Nr. 4, 8. Februar 2002

Vom Divisionsrapport zur Uno-Propaganda-Show
«Aktivposten Söldnerwesen»?
Oder: Wenn sich ein Divisionskommandant zum «Volksumerzieher» berufen fühlt

Die «Schweizerzeit» hat an den zu Uno-Propagandaplattformen umfunktionierten Divisions- rapporten im Jahr 2002 ungeschminkt Kritik geübt. Buchstäblich «den Vogel abgeschossen» hat bei diesem offensichtlichen Missbrauch von befohlenem, besoldetem Dienst der Komman- dant der Felddivision 3, Divisionär Ueli Walder.

An «seinem» Divisionsrapport am 12. Januar 2002 in Lyss hat er unter anderem Folgendes zur Schweiz und zur Schweizer Geschichte zum besten gegeben (die Texte sind wörtliche Zitate aus dem Vortrag, die Zwischentitel sind durch die «Schweizerzeit» gesetzt):

«Die weltweiten Erschütterungen und ihre unmittelbaren Auswirkungen auf die Schweiz haben uns drastisch vor Augen geführt, dass der Sonderfall Schweiz nicht mehr existiert. Eher noch schneller als andere Nationen, ist die Schweiz von Störungen des internationalen Gleichgewichts betroffen, aber gleichwohl scheinen viele Mitbürger immer noch zu glauben, unser Weg der politischen und militäri- schen Isolation sei der richtige.»

«Der heftig umstrittene, knappe Entscheid vom 10. Juni 2001, als die beiden Referenden gegen die Zusammenarbeit in der Ausbildung mit ausländischen Armeen und die bewaffneten Friedenseinsätze im Ausland abgelehnt wurden, hat allerdings nicht zur erhofften Entkrampfung der Diskussion um eine Öffnung der Schweiz geführt, sondern allenfalls einen Vorgeschmack dessen gebracht, was an Gehäs- sigkeiten und gegenseitigen Unterstellungen in der Uno-Abstimmung auf die Schweiz zukommen wird. Noch viel weniger hat das Resultat zu einer Imagekorrektur unseres Landes im Ausland geführt.»

«Die Neutralität, welche den Grund für unser Abseitsstehen in einer militärischen Allianz gegen den Terror darstellt, nun einfach über Bord zu werfen, wäre sicher falsch. Sie aber weiterhin als Vorwand zu missbrauchen, jegliche Diskussion über die Stellung der Schweiz in der Welt zu verhindern, das ist ebenso unangebracht, denn es schadet letztlich den Interessen unseres Landes.»

Soldatenpflicht: Öffnung!
«Um auch Sie davon zu überzeugen, möchte ich Ihnen im folgenden zuerst das enge Wechselspiel der Politik und des Militärwesens im Laufe unserer Geschichte darstellen und Ihnen zeigen, auf welch morschem historischem Fundament gewisse Behauptungen unserer heutigen Isolationisten stehen. Nachher möchte ich Ihnen kurz darlegen, wie und wo Sie, getreu dem diesjährigen Motto des Rappor- tes, Ihren Beitrag zu einer Öffnung der Schweiz und damit zur Unterstützung unseres Bundesrates leisten können.»

«Wie kann man die Schweiz aus ihrer selbst gewählten Isolation befreien? Das ist wahrlich kein einfa- ches Unternehmen! Es fällt genauso schwer wie die kritische Visionierung all der Geschichtsbilder, die sich in unsern Köpfen und Gemütern etabliert haben. Ich meine die ganze imponierende Diareihe vom Rütli-Schwur bis zum Rütlirapport, die Bilderfolge vom Morgarten über das Réduit bis zur dynamischen Raumverteidigung. Es sind aber auch die Mahnworte des Bruders Klaus, sich nicht in fremde Händel zu mischen und den Zaun nicht zu weit zu stecken.»

«Ein Wort noch zu Marignano. Rechtspopulisten deuten diese erste grosse Niederlage in der Geschich- te der Eidgenossenschaft gerne als wegweisendes Schlüsselerlebnis: 1515 bedeute das Ende der eidgenössischen Grossmachtpolitik und der Beginn der Neutralitätspolitik. Demgegenüber weisen Arbeiten aus Genf und Zürich schlüssig nach, dass Marignano den Export von einheimischer Wehrkraft zu keiner Zeit gebremst habe und dass Marignano erst im 19. Jahrhundert zur Fahnenstange gemacht worden ist, an der man künftig die Flagge der Neutralität gehisst hat.»

Lob den Söldnerdiensten!
«Wie gesagt: zwei Millionen Schweizer während 400 Jahren in aller Herren Ländern Europas. Die Geschichtsschreibung ist fast immer von der selbstverständlichen Voraussetzung ausgegangen, dass das Rendement einseitig im Ausland gelegen habe. "Diese Ausländer konnten froh sein, uns Schweizer überhaupt zu bekommen..." Hingegen fehlt für die Geschichte der fremden Dienste eine gesellschafts- geschichtliche Betrachtung, welche die Wirkungsmechanismen zwischen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Dimensionen ernst nimmt ­ die positiven Impulse und vitalen materiellen wie ideellen Austauschbeziehungen zu den europäischen Nachbarschaften. Worin hat der Austausch konkret bestanden? Ich kann nur skizzieren:

Zu erinnern ist einmal an die Begegnung mit der Fremdkultur. Was die Schweizer Bauern- und Bürger- söhne empfunden haben, als sie plötzlich im abgelegenen Paris oder in Neapel am Hofe europäischer Fürsten standen, dieser "clash of civilisations" ist nur zu erahnen. ...

