Nr. 04, 20. Februar 2004

Illnau-Effretikon: Zurück ins Zeitalter der Gnädigen Herren
Der Erstaugustreden-Zensor

Von Ulrich Schlüer

Wer am letztjährigen 1. August in Illnau-Effretikon die offizielle Bundesfeier besuchte, erfreute sich an einer begeisternden Rede einer jungen Zürcherin.

Es war die Klotener Verfassungsrätin Rachel Grütter-Eckert, die träfe Worte zur Zeit ­ und damit ein lebhaftes Echo bei den Besuchern fand. Nur einem mochten die eigenständigen, profilierten Gedanken der Rednerin nicht gefallen, dem lokalen SP-Gemeinderat Ueli Müller nämlich. Denn die Rednerin
hatte mahnend festgestellt, in unserem Land lebten heute auch Schweizer, die sich im eigenen Land benachteiligt vorkämen. Und es gäbe Orte, wo man dafür zu kämpfen habe, dass Deutsch an der Schule nicht zur Fremdsprache werde. Sätze, die offensichtlich unverdaulich sind für peinlichst politischer Korrektheit verpflichtete rote Genossen. Flugs setzte der SP-Apparatschik den Stadtrat mit einem parlamentarischen Vorstoss in Trab: Was denn die hohe Obrigkeit zu tun gedenke, dass «in Zukunft an einem offiziellen städtischen Anlass keine derart einseitigen, scharfmachenden und vor allem ausgrenzenden Reden mehr vorkommen». Wollte der rote Ueli wissen.

Man höre und staune: Der Illnau-Effretiker Stadtrat entblödete sich nicht, Rachel Grütter-Eckerts Bundesfeierrede (welche am vergangenen 1. August sich anzuhören die meisten Stadträte übrigens keine Zeit fanden) einer gründlichen obrigkeitlichen Inhaltsprüfung zu unterziehen. Und die hohen
Amtsträger geruhten, die gewählten Worte als «sehr problematisch» zu empfinden, als «echten Wermutstropfen» und «hoffentlich einmaligen Ausrutscher».
Wie immer, wo Funktionäre am Werk sind: Ist ein Geschehnis einmal als Missstand erkannt, dann gibt es kein Halten mehr. So war es auch im Stadthaus zu Illnau-Effretikon: Die freie Rede, meinten die so hoch besorgten Stadtväter, dürfe fortan am Bundesfeiertag so frei nicht mehr sein. Der Präsident des Grossen Gemeinderates wurde hochoffiziell zum «Erstaugustreden-Zensor» ernannt. Erst wenn die vorgesehene, fortan dem Zensor zur Einsicht vorzulegende Rede vom gnädigen Herrn Präsidenten als
tauglich, korrekt und angemessen multikulturell abgesegnet worden sei, werde sie zum Vortrag an der örtlichen Bundesfeier freigegeben. Tatsächlich geschehen zu Illnau-Effretikon im hochwohllöblichen, einst der Freiheit verpflichteten Stande Zürich am 10. Februar im Jahre des Herrn 2004.