Nr. 4, 11. Februar 2000

Der weitere Zerfall des Euro ist vorprogrammiert
Absturz ohne Ende?
Von Bernd-Thomas Ramb

Die Schwäche des Euro ist das selbstverschuldete Ergebnis einer verfehlten Ordnungs- und Wirtschaftspolitik in den wichtigsten EU-Mitgliedsländern. Vieles deutet darauf hin, dass der Absturz der europäischen Währung noch nicht beendet ist. Dies sind die zentralen Aussagen des hier veröffentlichten Beitrags, der im vergangenen Jahr in der Berliner Wochenzeitung «Junge Freiheit» erschienen ist und mit deren freundlicher Genehmigung nachstehend auszugsweise wiedergegeben wird.

Der Niedergang des Euro ist ein Paradebeispiel für den zunehmenden Verfall der politischen Sitten im Maastrichter Europa. Der Werbespruch deutscher Politiker «Der Euro wird stabiler als die Mark» ist noch in jedermanns Ohren, da wird schon die Parole herausgegeben, dass der Wertverfall des Euro nicht mehr öffentlich kommentiert werden dürfe. Als ob das Vertrauen in eine Kunstwährung durch peinliches Verschweigen der Kunstfehler hergestellt werden könnte. Noch trifft die Verlogenheit der Politiker, die mit ihren Stabilitätsbeschwörungen der herrschenden Meinung der Wirtschaftswissen- schaftler widersprachen, auf die apathische Gleichgültigkeit ihrer Wähler, die sich achselzuckend dem scheinbar Unabänderlichen fügen. Das kann sich jedoch schnell ändern, wenn die unausweichlichen wirtschaftlichen Folgen des Euro-Desasters spürbar werden.

Vorerst starrt alle Welt wie gebannt auf die Parität von Euro und Dollar. Nicht, ob der Euro so tief fällt, sondern wann das Gleichgewicht von Euro und Dollar erreicht wird, bestimmt Diskussion und Speku- lation. Dabei ist der Eins-zu-Eins-Kurs zwar ein psychologisch wichtiges Signal, wichtig vor allem für das Ansehen des Euro, aber letztlich ohne gravierende ökonomische Bedeutung. Es gibt kein Natur- gesetz, das den Wechselkurs zweier Währungen gleichsam magisch an die Zahl Eins bindet. Das volkswirtschaftliche Gleichgewicht könnte auch erst bei einem Euro-Kurs von 90 amerikanischen Cents erreicht sein, wie es in der Tat einige Wirtschaftswissenschaftler vermuten.

Ein Viertel seines Startwertes von knapp 1,20 Dollar hätte dann der Euro in weniger als einem Jahr verloren. Da bietet die Tatsache, dass in der kurzen Zeit seiner Existenz keine nennenswerte Inflation zu verzeichnen ist, nur schwachen Trost. Zumal die momentane Preisentwicklung von einigen Sonder- erscheinungen geprägt ist, die rasch ihre Wirkung verlieren können.

Inflation ist vorprogrammiert
Beispielsweise hat der europaweite Preisverfall bei den Telefonkosten durch den verschärften Wettbe- werb im Telekommunikationsbereich den Anstieg des allgemeinen Preisindexes gedämpft. Bei den Gesprächspreisen sind jedoch mittlerweile Tiefpunkte erreicht, so dass künftig der Preisanstieg anderer Produkte und Dienstleistungen stärker den Preisindex bestimmt. Da ist zum Beispiel der steigende Erdölpreis. Auch andere Importgüter müssen in Dollar bezahlt werden. Der sinkende Aussenwert des Euro wird in den EU-Mitgliedsländern daher nicht ohne Auswirkung auf die Entwicklung des Preis- niveaus bleiben. Die Inflation wird in den kommenden Monaten durch den Kursverfall über die höheren Importpreise angeheizt.

