Nr. 5, 21. Februar 2003
Zehn Jahre nach dem
EWR-Nein
Prophezeite Katastrophe ist ausgeblieben!
Von Hans Baur, Beinwil am See AG
Am 6. Dezember 2002 war es zehn Jahre her, seitdem das Schweizer Volk
knapp
und die Stände mit erheblichem Mehr den Beitritt zum EWR, dem Vorhof
zur EU,
abgelehnt haben.
Die vom Bundesrat, von
der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen
Elite vorausgesagten katastrophalen Folgen sind ausgeblieben. Viele der
seinerzeitigen EWR-Mitglieder (Österreich, Schweden, etc.) sind in die
EU
eingetreten. Das wohlhabende Norwegen hat den EU-Beitritt schon zweimal
abgelehnt, fühlt sich im EWR jedoch nicht wohl.
Erhalt der zentralen Werte
Die Schweiz konnte sich die zentralsten ihrer Werte erhalten: direkte
Demokratie, föderativer Staatsaufbau, grössere Freiheit, Weltoffenheit,
einen wesentlichen Teil der Neutralität, das Wasserschloss Schweiz,
Milizarmee, Marktwirtschaft, Schweizer Franken, Wohlstand, (Zinsen,
Inflation und Abgaben tiefer als in der EU), das Bankkundengeheimnis sowie
das Vertrauen des Auslands. Der Schweizer Franken steht heute um mehr als
zehn Prozent höher als der Euro. Das Verfügungsrecht über ihr
Gold hat die
Schweiz behalten. Die Arbeitslosenzahlen sind wesentlich geringer als im
Durchschnitt der EU. Die Vorsorge für Alter, Invalidität, Unfall
und
Krankheit ist besser gesichert als in den führenden Ländern der
EU. Die
Schweiz geniesst international nach wie vor das Top-Rating Triple-A.
Leider ist es indessen nicht gelungen, die administrierten Preise und die
Kartellwirtschaft wesentlich abzubauen. Die Schuldenwirtschaft und mit ihr
verbunden die übermässige volkswirtschaftliche Umverteilung haben
sogar
zugenommen aus eigenem Verschulden. Dadurch erlitt das Wachstum in der
Schweiz Einbussen. In dieser Beziehung müssen wir in Zukunft das Steuer
herumwerfen und den Bereich der Eigenverantwortung wieder erweitern.
Leider sind auch die Bilateralen Verträge, bereits heute ersichtlich
der
Transitvertrag, nicht mit genügender Weitsicht und Sorgfalt ausgehandelt
worden. Die Staus am Gotthard und die damit verbundene Benachteiligung der
schweizerischen Wirtschaft sprechen Bände. Aber dieser Landverkehrs-Vertrag
ist im Notfall, anders als der faktisch unauflösbare EU-Beitrittsvertrag,
kündbar und damit wieder verhandelbar.
Grossmacht EU
Die EU hat sich nicht besser entwickelt, als es vor zehn Jahren zu erwarten
war. Demokratie- und Föderalismus-Defizit sind geblieben. Die
undurchschaubare Vorherrschaft der Regierungen der zwei oder drei grossen
Mächte in der EU (Frankreich, Deutschland, England) zeigt sich heute
noch
ausgeprägter als damals. Zentralismus und Mehrheitsentscheide und
damit
die Schwächung der Kleinstaaten haben zugenommen und werden weiter
zunehmen. Währungs- und Steuerwettbewerb, die die Politiker zähmen,
sind
oder werden abgeschafft. Der Stabilitäts- und der Wachstumspakt werden
abgeschwächt. Die Verschuldung, die bedrohlichste Geissel der Staaten,
nimmt
zu.
Die EU spielt sich, obwohl ihr die Kraft dazu fehlt, unter der Führung
von
Frankreich und Deutschland immer mehr als politische und militärische
Grossmacht auf (Aufbau einer schnellen Eingriffstruppe). Die kleinen Staaten
wie Österreich und Irland werden als vernachlässigbar behandelt,
ja sogar
vergewaltigt (Österreich). Die Neutralität wird im Rahmen der EU
überhaupt
bedeutungslos.
Das Wagnis des Euro hat zu einer erheblichen Abwertung geführt. Die
EU-Länder sind im Aussenverhältnis entsprechend ärmer geworden.
Die
wohlhabendsten und freiheitlichsten EU-Länder sind dem Euro ferngeblieben
(Grossbritannien, Schweden und Dänemark). Bürokratie, Inflation
und Zinsen
sind in der EU angewachsen. Die Arbeitslosenzahl ist hoch geblieben. Die
Renten- und Vorsorgekosten sind noch unerschwinglicher geworden. Die
ökologischen Probleme werden völlig ungenügend beachtet. Die
Osterweiterung
in zu hohem Tempo vergrössert Probleme und Lasten. Ob der Frieden unter
den
EU-Ländern im engen, riesigen Korsett dauerhaft sicherer ist als ohne
Korsett, ist sehr zweifelhaft. Die grosse, in Jahrhunderten gewachsene
abendländische Kultur bleibt nach wie vor das Band, das die Schweiz,
die
Länder der EU und des übrigen Europa untrennbar zusammenhält.
Unglaubwürdiger Bundesrat
In den im kommenden Herbst stattfindenden National- und Ständeratswahlen
spielen die Fragen rund um Nato- und EU-Beitritt eine erhebliche Rolle. Nach
dem Aussenpolitischen Bericht des Bundesrates will dieser in den Jahren 2003
bis 2007 das Beitrittsgesuch in die EU «aktivieren». Er berücksichtigt
dabei
die Haltung des Parlaments. Die EU- und Nato-kritischen Parlamentarier und
Parteien im Parlament müssen deshalb gestärkt werden.
Der Bundesrat legt leider seine Absichten nicht klar vor. Er wagt nicht, dem
Volk die beiden Hauptfragen zu unterbreiten, nämlich