Nr. 5, 22. Februar 2002
Terror-Regime in Schweizer
Gefängnissen
... und der «Igor» sagt, wo¹s
langgeht
Von Charly Pichler, Wil SG
Schweizer Gefängnisdirektoren schlagen Alarm. Gewalt, Brutalität und Unterdrückungsterror bestimmen zunehmend den Gefägnisalltag. Täter sind in der Regel Inhaftierte aus dem Ost- block, vor allem Russen.
Zuerst zu den Eckdaten, wie sie uns in gewohnter Zuverlässigkeit das «Bundesamt für Statistik» in Bern lieferte: Auf 100 000 Personen der strafmündigen Wohnbevölkerung kommen 76 Gefängnisinsas- sen. Damit liegen wir im europäischen Mittelfeld.
«Herausragend», wahrhaft die «Spitze dominierend», sind wir im gleichen Zusammenhang allerdings in anderer Hinsicht: Kein europäisches Land hat derart viele Ausländer innerhalb seiner Gefängnismauern «einlogiert». Daraus zu schliessen, wir seien hemmungslose Rassisten, die nichts Besseres zu tun haben, als harmlose Ausländer in kontinuierlichem Prozess vorsorglich wegzusperren, würde den Tat- sachen nicht gerecht. Im Gegenteil, die Repression kommt von der «Gegenseite».
Die Gefängnisdirektoren des Landes schlagen Alarm: Was in Schweizer Gefängnissen, mit den Insas- sen als Protagonisten, an Gewalt, Brutalität und gezieltem Unterdrückungsterror abläuft, ist unvorstell- bar. Die Täter: Insassen aller Herkunft, auch Schweizer, aber in aller Regel Inhaftierte aus dem ehema- ligen Ostblock, allen voran die Russen! Aus diesem Grunde treffen sich auch in Kürze die Gefängnis- direktoren der Schweiz. Einziges (offizielles) Traktandum: «Gewalt im Gefängnis». Zweites, nicht ver- öffentlichtes Traktandum: «Wie stoppen wir die Gewaltherrschaft der Russen und anderer Ausländer im Knast?»
Unerträgliches
Ausmass
Der «Beobachter»
war wieder einmal am schnellsten. Ausführlich beschreibt er, wie es hinter
unseren Gefängnismauern zugeht. Was uns veranlasste, eigene Recherchen
bei Gefängnisdirektoren, Leitern von Untersuchungsgefängnissen sowie
ehemaligen Gefängnisinsassen anzustellen. Das Ergebnis ist erschütternd
und gipfelt in der Erkenntnis: Es gibt in der Schweiz wohl kaum einen anderen
Ort, wo Gewalt, Terror, Hass und physische wie psychische Unterdrückung
in solch unerträglichem Ausmass vorherrschen. «Ich hatte Glück
und einen exzellenten Anwalt», sagt uns der ehemalige Gefängniswärter
Karl Brauer, «sonst wäre ich wegen dieses Geschehens selber auf
der anderen Seite der Gitter gelan- det.»
Was war passiert? «Ein russischer Gefängnisinsasse, ehemaliger Türsteher im Frankfurter Rotlicht- milieu», erzählt Brauer, «war über die Basler Empfangsstelle als Asylbewerber bei uns gelandet. Er hatte vier Jahre abzusitzen. Vom ersten Tag an war sein Verhalten so, dass meine Wärterkollegen samt Gefängnisleitung sofort wussten: Da kommt ganz was Rabiates auf uns zu!» Ja, und weiter?
Karl Brauer: «Er war der brutalste Insasse, den ich in insgesamt vierzehn Wärterjahren je erlebte. Innert weniger Wochen machte er sich sämtliche Mitgefangenen untertan.» Das konnte er doch alleine kaum schaffen? «Richtig», sagt Brauer, «aber seine Gehilfen, an Gewaltbereitschaft in selber extremer Aus- richtung, agierten aus seiner Sicht vorbildlich!» Was heisst das? «Das heisst», so Brauer, «wenn ein neuer Insasse ins Gefängnis kommt, schleppen ihn seine Zuträger, meist Jugoslawen, aber auch Libanesen und auch nur gar zu willige Schweizer zu "Igor", wie wir den inhaftierten Gefängnis-Diktator hier mal nennen wollen. Weigert sich der Neue, dieses auferzwungene Begrüssungsritual zu akzeptie- ren, hat er die erste Tracht Prügel bereits kassiert. Dabei stellten wir damals fest, dass solch ein Opfer erst dann schwere Verletzungen erlitt, wenn "Igor"selber mitprügelte. Er tat das offenbar mit besonderer Lust und Freude an exzessiver Grausamkeit.»
Nackter Terror
Aber wie konnte
Wärter Brauer in seiner Position in «Igors» Gewaltfeld geraten?
