Glossen zum "Kulturbetrieb" von heute

Happenings
«So wie die Sterblichen jetzt sind»
von Arthur Häny

Wenn uns älteren Menschen der Kulturbetrieb der Gegenwart zuweilen seltsam
erscheint, so müssen wir uns zunächst einmal Zurückhaltung auferlegen.
Vielleicht haben wir nicht recht erfasst, was da alles kreiert wird, oder
wir vermögen uns nicht mehr in «die neue Zeit» einzufühlen. Dann wenden wir
uns der Vergangenheit zu und geraten in Versuchung, sie zu idealisieren,
obwohl sie in Wirklichkeit gar nicht so ideal war! Diese Versuchung hat
schon immer bestanden. Schon Homer, der Vater der griechischen Poesie,
scheint nicht mehr der Jüngste gewesen zu sein, wenn er zuweilen abschätzig
bemerkte, dass seine Zeitgenossen das oder jenes gar nicht mehr könnten,
was die ruhmreichen Helden der Vorzeit doch ohne weiteres gekonnt hätten.
Aber «So wie die Sterblichen jetzt sind», seien sie halt nicht mehr fähig
dazu.
Und auch die Schriftsteller der alten Römer pflegten jeweils die «mores
maiorum», die Sitten und Taten der Vorfahren, hoch über das Getriebe der
eigenen Zeit zu stellenŠ Aber ein solches Loblied auf die alte Zeit war nie
ganz ehrlich. Man konnte die Ahnen ja desto unbedenklicher rühmen, je
weniger sie einem noch im Wege standen; sie hatten den Konkurrenzkampf und
das ganze Gerangel der Gegenwart längst hinter sich gelassen.

Ein Interregnum
Aber es gibt leider doch Fälle, in denen sich die Formel Homers bewährt:
Fälle, in denen die Gegenwart den Vergleich mit der Vergangenheit nicht
aushält. Wer wollte zum Beispiel im Ernst bestreiten, dass die Politik der
Schweiz während des Zweiten Weltkriegs konsequenter und richtiger war als
die von heute?
Aber lassen wir die Politik! Am problematischsten erscheint mir die
Gegenwart, auch bei einer möglichst objektiven Betrachtung, im Bereich der
Kunst und Kultur. Es herrscht eine merkwürdige Beliebigkeit, man kann heute
alles Mögliche als Kunst deklarieren, was nur noch wenig mit Können zu tun
hat. Und das Épatez le bourgeois, die Provokation, steht immer noch hoch im
Kurs. Verbindliche Massstäbe für das, was wahr und was schön ist, bestehen
keine mehr. Nach allen Richtungen wird experimentiert, auch in der Dichtung.
Das war nicht immer so. Martin Opitz behauptete 1624 in seinem «Buch von
der deutschen Poeterei», die Dichtung sei in ihrem Ursprung ein «Unterricht
von göttlichen Sachen», und sie habe sich nur «in Reime und Fabeln
verstecken» müssen, um dem gemeinen Volk verständlich zu werden. Und noch
1762 schreibt Salomon Gessner in einem Vorwort, die Poesie sei «immer im
Gefolge der Religion gegangen» und sei «die würdigste Art, Empfindungen der
Tugend und der Andacht» auszudrücken. Darüber würde man heute nur lachen.
Aber vielleicht war diese Ansicht gar nicht so falsch, vorausgesetzt, dass
man den Begriff der Religion nicht mit Dogmen und Zeremonien verband,
sondern innerlich und geistig verstand.
Natürlich darf man die Kunst nicht reglementieren. Jede neue Richtung,
jeder neue Stil muss das Vergangene, Vorausgegangene in Frage stellen. Aber
auch wenn man sich wohlweislich hütet, Regeln aufzustellen - gewisse
ethische und ästhetische Prinzipien sind meines Erachtens doch
unerlässlich. Die Kunst sollte lebenswahr und in gewissem Masse auch
attraktiv sein. Cicero schreibt einmal in seinen «Gesprächen in Tusculum»,
es bedeute einen Missbrauch der Literatur, wenn man nicht «delectatione
aliqua adlicere lectorem», mit einem gewissen Anreiz, den Leser anlocken
könne.
Wir befinden uns heute in einem langwierigen Interregnum zwischen dem, was
einmal war, und dem, was dereinst hoffentlich wieder sein wird. Ich meine
eine allgemein verständliche, eine Gemeinschaft stiftende Kunst und Kultur.
Mittlerweile begnügen wir uns nur allzuoft mit «kulturellen Aktionen».
Dazu möchte ich einige aktuelle Beispiele anführen.

