der Sozialismus, der an urtümliche Teilungsinstinkte der Horde appelliert, kann es bis heute nicht begreifen, dass die List der Marktwirtschaft darin besteht, dass nur derjenige sich vorwärtsbringen kann, der anderen dient und nützlich ist. Der kategorische Imperativ des selbständigen Unternehmers lautet: Setze dein Eigentum so ein, dass es deinen Kunden und damit letztlich auch dir selbst maximalen Nutzen bietet. Es ist seine Aufgabe, durch das Angebot von Gütern und Diensten eine Nachfrage zu befriedigen - und so sich selber zu erhalten. Wo soll hier ein moralisches Problem liegen? Die oberste Regel in einer Markt- gesellschaft lautet nicht: Teile mit deinem unmittelbar Nächsten, sondern nütze einem Kunden. So wird der Gesamtnutzen maximiert.
Die Ethik der Solidarität und des Teilens der Schwester Teresa und des heiligen Martin ist auf eine erweiterte Marktordnung nicht anwendbar. «Wir können nicht die ganze Menschheit zu unserem Familienfest einladen.» Es gibt eben zwei Typen von Ethik: für die kleine Gruppe mit ihren «Face-to- face»-Beziehungen und für die weltweite Ordnung des Marktes. Wir alle müssen in zwei ethischen Welten leben. Die Ethik der Liebe und des Teilens gilt in der kleinen Gruppe, in der anderen gelten nur formale Regeln gerechten Handelns.
Den Unterschied zwischen Marktethik und der Distributionsethik der kleinen Gruppen mag folgendes Bild verdeutlichen: Sie alle kennen die Geschichte vom heiligen Martin, der als stolzer Ritter einen am Rande frierenden Bettler begegnete. Martin nahm sein Schwert und teilte mit ihm seinen Mantel. Damit gab es zwar einen Heiligen mehr, aber keinen Armen weniger. Vielmehr hatten jetzt beide zu wenig. Bei der nächsten Teilung wird jeder nur noch ein Mantelviertel haben usw. - bis schliesslich alle frieren.
Der Unternehmer mag als Privatmann so handeln wie der heilige Martin. Als Unternehmer wird er darüber hinausgehen: Er wird eine Mantelfabrik bauen, dem Bettler dort einen Arbeitsplatz verschaffen, so dass dieser sich einen Mantel kaufen kann statt zu betteln. Nun frage ich Sie: Wer hat mehr Nutzen gestiftet, wer hat mehr zur Überwindung der Armut getan: der, der sie nur verwaltet durch Teilen, oder der, der sie überwindet durch Vermehren der Güter dieser Erde? Je grösser das Sozialprodukt ist, desto mehr fällt auch immer für den «Schwachen» ab, auch wenn die Portionen sehr ungleich sein mögen und die Einkommens- und Vermögensspreizung so weit geht wie in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Produktion von Egomanen
Die platte Lebensphilosophie des Wohlfahrtsstaates
lautet: Du wirst am ehesten «glücklich», wenn du dich um deine eigenen
Dinge nicht kümmern musst, wenn «Vater Staat» paternalistisch für dich
sorgt. Diese Lebensphilosophie ist geradezu lebensfeindlich. Sie nutzt im
Grunde nur der betreuenden Klasse, die von der Bevormundung lebt. Diese Philosophie
produziert den armseligen Typ des «letzten Menschen», eines Egomanen, der
sich nur noch für sich selber und seinen Komfort begeistern kann - weder Idealismus
noch Glauben kennt und den grossen Lebensschwung vermissen lässt. Was gegen-
wärtig in den meisten westlichen Gesellschaften vor sich geht, nämlich, dass
der Staat auf rund die Hälfte des Volkseinkommens zugreift und insoweit die
private Einkommensverwendung sozialisiert, ist nicht nur ökonomisch unzweckmässig,
sondern auch im hohen Grade moralisch fragwürdig und jedenfalls wohlfahrtsvernichtend.
Wenn der Staat die Menschen, die eigentlich zur Eigenvorsorge fähig wären,
durch Steuern und Sozialabgaben schröpft und von sozialen Transfers abhängig
macht, ihnen Sicherheit oder ein Glück vorgaukelnd, das nur mit der Vernichtung
individuell gestalteten, selbstver- antwortlichen Lebens zu erkaufen
ist, so gehört dies in das Kapitel Unmoral. Ein Staat, der immer mehr soziale
Sicherheit verspricht, wird desto mehr Unsicherheit verbreiten. Wir sehen
gegenwärtig, dass der Staat sich übernommen hat und nicht einmal mehr in seinem
Kernbereich für Sicherheit, Recht und Ordnung ausreichend sorgen kann.
Menschenwürdig
Die zwangsmässigen Umverteilungen des
Wohlfahrtsstaates erzeugen auf der Geberseite nur Wider- willen und Ablehnung,
bei den Empfängern der staatlichen Leistungen aber nicht Dankbarkeit, sondern
Apathie, Wut und das Bestreben, das System auszunutzen. Der Gemeinschaftssinn
schwindet überall dort, wo das Prinzip der Gegenseitigkeit durch eine zentrale
Autorität ersetzt wird. Ein Bürger, der wie ein unmündiges Kind behandelt
wird, verhält sich auch so. Darum ist die unternehmerische Philosophie der
Marktwirtschaft auch die einzige, die ich unter heutigen Verhältnissen «menschenwürdig»
nennen möchte. Sie geht vom Vertrauen in den einzelnen aus; in die naturgegebene
Fähigkeit von jedermann, seine Bedürfnisse zu artikulieren. Sie kann mit reichlicher
Erfahrung aus Jahrhunderten belegen, wie sich aus vielen Einzelplänen spontan
eine Gesamtordnung ergibt, die Wohlstand, Freiheit und, wo nicht «Glück»,
was immer eine heikle und subjektive Sache ist, doch ein angenehmeres Leben
ohne grosse Entbehrungen ermöglicht.
Gerd Habermann