Nr. 4, 11. Februar 2000
Zur Politik der Schweizerischen Nationalbank
Gold: Reserve von ewigem Wert
Von Haruko Fukuda, Präsidentin des World Gold Council, London
In der ganzen Welt verhalf die auf grosse Goldreserven abgestützte Währungspolitik der Schweizerischen Nationalbank in den vergangenen Jahrzehnten dem Schweizer Franken zu einer geradezu sprichwörtlichen Vertrauensbasis.
Die Schweiz verdankt ihre wirtschaftliche und finanzielle Stabilität in nicht unbedeutendem Ausmass ihrem Bekenntnis zum Gold, das damit auch zu einem Pfeiler der nicht minder hochgeachteten schwei- zerischen Unabhängigkeit wurde. Die Schweiz ist sich, wie Stellungnahmen der Schweizerischen Nationalbank - insbesondere ein vom 24. Oktober 1997 datierter Expertenbericht - beweisen, dieser Tatsache sehr wohl bewusst. Dennoch kamen Experten zum Schluss, die Nationalbank könne die Hälfte der derzeit gehaltenen Goldreserven verkaufen, ohne dass das Vertrauen in den Franken leide. Ob diese Lagebeurteilung richtig war?
Stabilisierende Reserve
Gold war - in guten, vor allem aber
in schlechten Zeiten - ein Pfeiler der politischen Stabilität. Der Verkauf
der Hälfte der schweizerischen Goldreserven könnte die wirtschaftliche und
finanzielle Stabilität der Schweiz beeinträchtigen, zumal die vorgesehenen
Verkäufe in eine eher ungünstige Zeit fallen. Im Rücken der boomenden Börsen
entstand der Papiergoldmarkt als Folge der Absicherung von Krediten für Börsengeschäfte
durch Gold, möglich geworden durch die Gold-Ausleihgeschäfte der meisten Zentralbanken.
Es gibt Experten, die ein baldiges Platzen der daraus entstandenen Kreditblase
voraus- sagen. Dann würde physisches Gold - nicht Papiergold - als nicht
entwertbare Reserve an Bedeutung wieder gewinnen. Welche Rolle kann Gold im
zukünftigen Währungssystem spielen? Der Aufstieg des Euro zur dritten, weltweit gehaltenen
Reservewährung in Konkurrenz zum Dollar und zum Yen könnte die kurzfristigen
Ausschläge der Wechselkurse verstärken. Das ruft nicht nach einer Rückkehr zum
Goldstandard. Aber es unterstreicht die Bedeutung des Goldes als stabilisierendes
Element im inter- nationalen Währungssystem. Diese Lehre vertritt insbesondere Professor
Robert Mundell, Nobelpreis- träger 1999 in Wirtschaftswissenschaften.
Für die Schweiz wird Gold eine wichtige Rolle als Reservemittel behalten - auch wenn zahlreiche Investoren in der ganzen Welt nicht verstehen, weshalb die Schweiz überhaupt Gold verkauft. Einige sagen der Schweizer Währung und der Schweiz als Land als Folge dieser geplanten Verkäufe eine Einbusse an bisher genossenem Vertrauen voraus. Die Schweiz wäre deshalb gut beraten, ihre Gold- politik international anders zu verkaufen: Ziel der Schweiz seien nicht in erster Linie Goldverkäufe, Ziel sei es, mit den der Schweiz verbleibenden 1300 Tonnen Gold ihre weltweit gehaltene Spitzenposition zu behaupten. Eine solche Aussage würde international bedeutende Wirkung erzielen!
Im Land behalten!
Der Schweiz wäre ausserdem dringend
zu raten, das Gold, das die Nationalbank verkaufen will, im eigenen Land zu
behalten. Die OECD sagt allen westlichen Industrieländern, auch der Schweiz,
grosse Probleme im Zusammenhang mit der zunehmenden Überalterung ihrer Bevölkerungen
voraus. Probleme, die auch monetäre Turbulenzen auslösen könnten. Denn grosse
Sparguthaben, jetzt noch von einer der Selbstvorsorge verpflichteten, zunehmend
älter werdenden Generation gehalten, könnten in absehbarer Zeit in umfangreichem
Ausmass verflüssigt werden. In den Vereinigten Staaten und in Grossbritannien
ist diese Entwicklung bereits markant in Gang gekommen. Ob zusätzliche Sparanstrengungen
in «jüngeren» Ländern die sich beschleunigende Liquidation grosser privater
Vermögenswerte in den westlichen Industriestaaten kompensieren können, ist
zumindest ungewiss. Unruhe auf den Kapital- märkten wird sich mit Sicherheit
bemerkbar machen.
Wer sich in solchen Turbulenzen auf Goldreserven abstützen kann, befindet sich in jedem Fall in besserer Position. Die Schweiz weist heute noch - besonders dank ihrem Altersvorsorge-System - das höchste Pro-Kopf-Sparkapital weltweit auf. Sollten all diese privaten Guthaben im Strudel von Wäh- rungsturbulenzen Substanzverluste erfahren, wird sich die Erwartung der Schweizer an ihre Regierung, rechtzeitig notwendige Vorsorgemassnahmen getroffen zu haben, sehr deutlich äussern. Solide Gold- reserven bieten hervorragenden Schutz vor möglichen vermögensentwertenden Turbulenzen auf den Finanzmärkten.
Die USA sorgen vor
Grosse, sorgfältig operierende private
Pensionskassen in den Vereinigten Staaten haben sich genau aus solchen
Befürchtungen in jüngerer Vergangenheit zunehmend mit Gold eingedeckt. Als
stabilitäts- erhaltende Massnahme müsste auch in der Schweiz eine solche Politik
verfolgt werden.
Die 1300 Tonnen Gold, welche zu verkaufen die Schweizerische Nationalbank beabsichtigt, entsprechen einem Wert von ungefähr vier Prozent der von den schweizerischen Vorsorgekassen verwalteten Vermö- gen. Vier Prozent in Gold als Reserveposten in die Portfolios der Versicherungen aufzunehmen, wäre eine äusserst kluge Vorsorgemassnahme. Solides Gold gegen stets schwankende ausländische Reservewährungen einzutauschen, wäre kurzsichtig angesichts dieser Notwendigkeit, den Pensions- kassen mittels Goldreserven eine stabilisierende Stütze im Blick auf mögliche Turbulenzen an den Währungsmärkten zu verschaffen.
Darf ich mit einer Legende schliessen: Ein grosser russischer Opernsänger, Feodor Tschaliapin, verlor in der Russischen Revolution sein gesamtes, sehr bedeutendes Vermögen. Das erschütterte ihn dermassen, dass er nach der Revolution Russland verliess, um sich in Frankreich niederzulassen. Dort begann er, sich mit Goldbarren einzudecken, die er in einem Panzerschrank in seinem Keller verwahrte. Von einer englischen Zeitung auf diese Vorsorgemassnahme angesprochen, erteilte er der englischen Leserschaft folgenden Rat: Könne sich zur Zeit auch niemand vorstellen, die eigene Regierung, das eigene Land könnte einmal zusammenbrechen, so habe er selbst einen solchen Zusammenbruch immerhin erlebt. Er habe erfahren, wie er habe singen müssen, nur um wenigstens mit Sägemehl gestreckten Tee und um mit Holzspänen angereichertes Brot zwecks täglichem Überleben ergattern zu können. Mit den Goldbarren in seinem Keller und mit seinem Taschenmesser sei ihm garantiert, nie mehr Hunger leiden zu müssen.
Haruko Fukuda