Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer

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Am 29. Januar 1999 zum Thema:
Der politische und humanitäre Auftrag der Schweiz in der Welt von heute.

Nur Sackmesser

Seit rund 45 Jahren überwachen Schweizer die Demarkationslinie zwischen
Nord- und Südkorea - «provisorisches» Ergebnis des Koreakriegs 1953. Seit
45 Jahren eine wertvolle Dienstleistung, die zwar nicht «den Frieden»
gebracht, aber doch den Waffenstillstand zuverlässig gesichert, offene Feindseligkeiten
verhindert hat. Kein einziger Schweizer ist dabei umgekommen - obwohl die
Schweizer ihre Aufgabe, zwei Kriegsparteien mittels einer neutralisierten
Zone voneinander zu trennen, unbewaffnet erfüllen - vom legendären
Schweizer Sackmesser einmal abgesehen.
Eine im Rahmen der traditionellen «Guten Dienste» unseres Landes bewältigte
Aufgabe - die jetzt plötzlich nichts mehr wert sein soll?
Denn nicht mehr der beharrliche, Streitparteien in zäher Geduldsarbeit
neutralisierende, konsequenter Unparteilichkeit verpflichtete
Aussöhnungseinsatz ist in Bern gefragt. Bewaffnete, mit Schusswaffen und
Schützenpanzern Ausgerüstete sollen jetzt ins Ausland
geschickt werden!
Bewaffnete - welch attraktive Kulisse für nach aussenpolitischen Lorbeeren
Dürstende! Das Blauhelm-Nein, erst gut vier Jahre alt - was soll's.
Neutralität? Die mag dem Land nützen, nicht aber jenen, die nach Höherem
streben.
Wer je unser Land als «Trittbrettfahrer» internationaler Friedenssicherung
denunziert, nur weil es bisher keine Bewaffneten ins Ausland geschickt hat,
verbiegt die Wahrheit. Die Schweizerinnen und Schweizer wollten nie einfach
abseits stehen, wo Not zu lindern ist, wo - ohne eigene Interessen zu
verfolgen - dem Frieden, der leidenden Zivilbevölkerung geholfen werden
kann. Dieser Aufgabe hat sich die Schweiz immer, wenn sie ihrer Neutralität
treu blieb, auf besondere Weise anzunehmen gewusst. Wie in den letzten gut
45 Jahren zwischen Nord- und Südkorea. Sie bewältigte diese «Guten Dienste»
dort erfolgreich, wo sie sich an nichts anderem als an eingetretener Not
orientierte. Wo sie jede Parteilichkeit vermied, hinter jeder Front, frei
von jeglicher Parteinahme für irgendeine Interessengruppe ihr Wirken
entfaltete. Unbewaffnet! Mit Rotkreuz-Helfern, mit Spezialisten im Dienste
des Katastrophenhilfekorps. Nicht in militärischem Einsatz, wohl wissend,
dass, wer bewaffnet auftritt, immer im Verbund mit anderen Bewaffneten
aufzutreten hat, in einem von Grossmächten und ihren Interessen
beherrschten Verbund, der immer in gewisser Weise Partei ist. Denn wo
Waffen dominieren, sind immer auch Machtinteressen im Spiel.
Die unbewaffneten Einsätze, wie sie die Schweiz leistet, mögen
unspektakulär sein, wenig begehrt von Schlagzeilenjägern.
Dafür dienen sie Notleidenden - und auch unserem Land, weil mit ihnen
unsere Neutralität glaubwürdig, ja erstrebenswert wird.

Ulrich Schlüer

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