Wichtiger noch scheint mir der Kulturtransfer. Heimkehrende Soldaten und Offiziere haben aus dem Ausland nicht nur Müsterchen für den Stamm- und Familientisch mit in die Heimat gebracht, sondern neue Erkenntnisse und Methoden, die in der heimatlichen Land- und Alpwirtschaft und in der Klein- industrie verwertet werden konnten. Kunstwerke, Bücher, Musiknoten, Kenntnisse über philosophische und religiöse Strömungen lassen sich noch heute in abgelegensten Tälern finden...

Und Kulturtransfer im Erwerb von Bildungsinhalten. Wir wissen nicht nur von Studienplätzen für Patri- ziersöhne an der Pariser Universität ­ sie gehörten seit je zum Setting der französischen Soldverträge ­, es sind auch manche Fälle bekannt, wo einfachen Soldaten eine rudimentäre Schulbildung ermöglicht worden ist. Wie die Signalemente von entlassenen und fahnenflüchtigen Söldnern belegen, hatten nicht wenige von ihnen die andere Sprache mindestens in Ansätzen gelernt.»

«Herrschaftswissen» erworben
«Bezüglich der politischen Kultur in unseren Schweizer Demokratien darf des weiteren gefragt werden, was es für die Herrschaftsausübung und vor allem für das Selbstbild der Obrigkeiten wohl bedeutet hat, dass die Mehrheit der Magistratspersonen des 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts über Sold- diensterfahrungen verfügt hat. Wir sprechen damit vom Erwerb von Herrschaftswissen. Tatsächlich hat der Fremde Dienst im Bewusstsein der eidgenössischen Oberschicht eine praktische und vergleichs- weise günstige Bildungsstätte und ideale Karriereleiter dargestellt.

Damit verwandt ist der Erwerb von militärischem Know-how. Ich meine den Sachverhalt, dass die ausländische Kriegserfahrung von Kadern und Mannschaften der Entwicklung des schweizerischen Milizsystems immer wieder unschätzbare Impulse vermittelt hat.»

Wiedergeburt durch Söldnerdienste?
«Zum Schluss unseres militärgeschichtlichen Exkurses noch ein paar wenige Sätze. Ich habe darauf hingewiesen, dass sich die Schweizer durch den Abschluss von Soldverträgen mit verschiedenen Fremdmächten gleichzeitig eine aussenpolitische Sicherung erhofft haben. Ganz abgesehen davon, dass auch Grossstaaten einen Waffengang mit den besten Soldaten Europas scheuten, hätte weder Frankreich noch eine andere Macht auf diese Truppen verzichten können. Aus diesem Sachverhalt aber ergibt sich die für modernes wie für nationalkonservatives Denken nur schwer nachvollziehbare Tatsa- che, dass die Schweiz nicht wegen des Verzichts, sondern gerade infolge ihres militärischen Engage- ments im Ausland zu einer Friedensinsel in Europa geworden ist. Wir dürfen uns sogar fragen, ob die zwei Millionen Söldner, die im Lauf von vier Jahrhunderten in die Welt hinauszogen, nicht der Preis waren, den das lose Staatenbündel der Eidgenossenschaft für seine Unantastbarkeit zahlte.

Die Geschichte der schweizerischen Fremden Dienste ist, wie gesagt, noch nicht so geschrieben, wie dieses schweizerische Kulturphänomen es eigentlich verdiente. Es scheint sich aber abzuzeichnen, dass die verschiedenen Bündnisse mit den europäischen Nachbarstaaten in der schweizerischen Aussenpolitik als ein Aktivposten betrachtet werden dürfen.»

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Wir überlassen die Beurteilung dieser im Uno-Beitrittsfieber gewachsenen Söldnerdienst-Beweihräu- cherung durch den Kommandanten der Berner Division gerne unseren Lesern.

Aber eine Frage drängt sich auf: Die «Haager Landkriegsordnung» von 1907, welche das Neutralitäts- recht völkerrechtlich verbindlich festgelegt hat und auf welche auch der schweizerische Bundesrat die Neutralitätspolitik unseres Landes abstützt, hat als elementare Pflicht jedes Neutralen festgehalten, keinerlei Söldnerdienste eigener Staatsbürger im Ausland zulassen zu dürfen. Ob diese Tatsache dem Berner Politgeneral überhaupt bekannt ist? Und ob der Bundesrat davon ausgeht, diese auch gegen Neutralitätsrecht verstossende Politeskapade eines aktiven Divisionskommandanten an einem offiziell- en Divisionsrapport schweigend übergehen zu können ­ alles sozusagen als «erlaubte Narrenfreiheit» abhakend, wenn es nur zugunsten des Uno-Beitritts ausgesprochen wird?

Ulrich Schlüer