Bäume einpacken
Gibt es etwas Absurderes, als Bäume einzupacken? Diese wunderbaren
Geschöpfe, die Gott für Licht und Luft geschaffen hat, in graue Hüllen zu
stecken und zu vermummen wie Fasnachtsgestalten? Dennoch werden solche
Happenings heutzutage als künstlerische Spitzenleistungen gefeiert und
dementsprechend vermarktet. Und die Leute strömen in Scharen herbei, um
dergleichen Wunder anzustaunen.
Nun, das war letztes Jahr eine Angelegenheit der Basler. Aber die Zürcher
sind jetzt im Begriff, den Baslern den Rang abzulaufen. Sie gedenken zwar
keine Bäume einzupacken, statt dessen wollen sie ihre repräsentativsten
Denkmäler - die Statuen von Waldmann, Zwingli, Pestalozzi und Escher - von
ihren Sockeln heben und eine Zeitlang ins Industriequartier verpflanzen.
Das soll im Rahmen eines Projekts «Aufwertung Zürich West» geschehen. Die
Plattformen der geräumten Monumente sollen leer bleiben, damit das Publikum
sie allenfalls betreten und sich für einmal in die Rolle der Verewigten
versetzen kann. (Das muss ja im Falle Hans Waldmanns, der 1489 geköpft
worden ist, besonders verlockend sein!)
Es werden gewichtige Gründe vorgebracht, um diesen Schildbürgerstreich zu
legitimieren. Die Verpflanzung begünstige ein tieferes Nachdenken über
diese historischen Gestalten, an denen man sonst nur achtlos vorbeigehe.
Die «zu Stein gewordene Geschichte» werde aus ihrer Erstarrung gelöst, und
die betreffenden Persönlichkeiten würden einer vertieften Betrachtung
zugänglich. Welch eine Zuversicht! Wie viel mehr Gedanken macht sich wohl
jemand über unseren Reformator, wenn er, statt am Limmatquai, im
Industriequartier an ihm vorbeispaziert? Wer den Drang verspürt, sich mit
historischen Gestalten zu befassen, wird nicht auf das Spektakel einer
solchen Verpflanzung warten. Und wer erst bei dieser Gelegenheit auf
historische Gestalten stösst, der wird sie auch wieder vergessen haben,
bevor noch das Spektakel zu Ende ist. Und deshalb, vermute ich, ist das
Verpflanzen von Denkmälern nicht viel sinnvoller als das Einpacken von
Bäumen.

