Nr. 4, 10. Februar 2006

Kinderrechte und ihre Auswirkungen
Mama Staat - die Allerbeste?

Von Dr. Daniel Regli, Zürich

Mit Datum vom 9. Dezember 2005 gab's im Berner Bundeshaus Weihnachtspost. FDP-Nationalrat Jean-René Germanier liess allen Mitgliedern des National- und Ständerates das originell gestaltete Büchlein "Kindesrechte" zukommen.

Germanier gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Damen und Herren Parlamentarier "das Buch an Weihnachten ihren Kindern und Grosskindern vorlesen".

Schönwetter-Propaganda
Nun denn. Einem geschenkten Gaul soll man ins Maul schauen! Lange nicht jedes Präsentchen entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Gewinn. Das Büchlein mit 47 Seiten, kurzen Texten und bunten Zeichnungen sieht ja ganz hübsch aus. Und wer könnte etwas gegen die formulierten Kinderrechte haben? Natürlich sollen die Kleinen geschützt werden vor Kriegen, vor sexueller Ausbeutung, vor missbräuchlicher Kinderarbeit. Ja, sie sollen geachtet werden als Personen, deren Meinung man anhört. Sie sollen medizinisch versorgt werden, in die Schule dürfen und Freizeit zum Spielen haben.

Nur schade, hat Herr Germanier sich nicht Zeit genommen, die Publikation des "Institutes der Rechte des Kindes" (Institut International des Droits de l'Enfant, IDE)* etwas eingehender zu überdenken. Vielleicht hat er sich ja blenden lassen von den 192 Regierungen dieser Welt, die das "Übereinkommen der Rechte des Kindes" von 1989 bisher unterzeichnet haben. Dabei ist die Broschüre, die einige dieser Kinderrechte thematisiert, über weite Strecken Wunschdenken und Schönwetter-Propaganda.

Bei so viel verweigertem Realitätssinn drängt sich die Erinnerung an den Marquis de Condorcet (1743-1794) auf. Noch während der französische Adlige sich vor Robespierres Häschern versteckte, um dem Schafott zu entgehen, schrieb er über den vor der Türe stehenden Zustand als der "grenzenlosen Vervollkommnung der menschlichen Spezies".

Mamas dressierte Kinder
Man sollte meinen, wir hätten etwas gelernt seit der Französischen Revolution, seit Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot. Doch kann der Mensch scheinbar nicht lassen vom Glauben an seine eigene Güte und Vervollkommnung.

Und so wird auch heute wieder koloriert, schöngeredet, ausgeblendet. So fordert der "Gutmensch" und Herausgeber der Broschüre "Kindesrechte", alle Kinder "als Personen mit sämtlichen Rechten zu behandeln, die ein jeder bei seiner Geburt erhält" (S. 7). Ach ja, natürlich! Die kleinen Würmchen, die im Mutterbauch mit Säure verätzt oder mit Küretten zerstückelt werden, sind ja keine Kinder. Wie könnten die 192 Staaten auch dazu stehen, dass man jedes Jahr schätzungsweise 50 Millionen von ihnen das Geburtsrecht verweigert?

Also, ihr Embryos: Wenn ihr Rechte wollt, hört auf, im Fruchtwasser zu planschen und an euren Daumen zu lutschen. Raus ans Tageslicht! Und in einem Nu seid ihr mit allen Rechten und Versprechungen der "guten" Welt ausgestattet. Dann geht's bald in die Krippen. Dann in den Block im Kindergarten. Später in die Schule, wo eure Köpfe gefüllt werden mit Früh-Französisch und Früh-Englisch. Volksschule ist passé. Was soll denn noch die Förderung von Herz, Hand und Kopf? Köpfe sind gefragt in Zeiten der harschen Globalisierung. Handwerklich oder musisch begabte Kinder sollen sehen, wo sie bleiben. Die Volkswirtschaft benötigt kreatives Potential, um endlich wieder wachsen zu können. Köpfe braucht das Land! Um jeden Preis. Förderstunden. Psychologische Betreuung. Notfalls Tranquilizer. Ja, Mama Staat schaut zu ihren Kleinen. Abends darf sich die zukünftige Elite dann einige hochkultivierte TV-Sendungen ansehen. Mit Gelächter ab Band und aalglatter Moral.

