Nr. 04, 20. Februar 2004
Die «Rundschau»
und der Finanzplatz Schweiz
Ideologie oder Kompetenz?
Von Nationalrat Hans Kaufmann, Wettswil ZH
In der «Rundschau»
vom 21. Januar behauptete Moderator Reto Brennwald, dass die Schweizer Banken
schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der weltweiten Privatvermögen
verwalten würden.
Diese Zahl wurde ihm offensichtlich von Bruno Gurtner vom Dachverband der
Schweizer Hilfswerke zugespielt, der mit ähnlicher Behauptung auch am
Weltsozialforum 2004 in Bombay den Finanzplatz Schweiz diffamierte. Diese
Zahl ist nachweisbar falsch. Einmal mehr liess sich das Fernsehen DRS dazu
missbrauchen, linke Ideologien zu verbreiten statt seriöse Journalistenarbeit
zu leisten.
Nicht kompetent
Das Total der von den Schweizer Banken verwalteten ausländischen Privatvermögen
betrug per Ende 2002 gemäss Statistik der Nationalbank 800 Milliarden
Franken. Wenn diese Summe einem Drittel der weltweiten Privatvermögen
entspräche, dann würden sich die gesamten privaten Vermögen
weltweit auf nur gerade 2400 Milliarden Franken belaufen. Allein die Börsenkapitalisierung
der weltweiten Aktienmärkte belief sich Ende 2003 aber bereits auf 31
329 Milliarden Dollar. Dazu kommen noch weit höhere private Vermögen
wie Besitz oder Beteiligungen an nicht börsenkotierten Unternehmen sowie
Immobilienbesitz.
Oder glaubt die Rundschau-Redaktion tatsächlich, dass weniger als ein
Prozent aller Unternehmen und Liegenschaften in der Welt Privaten gehören?
Nicht berücksichtigt bei den bereits erwähnten Vermögenswerten
ist, dass die meisten Anleger auch Kapitalanlagen in Form von Kontoguthaben,
Geldmarktpapieren und Obligationen besitzen. Die Rundschau-Redaktion ist offensichtlich
fachlich überfordert, simple Zahlen auf ihre Plausibilität hin zu
überprüfen. Ob ihr die Verbreitung linker Ideologien wichtiger ist
als die Präsentation nachvollziehbarer Fakten?
Bestenfalls Mutmassungen
Ins gleiche Kapitel gehört die unwidersprochene Behauptung von Bruno
Gurtner, dass die ausländischen Privatkundengelder in der Schweiz massgeblich
verantwortlich seien für einen Steuerausfall in den
Entwicklungsländern von jährlich 50 Milliarden Dollar. Um einen
derartigen Betrag an Steuern zu schulden, müssten mindestens doppelt
so hohe Erträge, also über 100 Milliarden Dollar, anfallen. Selbst
wenn die gesamten 800 Milliarden der in der Schweiz von ausländischen
Privatkunden angelegten Gelder aus Entwicklungsländern stammen würden,
müssten sie, so der den Entwicklungsländern angeblich entgehende
Steuerertrag daraus resultieren könnte, einen Ertrag an Zins- oder Dividenden-Einkommen
von sage und schreibe 15,6 Prozent abwerfen. Man muss wahrhaftig kein grosser
Finanzexperte sein, um zur Feststellung zu gelangen, dass ein solcher Ertrag
angesichts des weltweit teils historisch tiefen Zinsniveaus an den Geld- und
Kapitalmärkten ein Ding der Unmöglichkeit ist. Dabei stammt der
Grossteil der ausländischen, in der Schweiz angelegten
Privatvermögen gar nicht aus Entwicklungsländern, sondern, wie die
Geschäftsberichte der Banken zeigen, aus Industrieländern.
Stimmungsmache
Es kommt noch dazu, dass die meisten Aktien-Dividenden und ein grosser Teil
der Obligationen einer Quellenbesteuerung unterworfen sind, so dass Behauptungen
über Steuerausfälle nicht mehr als reine Mutmassungen sind. In der
gleichen Rundschau wurde auch noch die Behauptung präsentiert, auf
Schweizer Treuhandkonten läge eine Milliarde indischer Gelder, deren
Erträge bei einer Verzinsung zu drei bis vier Prozent die Entwicklungshilfe
der Schweiz an Indien glatt übersteigen würden.
Auch das ist reine Stimmungsmache! Treuhandanlagen in Schweizer Franken werfen
heute eine Rendite von nicht einmal einem halben Prozent ab, also sechs- bis
achtmal weniger als im Rundschau-Bericht suggeriert. Ferner sagt die Nationalbank-Statistik
über Treuhandanlagen überhaupt nichts über die Herkunft der
Gelder aus; die Frage, ob die erwähnten Anlagen von indischen Banken,
von staatlichen oder privaten Institutionen oder von Privatpersonen getätigt
worden sind, ist völlig offen.
Es gibt aber auch für Anleger aus Entwicklungsländern viele ehrbare
Gründe, Geld ins Ausland zu bringen. In nicht wenigen Entwicklungsländern
herrschen keine demokratischen Verhältnisse, können die Bürger
also über die Verwendung der Steuergelder nicht mitbestimmen. Nicht jeder
in einem
Entwicklungsland Ansässige will korrupte Regierungen und deren Rüstungsausgaben
und Repressionsapparat mitfinanzieren, vor allem dann nicht, wenn man selber
unter religiöser oder anderer Verfolgung leiden muss. Schurkenregierungen,
die mittels Hyperinflation und Abwertungen Vermögen
vieler ehrlicher Privatleute vernichtet haben, gibt es auch heute noch. Und
schliesslich verfügen die Schweizer Banken über jahrzehntelange
Erfahrung im Umgang mit internationalen Kapitalanlagen, die von anspruchsvollen
Kunden weltweit genutzt wird.
Wahrheitsgetreuer Journalismus schön wär¹s!
Wie sagte doch Reto Brennwald in einem Interview anlässlich des Benefiz-Events
«Church-Air» im letzten September: «Die Journalisten sollen
ihren Beruf professionell ausführen, so wie ein
Pfarrer seinen Beruf gut macht. Das bedeutet, dass der Journalist wahrheitsgetreu
Bericht erstattet, alle Seiten berücksichtigt, ohne sensationslüstern
zu sein, und an sich selbst ethische Massstäbe setzt.
Dadurch, dass er einen Teil zwischenmenschlicher Kommunikation ermöglicht,
trägt er seinen Teil zu einem besseren Zusammenleben bei.» Schön
wär¹s, wenn es so wäre!
Immerhin zeigte der Rundschau-Bericht über das als Gegenveranstaltung
zum Davoser WEF inszenierte Weltsozialforum in Bombay auch, dass die fünfzigköpfige
Delegation der Schweiz darunter die SP-Nationalräte Rudolf Strahm
und Ruth-Gaby Vermot sowie die Präsidentin der Grünen, Ruth Genner,
wohl aus Solidarität mit den Armen in Indien in einem Fünfsterne-Hotel
abgestiegen ist. Als Steuerzahler fragt man sich, wer wohl solche Reisen und
die Unterkunft in Luxushotels bezahlt hat? Doch über solche Fragen schwieg
sich der Rundschau-Bericht aus.
Hans Kaufmann, Nationalrat