Nr. 6, 3. März 2000
Namensschilder wären schon recht - aber...
Wie heissen Sie? Warum tragen Sie kein Namensschild? Ein solches sollten Sie sich beschaf- fen, denn es ist in unserer Gesellschaft zum Brauch geworden, nicht nur die Dinge, sondern auch die Leute beim richtigen Namen zu nennen. Fast alle Personen im öffentlichen Dienst, hinter den Schaltern von Banken, Post und Versicherungen oder in den Ladengeschäften und vor allem als Servierpersonal in Restaurants sind angeschrieben.
Anonymität ist «passé» - bloss, die Sache funktioniert nicht überall: Für uns als «Bussenkunden» ist es beispielsweise praktisch, wenn die Polizisten Namensschilder tragen. Wir lassen uns nämlich im Strassenverkehr, wenn schon, lieber von einem Herrn «Huber», «Moser», «Lüthi» oder «Schnurren- berger» schuhringgeln als einfach so von einem notizblockbewaffneten Beamten. Und merkwürdiger- weise wagen wir uns eher, frech zurückzumaulen, wenn der andere am Kittel einen Namen und nicht nur auf dem Kopf eine kesse Uniformmütze trägt. Nebenbei bemerkt wäre im Strassenverkehr überhaupt noch einiges zu ergänzen. Unsere Motorfahrzeuge sind numeriert, aber die Verkehrsteilnehmer sind nicht angeschrieben. Stellen Sie sich einmal vor, es gäbe keine Autonummern mehr. Das Fahren und vor allem das Parkieren wären der reinste Schleck... Aber was ist mit den unzähligen Fussgängern, die uns Autofahrern das Leben sauer machen? Sie sollten unbedingt ein Namensschild samt Adresse tragen müssen. Wir wüssten dann wenigstens, wer die betreffende Person ist, die gemächlich wie eine Schildkröte vor unserem Auto über den Fussgängerstreifen kriecht, so dass wir den ganzen Schwung der Motorkraft grosszügig an die Bremse verschenken müssen. Ich bin abgeschweift, und wir wollen uns jetzt lieber in ein Restaurant begeben:
«Fräulein, ein Bier» darf man nicht mehr rufen, denn das Wort «Fräulein» haben uns die Emanzen gründlich ausgetrieben. «Frau, ein Bier» könnten wir allenfalls zu Hause sagen, wenn wir dort überhaupt etwas zu sagen haben... Im Dorf ist man oft mit der Serviertochter duzis, da heisst es: «Theresli, bring en Bächer», und wer Trinkgeld gibt, darf noch beifügen: «aber e chli dalli dalli». In der Stadt ist das nicht Brauch. Hier ist das Personal angeschrieben und mit dem Namen anzusprechen. Das ist aber rascher gesagt als getan! Wenn nämlich die Serviererin per Zufall aus Polen kommt, steht auf ihrem Namens- schild «B. Zbrzwyseczki». Oder der nette Kellner, welcher Ihnen endlich die Rechnung bringen sollte, ist vermutlich ein Tamile. Sein Namensschild lautet auf «A. Surinabalaubaliadaban». Wir könnten ja auch «Herr Ober» sagen, aber das versteht er sowieso nicht. Also wendet man sich direkt an den Chef de Service. Ha, ha, er ist ein Grieche mit dem Namensschild X. Papadokouloypoulos». Und jetzt versuchen Sie einmal, alle diese Leute zu rufen, um Ihre Wünsche bekanntzugeben. Doch aufgepasst, sprechen Sie die Namen bitte ganz korrekt aus, sonst beschäftigt sich plötzlich noch die EU mit Ihnen...
Um Himmels willen, da kommt mir soeben in den Sinn, dass ich mit obigen Bemerkungen eine Klage wegen Missachtung des Antirassismusgesetzes riskiere. Man weiss in diesem Maulkorbland ja nie. Ich entferne deshalb diskret mein Namensschild und unterschreibe ausnahmsweise mit (Name der Redak- tion bekannt)...