Kinderrechte und der kleine Oliver **
"Die Welt war nicht in Ordnung, morgens um sieben, als der Wecker schrillte. Trotz seinen erst acht Jahren war Oliver erst spät eingeschlafen. Mami hatte mit ihrem derzeitigen Lebensabschnittspartner einen lauten Streit. Sicherlich der zwanzigste Streit mit dem fünften LAP. Oliver drückte sich die Kopfhörer auf die Ohrmuscheln und stellte die Musik lauter. Dann wieder leiser, um doch was mitzukriegen. Hatte Mami nicht eben was von Rauswurf gesagt?

Nun war's Morgen und Mami hatte ihm vor dem Weggehen den Wecker gestellt. Nicht in Griffnähe! Das Theater mit dem ‹Wieder-einschlafen-und-zu-spät-zur-Schule-Kommen› hatten sie schon einige Male. Wohl oder übel aufstehen, Toilette, Milch wärmen, anziehen. Bald steht das Sammel-Taxi vor der Tür und bringt Oliver zur Schule. Luxuriös. Ja, Mami kennt sich aus mit den staatlichen Leistungen. Das Sozialamt versteht, dass der Schulweg nicht zumutbar ist. Oliver drückt sich auf den Rücksitz neben Achmed, Lara und Valmir. Nur nichts Falsches sagen!

Nach dem Unterricht hat Oliver noch Förderstunde. Ja, Mami kennt sich aus mit staatlichen Leistungen. Sie sagt, Oliver könne eine Klasse überspringen, wenn er sich anstrenge. Oliver hat Hunger und keine Lust, eine Klasse zu überspringen. Wenn die Hortleiterin nur nicht schon wieder Kartoffeln auftischt!

Später gibt's Spaghettis. Immerhin. Hoffentlich hat Achmed einen guten Tag. Sonst ist Oliver wieder dran. Er drückt sich in die Nähe der Hortleiterin, die von einer Traube schnatternder Mädchen umlagert ist. Oh, der Mittwochnachmittag ist ja sooo lang. Hort bis halb fünf. Ja, Mami kennt sich aus mit den staatlichen Leistungen. Dann kommt das Taxi. Um fünf ist Oliver zuhause. Endlich in Ruhe fernsehen. Einfach abhängen! Mami kommt um sechs. Der LAP um sieben. Essen, Aufgaben, TV. Mami und der LAP gehen noch fort. Gibt's wenigstens kein Getöse. Mal sehen, wie's morgen um sieben ist. Ach, Oliver würde doch so gerne leben!"

Legt ihr das Handwerk
Der Herausgeber des Büchleins "Kindesrechte" schreibt auf Seite 9: "Und jedes Mal, wenn Erwachsene über ihre Person entscheiden, haben sie die Kinder anzuhören und zu prüfen, ob der Entscheid, den sie treffen, deren Interessen berücksichtigt." Bestens! Statt in den Chor geblendeter "Gutmenschen" einzustimmen, sollten sich die Damen und Herren des Bundesparlaments mal mit dem kleinen Oliver zusammensetzen. Kindliche Weisheit würde ihnen in Kürze das Verständnis dafür öffnen, was Kinder wirklich nötig haben. Vielleicht finden sich in Bern dann allmählich wieder Mehrheiten, denen das wahre Leben in Familie und Gesellschaft ein Anliegen ist. Die wort-, papier- und bildgewaltige "Mama Staat" würde dann viel von ihrer Macht einbüssen. Und Broschüren, wie die "Kindesrechte", könnte man, versehen mit entsprechendem Kommentar, getrost an den Absender retournieren.

Daniel Regli

* Quelle: "Kindesrechte". Texte und
Zeichnungen Léopoldine Gorret. Herausgeber: Institut International des Droits de l'Enfant
IDE, Sion 2005.

** Auszug aus dem Buch "Die 68er-Falle:
Fluchtwege aus dem Desaster der Neuen
Linken" von Daniel Regli, Zürich 2005.
ISBN 3-906562-37-9.