Nr. 05, 27. Februar 2004

Beseitigung der Folgeschäden ist überfällig
Die Achtundsechziger haben abgedankt

Von Dr. Werner Martignoni, Muri bei Bern

Überall regen sich Kräfte, um die letzten Scherben zu beseitigen, welche die sogenannte 68er-Generation auf ihrem Marsch durch die Institutionen und in der Gesellschaft hinterlassen hat. Einige Ewiggestrige laufen immer noch ihrem Apostel Herbert Marcuse nach.

Zu Beginn dieses Jahres wurde eine radikale und dennoch hierzulande wenig beachtete Kehrtwendung publik. Die rot-grüne Regierung Deutschlands und ihre sozialdemokratischen Vordenker verkündeten allen Ernstes ihre Absicht, sogenannte Elite-Universitäten zu errichten. Da es unverzüglich Hohn, Spott
und Krach absetzte, milderten Wortführer der SPD das Reizwort zwar eilfertigst in «Hochleistungs-Universitäten». Dennoch: Führende Linkskreise rücken offensichtlich vom Postulat der Chancengleichheit, der «gleichen Bildung für alle», ab, einer der Kernforderungen der seinerzeitigen
Studentenrevolten.

Was die 68er anrichteten
Im Gefolge des gewalttätigen Kampfes für die totale Befreiung von allen gesellschaftlichen, hierarchischen Bindungen und Verpflichtungen ­ als 68er-Phase in die Geschichte eingegangen ­ forderten Linke in Deutschland in ihrem Programm von 1969 u. a. die Abschaffung der Examina an den
Universitäten. Sie betitelten solche Tests als «Instrumente einer rigorosen Auslese». Doch heute, mehr als eine Generation später, wird der damals verschrienen Bestenauslese wieder das Wort geredet ­ wobei bissige Kritiker mit Blick auf den Initianten den Vorschlag freilich als «Wahnwitz eines autonärrischen Familienvaters» geisseln, der seinen reparaturbedürftigen Kombi durch einen Rennwagen ersetzen wolle (NZZ vom 17./18. Januar 2004). Nicht bloss im Bildungswesen, auf allen Ebenen der Gesellschaft haben die damaligen grossartigen Sprüche von Krawallanten und Revoluzzern ausgedient.
Nach drei Krisenjahren bei hoher Arbeitslosigkeit dämmerte bald einmal dem letzten ideologischen Hinterwäldler auf, dass der 68er-Marsch durch die Institutionen die staatlichen Gemeinschaften in Niedergang und Verunsicherung geführt hat. In der Schweiz hat die Stimmbürgerschaft genug von Schuldenwirtschaft öffentlicher Gemeinwesen und von unkontrollierter Umverteilungspolitik. Die jahrelange Nachgiebigkeit gegenüber Forderungen aus allen Richtungen, die Duldung von Missbräuchen aller Art verhinderten es nicht: Die Armut breitet sich wieder aus.

Auch die persönliche Sicherheit, erste Gewährleistungspflicht eines kultivierten Staates, nahm Schaden. Unmissverständlich erinnerte Nationalrat Ulrich Schlüer vor den SVP-Delegierten am 10. Januar 2004 an die «Reformer» von damals, «die mit an Starrsinn gemahnender Ideologie-Gläubigkeit die Theorie vertraten, nur die Ðungerechte Gesellschaftð lasse Menschen zu Tätern werden». Sind Kriminelle wirklich ein Resultat von repressiven Strukturen und Ellbogengesellschaft? Wie wenn es vor hundert und tausend Jahren keine Verbrecher, Mörder und Raubritter gegeben hätte. Des Pudels Kern
Herold der erwähnten Ideologie-Gläubigkeit und 68er-Apostel war der Soziologe Herbert Marcuse (1898­1979), Schüler von Karl Marx. In Berlin geboren, emigrierte er 1934 zu Beginn der Nazizeit in die USA, wo er Mitglied des Sozialforschungs-Instituts der Columbia-Universität wurde. Einer seiner
Lehrsätze lautet: «Heute ist der technische Apparat der fortgeschrittenen Industriegesellschaft an sich autoritär und verlangt Dienstleistung, Unterwerfung, Unterordnung unter den objektiven Mechanismus des Maschinensystems, das heisst Unterwerfung unter jene, die den Apparat kontrollieren.»

Es ist nützlich, sich diesen Satz stets vor Augen zu halten, damit man die Liesel an ihrem Geläut auch erkennt. Er sagt ohne Umschweife aus: In den Industrieländern müsse sich jeder Arbeitnehmer als ausgebeuteter Sklave betrachten, der bloss dem «Maschinensystem» diene. Die Aussage ist nichts
anderes als eine Verteufelung von Arbeit und Leistung. Konsequent lautet demzufolge auch die Schlussfolgerung des Post-Marxisten Marcuse: Um die Freiheit wiederzuerlangen, «rechtfertigt der Zweck die Mittel»: Revolutionäre Gewalttätigkeit in jeder Form ist damit ethisch erlaubt (Zitate aus «Weltgeschichte der Philosophie», Hans Joachim Störig). Marcuse forderte auf zum «totalen Protest», zur «grossen Weigerung», zur «Mobilisierung der Randgruppen der Gesellschaft» ­ bis auf den heutigen Tag nur allzu bekannte Zielsetzungen und Erscheinungen aus dem roten Lager. Krawalle, Vermummte, Sachbeschädigungen, Scherben, Tränengas und Scharmützel bei Demos sind direkte Folgen dieser
Ideologie. Im Gegensatz zu seinem Lehrer Marx, der wenigstens eine (zwar untaugliche und gescheiterte) Lösung anbot, gibt sich dessen Schüler Marcuse mit dem anzustiftenden Müllhaufen zufrieden. Er nennt das Ziel zwar «Freiheit»; in Wirklichkeit ist diese Freiheit aber ein Chaos zum Schaden aller, selbst seiner ihm zu Füssen kauernden Anbeter.

