Nr. 5, 22. Februar 2008
Freiheit,
Unabhängigkeit und Neutralität: Die Schweiz aus USA-Sicht 1942 (30.
Folge)
Die Schweiz atmet freier
Von Dr. Jürg Stüssi-Lauterburg, Windisch AG
Die schwierige Landesversorgung - die Flüchtlingsfrage - die sichtbarer werdende Erschöpfung Deutschlands im sich in die Länge ziehenden Krieg: Diese drei Themen bestimmten im September 1942 die Agenda der Schweizer Verantwortungsträger.
Auf der amerikanischen Gesandtschaft in Bern waren am 12. September 1942 weiterhin die Brikettpressen der Gebrüder Bühler ein wichtiges Thema: Am 19. September werde in Genua das Schweizer Schiff "Calanda" mit zwei Pressen in See stechen. Als Gegenwert habe der amerikanische Board of Economic Warfare rund vierhundert Tonnen Stahl im Wert von rund 40'000 US-Dollar freigegeben.
Amerikanisches Misstrauen
Handelsattaché Daniel J. Reagan fügte seiner Depesche an den US-Staatssekretär hinzu, die Empfängerin einer der Kompensationsleistungen, Landis & Gyr in Zug, werde zwar von der britischen Gesandtschaft unter die Lupe genommen. Aufgrund der bisher vorliegenden Informationen sei allerdings davon auszugehen, dass die Firma nicht in antiamerikanische oder antibritische Aktivitäten verwickelt sei.
In einer Depesche vom 15. September in die Gegenrichtung sprach der schweizerische Gesandte am Potomac, Karl Bruggmann, von "einem tiefeingewurzelten Misstrauen", welches der Schweiz in den USA trotz allem Verständnis entgegenschlage, verursacht durch die geographische Lage des Landes, die daraus fliessenden wirtschaftlichen und finanziellen Verflechtungen und die Verschiedenheit der Institutionen. Da in der Schweiz nichts der Security and Exchange Commission Entsprechendes existiere, glaube Washington, besonders vorsichtig sein zu müssen. "Als Beispiel der Verflechtung schweizerischer Interessen mit fremden, sei auf die Verhältnisse der I. G. Chemie hingewiesen."
Die Kriegslage
Unterschiedliche politische Auffassungen über die Gesamtlage wurden am 16. und 17. September an der Sitzung der Kommission für Auswärtige Angelegenheiten des Nationalrats in Freiburg sichtbar. Bundesrat Marcel Pilet-Golaz skizzierte die Lage: Deutschland habe keinen politischen Druck, zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage, auf die Schweiz ausgeübt (Pilet-Golaz hatte dasselbe bereits an Bundesrat von Steiger geschrieben und hinzugefügt, man dürfe die Gefahr eines Ausbruchs von Antisemitismus in der Schweiz nicht ausser Acht lassen).
Frankreich verkörpere eine Vergangenheit und vielleicht eine Zukunft, aber keine Gegenwart. Die Beziehungen mit England seien gut, auch wenn man sich wirtschaftlich noch nicht gefunden habe. Die Dominions verfolgten immer stärker eine unabhängige Politik, was man zum Beispiel in den Gesprächen mit Kanada feststelle. Die Amerikaner seien der Schweiz gut gesinnt, aber sobald man praktische Probleme anspreche, verflüchtige sich diese Atmosphäre. So seien alle schweizerischen Guthaben blockiert.
Die Amerikaner seien anders als die Europäer; offen und ursprünglich in der Art führten sie doch einen brutalen Wirtschaftskrieg. Er, Pilet, sei von der führenden Rolle überzeugt, welche die USA am Ende des Krieges zu spielen hätten. Die Guten Dienste seien eine schwere Last, aber auch ein Vertrauensbeweis, keine Garantie, aber ein Element der Sicherheit. Pilet schloss folgendermassen:
"Man fragt sich, wie lange die ausserordentliche Situation der Schweiz andauern kann. Sie hat etwas Wunderbares, und man muss dem Wunder mit viel Geduld, Klugheit, Ruhe und Augenmass beistehen."
Deutschland erschöpft
Für die Kommissionsmitglieder stand der Ausgang des Krieges fest. Ernst Reinhard (Bern) sprach als erster: "Der Friede wird von Washington, London, Moskau und Nanking diktiert werden." Das amerikanische Misstrauen müsse bereinigt werden. Bei den britischen Labour-Leuten seien Nachwirkungen der Rede Pilet-Golaz' vom 25. Juni 1940 und des Frontistenempfangs noch immer spürbar. Dass man mit Russland die Beziehungen nicht vor Kriegsausbruch bereinigt habe, werde sich rächen. Gegenüber Deutschland befinde sich die Schweiz "in absoluter Ohnmacht".
Ernst Bärtschi (Bern), Josef Riedener (St. Gallen) und Eugène Hirzel (Lausanne VD) stellten Fragen nach der eventuellen Aufhebung der Verdunkelung im Grenzgebiet, nach einem neuen Gesandten für Rom, nach der Entschädigung für Verluste von Schweizern im Ausland und nach den internationalen Implikationen der Flüchtlingsfrage.
