Nr. 5, 23. Februar 2001
Nebenwirkungen der
Angriffsarmeen
Kriegsherren und Apotheker
Von Dr. Hans Bachofner, Divisionär a.D.
«Jede Wirkung hat Nebenwirkungen.» Die Apotheker sind Treuhänder dieses in allen Lebens- lagen geltenden Gesetzes. Man mag politisch, wirtschaftlich, pädagogisch oder systemtheo- retisch argumentieren: Ohne Unterlass begeistern wir uns für Aktivitäten und Ziele und verdrängen die unerwünschten Folgen und Nebenwirkungen.
Ein krasses Beispiel erschütterte in den letzten Wochen die Medienlandschaft: die Uranmunition. Die neuen Kriegsherren, geprägt von ihren Jugenderfahrungen in der Friedensbewegung des Kalten Krieges, liessen sich hinreissen zu einem Taumel von vermeintlich sauberer Kriegsführung, kaum gefährlich für Zivilbevölkerung, eigene und feindliche Truppen. Die Nato wurde ihnen zur grössten Friedensbewegung aller Zeiten. Der älteste Mythos Europas, die Wahnidee, es müsse ein europäisches Reich geben, das widerwillig an seinen Grenzen Krieg zu führen habe, um den Barbaren den Frieden zu bringen und sich selbst zu schützen, wurde zu neuer Blüte erweckt. «Du aber, Römer, bedenke, dass du mit deiner Macht die Völker lenken sollst! Darin wird deine Kunstfertigkeit bestehen. Und in den Frieden selbst sollst du Gesittung bringen, schonen die Unterlegenen und die Anmassenden mit Krieg überziehen.» Diese Sätze Virgils (Aeneis VI/851-853) wurden jahrhundertelang den römischen Schülern eingehäm- mert. Das römische Imperium ist durch andere Reiche abgelöst worden. Der Mythos lebte fort, bis hin zu Nato und EU.
Nach dem Krieg
Es gibt keinen
Krieg ohne Grausamkeit, Schrecken, Tod und Zerstörungen. Auch nicht den sauberen,
chirurgischen, humanitären, friedenschaffenden. Die künstlich entfachte Medienhysterie
über die Gefahren uranabgereicherter Munition lässt kaum noch Spielraum für
strategische Überlegungen. An Kriegsakademien gibt es keine Lehraufträge für
den Umgang mit Schlachtfeldern nach dem Krieg, mit nicht registrierten Minenfeldern,
Blindgängern, Cluster-Bomben, Wracks und Splittern, mit vergifteten, verseuchten,
verstrahlten Geländeabschnitten, mit den unerklärbaren physischen und psychischen
Schäden bei Zivilbevölkerung und Truppen beider Seiten. Es ist die tiefe Weisheit
der bewaffneten Neutralität, sich all dem nur in einem einzigen Falle auszusetzen:
wenn die Existenz bedroht ist, im Verteidigungskrieg. Selbst der gerechteste
Krieg belädt den Kriegsführenden mit Schuld.
Kriege werden nicht auf der taktischen oder operativen Ebene gewonnen und verloren, sondern auf der strategischen. Deshalb sind die Balkankriege nicht vorbei, noch lange nicht. Die Uranerregung der Medien wird sich wieder legen. Aber die interventionsfreudigen Regierungen Europas sind schon dabei, ihre Verteidigungsarmeen in Angriffs-, Interventions- oder Expeditionsarmeen zu verwandeln. Die gewendeten Friedensfreunde von einst mussten nur wenige Worte ändern: «Nie wieder Auschwitz» statt «Nie wieder Krieg». Die Streitkräfte jedoch erleiden einen eigentlichen Kulturschock. Die Leukämie- debatte ist ein erstes Anzeichen für kommenden Streit. Wer soll wann, wo, wie, wozu militärisch einfallen und Friedenskriege führen? Was rechtfertigt die unerwünschten Folgen, die Toten, Kranken, Verwundeten, die Zerstörungen der Umwelt und der Infrastruktur?