Denkmäler
Denkmäler sind zwar nicht unantastbar wie Gräber. Man muss sie zuweilen
schrubben, denn an der Bronze nagt der Grünspan, und ihre hehren Häupter
werden von Möwen bekleckertŠ Aber etwas haben Denkmäler doch mit den
Gräbern gemeinsam: sie pflegen ein geruhsames Dasein. Alfred Escher nimmt
es mit Gleichmut hin, wenn man den Zürcher Bahnhofplatz überquert, ohne
seiner Verdienste zu gedenken. Die Statuen möchten aus diesem geruhsamen
Dasein nicht aufgeschreckt werden. Sie wollen uns ja auch nicht mehr
unbedingt zur Erinnerung verpflichten. Das war vielleicht in ihrer Jugend
der Fall - aber jetzt repräsentieren sie doch eher und gehören einfach zum
Stadtbild! Es sind würdige Gestalten, ungeeignet für Experimente. Und was
Alfred Eschers Statue betrifft, so ist sie während der Bauerei um den
Bahnhof schon lange genug im Exil gewesen!
Dennoch wäre es übertrieben zu behaupten, dass die Statuen ihr Dasein
fristen, ohne irgendeinen Eindruck zu hinterlassen. Zwar repräsentieren sie
und verleihen den Strassen und Plätzen eine würdige Ambiance. Aber darin
erschöpft sich ihre Wirkung nicht. Sondern die menschliche Haltung, die
ihnen der Bildhauer verliehen hat, die haftet in der Erinnerung. Zum
Beispiel die Unerschütterlichkeit, mit welcher Huldrych Zwingli an Bibel
und Schwert festhält; die ruhige Selbstgewissheit, mit der Alfred Escher in
seinem Vollbart die Bahnhofstrasse hinaufblickt; die Sorglosigkeit, mit der
Hans Waldmann auf seinem Pferde schlingert, nicht ahnend, wohin es führen
wird! Am schönsten aber dünkt mich die Haltung Heinrich Pestalozzis, der
sich fürsorglich-liebevoll zu einem armen Kinde neigt, das seiner Hilfe so
dringend bedarf.

Untergang retour
Vielleicht gehört der ungenierte Umgang mit Denkmälern in einen grösseren
Zusammenhang. Es sind ja Monumente der Vergangenheit. In diesen neunziger
Jahren hat man auch sonst sehr energisch «Vergangenheitsbewältigung»
betrieben. Nach über fünfzig Jahren wurde auf einmal leidenschaftlich
diskutiert, was alles vor über fünfzig Jahren geschehen war und alles hätte
geschehen sollen. Jetzt aber greift in Zürich die Erinnerung sogar noch
weiter zurück und gräbt noch ältere Schrecknisse aus - um sie zu
vermarkten. Wir befinden uns in der Epoche des totalen Kommerzes.
Ich denke an die Titanic. Im April 1912 ist sie auf ihrer allzu ungestümen
Jungfernfahrt mit einem Eisberg zusammengestossen. Und dieses schreckliche
Ereignis, bei welchem immerhin 1513 Menschen auf tragische Weise umgekommen
sind, lockt heute, melodramatisch verfilmt, die Leute ins Kino und füllt
dort die Kassen. Auch werden die Unterwasser-Reliquien des Riesenschiffs
dem Publikum in Ausstellungen präsentiert. Das ginge ja noch an. Jedermann
hat das gute Recht, sich auf der Leinwand vorspielen zu lassen, was ihn
rührt, und Ausstellungen mag ein jeder nach Lust und Laune besuchen. Dass
aber ganze Strassenbahnen mit der Aufschrift «Titanic» herumfahren und dass
man die Fahrt zur Ausstellung als «Untergang retour» plakatiert - das geht
denn doch zu weit. Man kann nur hoffen, dass solch hybride Effekthascherei
ohne Folgen bleibt. Von einem Untergang gibt es eigentlich kein Zurück mehr.

Von innen statt von aussen
Brauchen wir solche Happenings, weil wir von Erstarrung bedroht sind? Sind
wir nicht eher von einer völligen Orientierungslosigkeit bedroht? Ich kann
in solchen Unternehmungen keinen Akt der Erneuerung erkennen. Sie bleiben
äusserlich, und Erneuerung müsste von innen her geschehen.
Die Gesellschaft lebt sowohl vom Bestehenden als auch von der Erneuerung.
Zwischen beiden muss sich eine gewisse Balance ergeben. Als Zwingli in
Zürich die Reformation durchsetzte, hat er ein bedeutendes Geschehen von
innen her ausgelöst, aus Gewissensnot und persönlicher Überzeugung. Wenn
man dagegen seine Statue anderswohin verpflanzt, so
ist das nur eben - eine Action oder ein Happening. Und ein Happening ist,
entgegen dem englischen Wortsinn, eine Aktion, bei der eigentlich nichts
geschieht - nämlich nichts Wesentliches!


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