Gegen das Volk
Unser Chaoten-Vordenker hütete sich selbstverständlich, die abgetakelte Redewendung von der Diktatur des Proletariats zu verwenden. Er meinte indes dasselbe, als er in seinem Essay «Das Veralten der Psychoanalyse» schrieb: «Die Massen sind nicht identisch mit dem Volk, auf dessen souveräner
Rationalität die freie Gesellschaft errichtet werden sollte. Heute hängt die Chance der Freiheit in hohem Masse von der Kraft und Bereitschaft ab, sich der Massenmeinung zu widersetzen, unpopuläre politische Praktiken zu verfechten, die Richtung des Fortschritts zu ändern.»
Wer die politische Szene in unserem Land und in vielen weiteren Staaten wachen Sinnes beobachtet, tut gut daran, sich auch diesen Passus von Marcuse zu merken. Er sagt aus, dass für das Schicksal einer staatlichen Gemeinschaft nicht Meinung und Wille des Volkes massgeblich seien, sondern
die «Kraft und Bereitschaft» der Träger einer Ideologie. Diese Fahnenträger sollten sich dem Mehrheitswillen entgegenstemmen und unpopuläre Praktiken, also Provokationen, Handgreiflichkeiten und Saubannerzüge anzetteln. Konsequenterweise dürften Volksschädlinge durch die bestehende Rechtsordnung bloss mit Glacéhandschuhen angepackt werden. Alles, was die «Eingeweihten» gegen das «Volk» unternehmen, auch Gewalt als geheiligtes Mittel zum Zweck, sei «fortschrittlich» im Sinne der Freiheit von allen Bindungen und damit auch gut, nützlich und schützenswert. Schon gehört von solchen Gedankengängen? Schon die Praxis derartiger Empfehlungen erfahren?

Die Enkel denken anders
Begleitet von der Disharmonie der 68er-Musik ist die Schweiz geschwächt, im Rang der Staaten zurückgestuft und mit einem Schuldenberg beladen ins neue Jahrhundert eingetreten. Gleichzeitig erstarken indessen die Gegenkräfte. Die haushohe Annahme eines Verschuldungs-Stopps, die Zurückweisung neuer Lasten für Staatshaushalt und Steuerzahler, das Bewusstwerden von
Missbräuchen im Sozialwesen wie in der Asylpolitik und in den letzten Monaten die markanten politischen Gewichtsverlagerungen sind eindeutige Merkmale, dass die Enkel der 68er-Generation realistischer denken, fühlen und handeln.
Der schon fast verzweifelte Versuch der links-grünen Regierung Schröder, aus der Erstarrung der umverteilenden Gleichmacherei durch Schaffung einer Elite-Universität auszubrechen und Arbeit und Leistung wieder in den Vordergrund zu rücken, zielt in eine völlig neue Richtung. In der Schweiz werden junge SP-Politikerinnen aufmüpfig: «Keine Spur von jungsozialistischer Klassenkampf-Rhetorik und Utopiepolitik», zitiert der Berner «Bund» eine junge Nationalrätin bei einer SP-Zusammenkunft. Und die
neugewählte Berner Ständerätin Simonetta Sommaruga doppelte in jenem Kreise gleich nach: «Wir können nicht gebetsmühlenartig wiederholen, dass die AHV auf Jahre hinaus gesichert ist, obwohl uns das niemand mehr glaubt.» Peitschend formuliert die Junge SVP in ihrer jüngsten Verlautbarung vom
Januar 2004: «Der politisch-soziale Bankrott der schweizerischen Sozialdemokratie sowie der 68er-/80er-Protest-, Jammer- und Krawallgeneration». Eine Jugendpsychologin drückte sich in einem Interview milder aus: «Wir beobachten eine totale Änderung im Selbstverständnis der
heutigen Jugend»: «Angesichts von Krise und Arbeitslosigkeit ist die postmarxistische These,
den Staat kaputtzumachen durch überrissene Forderungen, Verteufelung von Arbeit und Leistungswillen sowie das Aufzwängen von gesellschaftsverändernden Vorstellungen, als definitiv gescheitert zu
betrachten.» Arbeit und Einsatz am Arbeitsplatz behaupten ihren Platz in der Skala der Salonfähigkeit, Gejammer über die «ungerechte Gesellschaft» verschwindet hinter die Kulissen. Der Verrat an 68 ist vollzogen. Es gab keinen Trümmerhaufen. Die Schäden und Folgeschäden müssen aber unverzüglich ausgebessert werden.


Dr. Werner Martignoni