Die Jagd nach Doktrinen ist eröffnet. Gesucht ist ein Regelwerk, das Interventionen legitimiert, Bürger beschwichtigt und Soldaten zum Töten, Sterben und für mögliche Erkrankungen motiviert. An akade- mischen und journalistischen Entwürfen mangelt es nicht. Mit der Wahl von Colin P. Powell zum amerikanischen Aussenminister ist die «Powell-Doktrin» wieder interessant geworden. Sie wird selten richtig dargestellt. Der neue US-Aussenminister ist ein Praktiker der Macht und Strategie. Er kennt die Klassiker der Strategie gut. Er weiss sehr wohl, dass es kein Interventionsrezept geben darf, das in Form einer öffentlich deklarierten Doktrin einer Regierung die Hände binden und Sachzwänge schaffen würde. Es darf weder Automatismen noch falsche Erwartungen geben. Überraschung ist erstes Gebot beim Einsatz von Truppen. Powell meint etwas anderes. Er postulierte in «Foreign Affairs» (Winter 1992/93, Seite 32 ff.), noch als Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff, eine in präzise Fragen aufgeteilte Lagebeurteilung, die in jedem Falle vorzunehmen sei. Es geht um militärisch-strategisches Denken im besten Sinne: nüchtern, rational, kritisch, weitblickend und nicht von Medien bedrängt, aufgeregt, emotional, spontan.
- Ist das politische
Ziel klar definiert und verstanden?
- Sind alle nicht gewalttätigen Mittel eingesetzt worden?
- Kann militärische Gewalt das politische Ziel erreichen?
- Zu welchen Kosten?
- Wie kann sich die Lage weiter entwickeln, wenn das Ziel erreicht ist?
- Was können die Folgen sein?
Wenn alle diese Fragen umfassend und befriedigend beantwortet sind, wenn diplomatische, wirtschaft- liche und militärische Kräfte zum verbunden geführten Einsatz bereitstehen, dann müssen die Militärs absolut klare Ziele erhalten. Diese militärischen Ziele müssen fest verankert sein in den politischen. Aber identisch sind sie nicht.
Krieg als richtiges
Mittel?
Wer das liest,
erschrickt ob der Naivität der Interventionsführung, nicht nur auf dem Balkan.
Immer wieder verstossen internationale Organisationen und Regierungen gegen
diese Vorgaben. Als kriegs- erfahrener Soldat weiss Powell auch, dass nicht
jede Krisenlage kristallklar ist und dass die Fähigkeit, mit dem Unerwarteten
fertig zu werden, Kernkompetenz aller Führung ist. Er sagt auch deutlich:
Militär ist nicht immer das richtige Mittel.
Eine Entscheidung ist bei jedem militärischen Einsatz anzustreben. Der Soldat misstraut den soge- nannten Experten, die von sauberen und begrenzten Friedensoperationen schwärmen. Wenn der erste Schlag nicht gelingt, ist das Resultat durch die ganze Kriegsgeschichte hindurch dasselbe: Eskalation. «History has not been kind to this approach to war-making», schrieb Powell, höflich zurückhaltend, in seinem Artikel 1992. Gibt es eine genauere Prognose für den sieben Jahre später folgenden Nato-Krieg im Kosovo? Krieg sei eine Geissel Gottes und dürfe nur mit Sorgfalt eingesetzt werden. Militäreinsatz sollte beschränkt sein auf den Fall, wo das Gute am Resultat höher liegt als der Verlust von Leben. Jeder Krieg tötet Menschen, deshalb sei der Einsatz von Soldaten auch nicht vergleichbar mit anderen menschlichen Unternehmen.
Powell hat sich auch anderswo
zu Doktrinfragen geäussert:
- Man solle mit aller zur Verfügung stehenden Macht angreifen oder gar nicht
- Man solle nie einen Streit anfangen, von dem man nicht weiss, wie man ihn
beendet.
Neben solchen Worten wirken die gewundenen Formulierungen westlicher Staatsmänner, eingeschlos- sen diejenigen des neuen schweizerischen Verteidigungsministers, farblos, ausweichend und wenig überzeugend. Der Wirbel um echte oder vermeintliche Nato-Schäden auf dem Balkan hätte eine gute Nebenwirkung, wenn er Politiker und Bürger zum Nachdenken über den aufgewärmten Mythos des europäischen Friedenskrieges, den Interventionskrieg, veranlasste. Die Apothekerfrage nach möglichen Nebenwirkungen der Umwandlung von Verteidigungsarmeen in Angriffsarmeen gehört jetzt auf den Tisch, nicht erst nach dem nächsten Krieg. Die Tatsache, dass die gleichen Politiker behaupten, uranabgereicherte Munition sei nicht gefährlich und sie müsse verboten werden, zeigt, dass die Ver- wandlung der 68er Friedensaktivisten in Kriegsherren doch nicht ganz problemlos verläuft.
Hans Bachofner
Nachdruck aus «Infidar topics» Nr. 26, Januar 2001