Pilet antwortete, die Verdunkelung könne man nicht aufheben, die Schweizer Grenze zu zeigen bedeute, die Grenzen der Nachbarn zu zeigen, welche lebhaft reagieren würden. Und dann:
"Es ist ausserordentlich schmerzhaft, dass wir unsere Türen den Flüchtlingen nicht weit öffnen können. Es handelt sich um eine praktische Notwendigkeit. Wir müssen bei uns Meister bleiben, wir haben diese Verpflichtung auch gegenüber dem Ausland. Denken wir an die Affaire Wohlgemuth und an die des Prinzen Napoléon und vergessen wir nicht, dass sich dieses Mal keine Drittmächte ins Mittel legen könnten! Wir müssen mit Bedacht und klug ans Werk gehen und jeden Fall untersuchen. Es ist eine Frage des Masses, bei welcher der Verstand sich zum Herz gesellen muss. Herr von Steiger wird zu dieser Frage zu den Räten sprechen."
Man habe von Seiten der Angelsachsen den Schweizern vorgeworfen, das Zeughaus Deutschlands zu sein und Transporte von Kriegsmaterial und Truppen durch den Gotthard zu gestatten. Er, Pilet, habe den britischen Gesandten vom Gegenteil überzeugt. Nationalrat William-Emmanuel Rappard (Valavran GE) betonte, dass die Schweiz sich - wie es die Notwendigkeit erkläre - keiner ausgewogenen Haltung rühmen könne: Auf der einen Seite sei an die Verdunkelung zu denken, an das schreckliche Wirtschaftsabkommen mit Deutschland, an die Deutschland gewährten Kredite, an die Pressezensur, auf der anderen Seite an die Haltung in Sachen Luftverkehrslinie Schweiz-England, Telephonverbindungen für englische Journalisten und so weiter. Die Schweiz geniesse in England Ansehen. Bundesrat Marcel Pilet-Golaz unterstrich, dass die Neutralität politisch und militärisch strikt gehandhabt werde, dass man aber auf wirtschaftlichem Gebiet verhandeln können müsse.
Der Druck weicht langsam
Blies Pilet-Golaz also ein durchaus kritischer parlamentarischer Wind ins Gesicht, versteifte sich die politische Brise gleichzeitig auch im bernischen Grossen Rat gegenüber den so genannten Jungbauern. Mit sichtlicher Genugtuung notierte Nationalrat Markus Feldmann (Bern) ins Tagebuch, den "Möschberger Nazi" sei am 16. September "eine geradezu vernichtende Abfuhr" erteilt worden. Oberleutnant Rudolf Bucher, Teilnehmer der ersten Ärztemission an die deutsche Ostfront, erzähle, Oberstdivisionär Eugen Bircher habe an einem Bankett in Berlin gesagt, "dass jeder Widerstand der schweizerischen Armee gegenüber der deutschen Wehrmacht sinnlos sei".
Es beleuchtet die besonders angespannte Lage jener Zeit, dass Feldmann eine derartige Äusserung offenbar tatsächlich für möglich hielt. Mit Wohlgefallen stellte Feldmann fest, dass der Bundesrat nun Oberst Philipp Friedländer zum Nachfolger Gustav Dänikers an der Schiessschule Walenstadt gewählt habe. Am Tag dieser Wahl, dem 18. September, ergab ein Blick über die Landesgrenzen ein besonders düsteres Bild: Aus Polen sei ein Alarmruf der "unterirdischen Opposition" zu vernehmen, "dem zufolge die Deutschen zur systematischen Vernichtung und Ausrottung des polnischen Volkes übergegangen sind."
Trotz solcher Meldungen atmete die Schweiz in der zweiten Hälfte September 1942 deutlich immer freier. Jean Hotz erklärte am 21. September hinter verschlossenen Türen, in Deutschland herrsche Warenmangel und miserable Stimmung, das Land besitze "zu einem Angriff auf die Schweiz die Kraft nicht mehr".
Der äussere Zwang
schien sich also, für den Augenblick wenigstens, ein ganz klein wenig
zu lockern, die inneren Gegensätze brachen dementsprechend sofort und
dramatisch auf. Die Verhaftung eines Müllers im schwyzerischen Steinen
unter dem Verdacht des Verstosses gegen Bestimmungen des Kriegswirtschaftsrechts
führte zu einem lokalen Aufruhr. In einem für die damalige Schweiz
sicher nicht typischen Vorfall setzte es gar Prügel ab für Beamte,
die dann auch noch - wenn auch bloss vorübergehend - durch das Volk verhaftet
wurden. Das löste die Bereitstellung eines verstärkten Regiments
für einen eventuellen Ordnungsdienst aus, welcher dann nicht nötig
wurde, weil sich die Steiner wenig später wieder ins geltende Recht schickten.
Jürg Stüssi-Lauterburg