Nr. 4, 19. Februar 2010
Glosse
Fensterscheibendrama im Schulhaus früher und heute
Am Beispiel zerbrochener Fensterscheiben sieht man den Wandel, welchen unsere Gesellschaft mitgemacht hat:
So war es früher: Päng, klirr, der Ball ist während der Schulpause mitten im geschlossenen Fenster eines Klassenzimmers gelandet, weil Hans und Fritz schlechte Fussballer sind. Der Schulhausabwart reklamiert beim Klassenlehrer der beiden Buben. Früher sagte man den Übeltätern, sie seien zwei Löli. Nebenbei wurde zusätzlich eine Ohrfeige angedroht – wenn das noch einmal vorkomme. Zur Strafe mussten die Sünder am schulfreien Nachmittag dem Abwart beim Putzen und beim Reparieren des Fensters helfen. Damit war das Intermezzo zu Ende. So einfach ging es noch, als wir Kinder waren.
Und so ist es heute: Päng, klirr, es geschieht in der Pause dasselbe wie anno dazumal, denn die Buben können nicht besser tschutten als wir. Der Unterschied ist nur, dass die zwei jetzt nicht mehr Hans und Fritz heissen, sondern eventuell Luca und Kevin oder irgendwie ähnlich. Heutzutage wird der Vorfall aufgebauscht, nämlich so: Der Schulhausabwart reklamiert beim Klassenlehrer und dieser schickt zunächst einmal die beiden Tschütteler nach Hause. Beide Mütter telefonieren den Vätern an den Arbeitsplatz, um ihnen den Skandal zu rapportieren. Gleichzeitig meldet der Lehrer die Sache mit der zerbrochenen Fensterscheibe dem Rektor und fragt ihn, was er mit den beiden Schülern tun soll? Nach langer Beratung äussert der Rektor die Absicht, einen Jugendpsychologen anzufordern, damit die ganze Klasse psychologisch betreut wird und den Vorfall mit der zerbrochenen Fensterscheibe diskussionsmässig verarbeiten kann. Das beschädigte Fenster sei erst nachher zu reparieren.
Zu Hause bei Fabian und Luca findet am Abend ein Gespräch zwischen den zwei Elternpaaren statt. Man kommt überein, eine längst fällige «Gruppe besorgter Eltern» zu bilden und Unterschriften gegen den Schulhausabwart, den Klassenlehrer und den Rektor zu sammeln, damit diese Herren in Zukunft in der Pause die Kinder beaufsichtigen, wenn Fussball gespielt wird. Mit einem Schreiben werden die gesammelten Unterschriften dem Präsidenten der Schulkommission der Gemeinde geschickt. Eine Kopie des Briefes geht natürlich an die Redaktion der im Gebiet verbreiteten Tageszeitung. Einer der besorgten Väter telefoniert aber nebenbei noch dem «Blick», dessen Redaktion sofort einen Reporter schickt mit dem Auftrag, das Dorf, das Schulhaus und wenn möglich die beiden Buben und ihre Eltern zu fotografieren und mit jemandem ein Interview über den Vorfall zu machen. Der Rektor bespricht sich seinerseits mit dem ganzen Lehrerkollegium des Schulhauses, man beschliesst die Durchführung eines Elternabends. Dieser findet statt. Man sagt sich gegenseitig tüchtig die Meinung. So etwa um 23.30 Uhr trennt man sich in gutem Einvernehmen. Im «Blick» steht zu der ganzen Angelegenheit ein grosser Titel ungefähr so: «Jugendprobleme im Schulhaus – Fensterscheibe zertrümmert – mutmassliche Täter zwei Schüler». Nach zirka fünf Wochen ist Gras gewachsen über die Sache.
Die Welt der zerbrochenen Fensterscheibe wäre also dank dem speditiven Eingreifen von Abwart, Lehrer, Schulrektor, Jugendpsychologe und Eltern der zwei Schlingel wieder in Ordnung. Nur der Klassenlehrer wird seit dem Vorkommnis von der «Gruppe besorgter Eltern» immer wieder ungerechtfertigt kritisiert, so dass er schliesslich depressiv wird und einen Erholungsurlaub braucht. Frage: Wie konnte man bloss früher eine im Schulhaus zerbrochene Fensterscheibe so unwichtig nehmen?
Ernst Tschanz