Nr. 4, 11. Februar 2000

Amerikaner als Herren im fremden Land
Arroganz einer Grossmacht
Von Thomas Meier, Zürich

Die Amerikaner gestalteten die Kurzvisite Präsident Bill Clintons am Weltwirtschaftsgipfel von Davos zu einer eigentlichen Machtdemonstration. Der Beginn des martialischen Auftritts der US-Amerikaner in der Schweiz fand schon Tage vor dem Präsidentenbesuch statt.

Der Flughafen Kloten war gut vorbereitet, als eine gigantische Transportmaschine vom Typ Lockheed Galaxy einschwebte. Ganze Teile des Flughafens waren für die Amerikaner abgesperrt worden, und man hatte eine Hälfte des grossen Bogenhangars der Swissair für die amerikanischen Gäste reserviert. Dem riesigen Transportflugzeug entstiegen nach der Landung Dutzende Soldaten in amerikanischer Kampfuniform, die sich sogleich daran machten, aus dem Bauch des Flugzeugs zwei Präsidenten- Helikopter zu entladen. Gemäss glaubwürdigen Angaben eines Augenzeugen gegenüber der «Schwei- zerzeit», der das Geschehene aus nächster Nähe verfolgen konnte, trugen die uniformierten amerika- nischen Soldaten deutlich sichtbar Pistolen. Die Sprecherin der Flughafenpolizei dementierte jedoch diese Information. «Wir hätten sofort interveniert», erklärte sie auf telefonische Anfrage. Aussage steht somit gegen Aussage. Klarheit wird möglicherweise eine parlamentarische Anfrage schaffen. Die beiden Helikopter wurden zusammen mit einer umfangreichen Ausrüstung, unzähligen Kisten, Scheinwerfern, Generatoren in den Hangar verladen. Für die Bewachung waren bis zur Rückkehr in die USA rund um die Uhr amerikanische Sicherheitskräfte anwesend. Ebenfalls Tage vor dem Eintreffen Clintons erhallte der Himmel über Zürich wiederholt vom lauten Geknatter von vier aus einem amerikanischen Stützpunkt in Deutschland eingeflogenen Sikorsky-Kampfhubschraubern, die ebenfalls zum Schutze des amerika- nischen Präsidenten herbeigeordert worden waren.

Zu den Vorbereitungen des Clinton-Besuchs gehörte auch eine Inspektion des Zürcher Universitäts- spitals durch amerikanische Experten. Obwohl es sich bei diesem Spital unbestritten um eine der modernsten Kliniken der Welt handelt, wollten sich die Amerikaner mit einer Inspektion vor Ort davon überzeugen, ob das Spital notfalls selbst einer so erlauchten Persönlichkeit wie dem amerikanischen Präsidenten die erforderliche medizinische Hilfe angedeihen lassen könne.

Selbstbewusst war der Auftritt der Amerikaner auch in Davos. Im Saal, in dem Bill Clinton eine kurze Rede halten sollte, hatten die Gäste bereits ihre Plätze eingenommen, als grosse Männer mit dunklen Anzügen und Knöpfen im Ohr kurzerhand erklärten, dass die drei ersten Sitzreihen aus Sicherheits- gründen wieder zu räumen seien. Nur der energische Protest der prominenten Zuhörer, darunter Regie- rungspräsidenten europäischer Staaten, liess die Amerikaner schliesslich von ihrem Vorhaben Abstand nehmen.

Am Morgen des Samstags, 29. Januar, schliesslich war es soweit, und der Airforce-One-Jumbo mit dem amerikanischen Präsidenten landete in Kloten. Erste Station war ein Nobelhotel am Zürichberg, wo sich der hohe Gast frisch machen konnte. Die anwesenden Zuschauer staunten nicht schlecht, als beim Einsteigen des US-Präsidenten in den unweit vom Hotel bereitstehenden Hubschrauber ein amerikanischer Soldat in Paradeuniform salutierte.

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Dass sich die Amerikaner bei ihren Auslandauftritten wie Invasoren gebärden, ist nichts Neues. Der Clinton-Besuch in Davos war eine willkommene Gelegenheit, mitten in Europa globale Macht zu demonstrieren. Zwar ist es in der Schweiz gesetzlich verboten, dass ausländische Soldaten Uniformen und Waffen tragen, aber dies kümmert die Amerikaner scheinbar wenig. Erstaunlich ist bloss, dass die zuständigen schweizerischen Behörden diesem imperialistischen Treiben offenbar tatenlos zusehen. Sie scheinen nicht zu verstehen, dass die Amerikaner wohl abtasten, wie weit sie mit ihrer Machtde- monstration in der Schweiz gehen können. Und die Schweizer Gastgeber übersehen, dass sie vor lauter serviler Unterwürfigkeit ihr Gesicht und ihre Glaubwürdigkeit verlieren.

Thomas Meier