«Ganz einfach», sagt der, «man zog mich hinein! Zwei exjugoslawische
Insassen, ein Serbe und ein Kroate, ehemalige Kriegsgegner im Balkankrieg,
paradoxerweise hinter Gittern bestens harmonierend, sagten, "Igor"
lasse ausrichten, er sähe es nicht gerne, dass ich seine Gewaltaktionen
unterbände. Andere Wärter seien da viel flexibler und sähen
weg. Ich fand, ein Häftling habe mir als leitendem Mitglied der Haftanstalt
keine Anweisungen zu erteilen. Ich ging zu "Igor" hin und sagte
ihm das. Da griff er mich körperlich an. Ich wehrte mich, war ihm aber
unterlegen. Er würgte mich fast bis zur Bewusstlosigkeit, während
die Mitin- sassen ihn anfeuerten, mich ganz zu töten! In höchster
Not stiess ich ihm den Daumen ins eine Auge, mit dem er seither nur noch zu
zwanzig Prozent sieht. Er klagte mich ein und behauptete, ich habe ihn angegriffen.
Seine "Untertanen" bestätigten ihm dies. Nur mein Anwalt verhinderte,
dass ich selber als abgeurteilter "Gewalttäter"vor dem Kadi
stand, denn genau danach sah es lange aus!»
Kann sowas tatsächlich passieren, fragten wir David Zampini vom «Amt für Freiheitsentzug». «Es stimmt», sagt Zampini, «die terroristische Vorherrschaft seitens der Insassen aus dem ehemaligen Ostblock ist ebenso deprimierend wie omnipräsent.» Wie läuft das ab, wie wird ein Mitinsasse zum Opfer? «Indem er sich nicht exakt so verhält», so Zampini, «wie es diese Leute ihm vorschreiben. Da wird Insubordination rigoros bestraft, meist auf Anweisung des "Oberbosses", aber auch ohne dessen Befehl kommt es zu Gewaltakten.» Kann die Gefängnisleitung nichts dagegen tun?
Reagieren statt agieren
David Zampini:
«Doch, natürlich unterbindet man solches, wo immer möglich,
aber meist kann man nur reagieren statt agieren. Wurde zuvor abgesprochen,
einen Mithäftling anzugreifen, beim Hofspaziergang oder beim Duschen,
so liegt das Opfer oft schon bewusstlos am Boden, bevor das Wachpersonal ein-
greifen kann.» Dann heisst das also, die wahren «Herren der Gefängniswelt»
sind die Insassen unter Führung gewaltbereiter Russen, Jugoslawen, Libanesen,
Türken und Schweizer etc. und nicht etwa das staatlich bestallte Gefängnispersonal
samt Leitung? «Nun, unser Personal wird zwar geschult», sagt Zampini,
«und zwar am "Schweizerischen Ausbildungszentrum für das Personal
des Strafvollzugs" in Freiburg. Dort lernt man auf die relevantesten
Aspekte in bezug zum Gefängnisinsassen einzugehen.» Und welche
sind das? Die Antwort schockiert, zeigt sie doch, in welch ungeheuerlichem
Masse der typisch helvetische Humanitätsgedanke gewaltbereiten in-, aber
vor allem ausländischen Zuchthäuslern in die Hände spielt.
David Zampini: «Wir schulen Wachpersonal in den Bereichen Rechtswissenschaft,
Medizin, Psychologie, Selbstverteidigung, aber vor allem anderen im Sektor
"Regime im Gefängnis" respektive "Ausländer im Vollzug".
Da steht die Unterweisung bezüglich geographischer Herkunft und Religion
im Mittelpunkt.»
Warum diese beiden Begriffe? Hier blockt Zampini verständlicherweise ab. Die niederschmetternde Antwort gibt uns Ex-Wächter Karl Brauer: «Über die geographische Herkunft unserer ausländischen Knastbrüder müssen wir so gut Bescheid wissen, damit wir uns vor Angriffe wirksam schützen können. Wir müssen informiert sein, wer zur Handhabung des Messers neigt, wer vornehmlich pure Körpergewalt einsetzt, wer selber zuschlägt oder wer lieber zuschlagen lässt. Wer mit "Vendetta" (stammesge- schichtlich begründete Rache. Die Red.) nach Verbüssung der Haft droht, wobei auch die Familie des Wärters/ Direktors ernsthaft bedroht wird.» Und wie spielt der religiöse Aspekt hinein? «Wir müssen insbesondere über die religiösen Usanzen des Islam informiert sein», sagt Brauer, «weil sie die gewalt- tätigen Handlungsabläufe oft weitgehend steuern: Da schlägt der Anhänger der einen Religion dem Gläubigen der anderen nur darum den Schädel ein, weil ihm die Glaubensrichtung des anderen nicht passte. Der Gefängniswärter, der da nicht durchblickt, steht selber in grösster Gefahr an Leib und Leben!»
Zu attraktiv
Welches betrübliche
Fazit dürfen wir also ziehen? Wohl ohne Zweifel dieses: Solange wir unserer
aus- ländischen «Gefängnis-Klientel», unseren Haftinsassen
also, Haftbedingungen bieten, die ihnen ange- sichts des sozialen, aber vor
allem wirtschaftlichen Status, den sie in ihrem Heimatland zuvor innehat-
ten, wie das Paradies auf Erden erscheinen, so lange wird Gültigkeit
haben, was Bundesbern nun endlich zu erkennen beginnt: Wir sind für diese
Herren Gäste 93 Prozent der Insassen sind übrigens Männer
nach wie vor viel zu attraktiv! Selbst hinter Gittern!
Charly Pichler
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