Die Gründe für den Verfall des Aussenwertes des Euro sind vielfältig. Keinesfalls zutreffend ist die Behauptung, allein die Stärke der amerikanischen Wirtschaft sei daran schuld. Zwar hat der Euro gegenüber dem US-Dollar am kräftigsten verloren, 16 Prozent in einem Jahr. Im gleichen Zeitraum fiel der Euro jedoch auch gegenüber den Währungen der elf wichtigsten Handelspartner der Euro-Länder, und zwar um rund zehn Indexpunkte.

Die wirtschaftliche Stärke der USA erklärt gewissermassen nur ein Drittel des Euroverfalls. Alle Han- delspartner des Eurolandes haben sich besser entwickelt, der Euroverfall ist somit selbstverschuldet. Gleichwohl sind die Stärken der US-Wirtschaft symptomatisch für die Schwächen des Eurolandes. Mangelnde Flexibilität, insbesondere des Arbeitsmarktes, Überregulierung und hohe Steuern wurden in den USA frühzeitig abgebaut oder beseitigt. In Europa, dessen wirtschaftliche Entwicklung überwiegend von Deutschland geprägt ist, fehlen nach wie vor ernsthafte Ansätze zu einer fundamentalen Reform der verkrusteten Wirtschaftsstruktur.

Hohe Staatsverschuldung
Ein charakteristisches Beispiel ist die ungebrochene Bereitschaft der Euroländer zur Staatsverschul- dung. Italien etwa bekommt eine Sondererlaubnis zur Neuverschuldung, in Deutschland wird durch ein aktionistisches Sparpaket gerade einmal die Zunahme der Neuverschuldung gebremst, von einer Reduktion der Staatsschulden spricht jedoch niemand.

Während die Länder der Europäischen Währungsunion das letzte Jahr mit einem Haushaltsdefizit von 2,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts abschlossen, haben die USA einen Haushaltsüberschuss von 1,4 Prozent erwirtschaftet. Kein Wunder, dass unter solchen Bedingungen die Weltwirtschaft lieber in Amerika oder sonstwo investiert als im Euroraum, geschweige denn in Deutschland. Demzufolge ist nicht nur der Dollar, selbst bei steigendem Wechselkurs, weiterhin sehr gefragt, wegen der wirtschaft- lichen Überhitzungsgefahr verstärkt sich auch der Druck auf die amerikanische Zentralbank, die Zins- sätze zu erhöhen.

Mindestens genauso stark, aber in umgekehrter Richtung, muss sich der Wunsch der europäischen Regierungen entwickeln, die eigenen Zinsen niedrig zu halten oder zu senken. Dabei geht es ihnen nicht nur um einen fraglichen Impuls zur Belebung der Konjunktur, sondern mehr noch um die Vermeidung einer Haushaltsexplosion durch eine höhere Zinsbelastung. In Deutschland wird schon jetzt jede vierte Mark aus Steuereinnahmen für die Verzinsung der Staatsschulden ausgegeben. Eine durchaus denk- bare Verdoppelung des Zinssatzes würde den Staat, der die Hälfte seines Budgets zur Bezahlung von Zinsforderungen aus der Staatsverschuldung verwenden muss, an den Rand der Zahlungsunfähigkeit treiben. Die unvermeidliche Vergrösserung der Zinsschere zwischen den USA und Europa führt aber zwangsläufig zu einem weiteren Absacken des Eurokurses.

Letzte Hoffnung Schröder?
Die erwähnten 90 Cents pro Euro bilden somit keinesfalls eine untere Grenze. Bis zur Null ist noch viel Spielraum. Die Frage ist, bei welchem Kurs die Wähler den verantwortlichen Politikern die rote Karte zeigen. Am ehesten wäre es dem populistisch orientierten deutschen Bundeskanzler zuzutrauen, dass er in dieser Frage einen Wechsel vollzieht. Wenn einer den Euro noch verhindern kann, dann Schröder. Lässt er sich diese Chance entgehen, erledigt sich das Thema Euro auch von selbst, spätestens nach der kommenden Inflation. Die Grundlage dazu ist in der gegenwärtigen Schwäche des Euro bereits angelegt.

Bernd-Thomas Ramb