Helvetischer Masochismus

Von Prof. Dr. Hans-Georg Bandi, Bern

Über die Lust von Politikern und Kulturschaffenden, das eigene Land mit Schuld zu beladen

Mea culpa - nostra maxima culpa: Der alte römische Spruch für
Schuldbekenntnis feiert heute in Helvetien Urständ.
Zum Prügelknaben, der sich auch noch selbst geisselt, wurden wir spätestens am
8. Mai 1995: Anlässlich eines Rückblicks auf den 50 Jahre zuvor beendeten
Zweiten Weltkrieg entschuldigte sich Kaspar Villiger als damaliger
Bundespräsident öffentlich für das Verhalten der Schweiz während dieser für
Europa und andere Teile der Welt grauenvollen Zeit, insbesondere für die
Abweisung eines Teils der jüdischen Flüchtlinge. Seine Absicht war
zweifellos ehrenwert, aber er übersah dreierlei: dass er als
«Nachgeborener» ohne persönliches Erleben seine Vorgänger der Kriegsjahre
postum anprangerte, für die in äusserst gefahrvoller Zeit die Sorge ums
Überleben der Schweiz oberste Pflicht war; dass die heute geltenden
moralischen Grundsätze nicht unbesehen auf die Zeit der Bedrohung durch
totalitäre Mächte übertragen werden können; und schliesslich, dass seine
Worte im In- und Ausland nicht nur von Leuten ohne fundierte Kenntnisse der
ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Ereignisse als generelles
Schuldbekenntnis der Schweiz aufgefasst würden. Auch den Nestbeschmutzern,
Goldsuchern und Sensationsmachern lieferten sie willkommene Munition für
den Angriff auf unser Land. Jedenfalls war damit der Grundstein für den
helvetischen Masochismus gelegt. Masochismus ist bekanntlich eine
Perversion, die in vorgestellten oder wirklichen Demütigungen, in Qualen
und krankhaftem Schuldbedürfnis Befriedigung findet.

Die sieben Gold-Milliarden
Den zweiten bedeutsamen Markstein des helvetischen Masochismus verdanken
wir der tollkühnen Idee einer «Solidaritätsstiftung». Sie wurde von Arnold
Koller in seiner Funktion als Bundespräsident des Jahres 1997
selbstherrlich und voreilig in die Welt gesetzt. Mit dem jährlich zu
erwartenden Ertrag von etwa 350 Millionen Franken aus 7 Milliarden unserer
Goldreserven sollten «Opfer von Armut und Katastrophen, Genoziden und
anderen schweren Menschenrechtsverletzungen unterstützt werden, je zur
Hälfte im In- und Ausland, selbstredend auch Holocaustopfer». Man konnte
sich des Eindrucks eines Schreckschusses nicht erwehren, mit dem man die
Schweiz aus der Bedrängnis der inzwischen immer aggressiver werdenden
Verunglimpfungen, Forderungen und Erpressungen der grossen Schwester in der
Neuen Welt und ihrer Schützlinge in Israel befreien wollte. Dies anstelle
von völkerrechtlich untermauerbaren, aber vom Bundesrat nicht genutzten
Möglichkeiten, gemäss internationalen Vereinbarungen den masslosen
Angriffen unerschrocken die Stirne zu bieten, wie dies andere Länder getan
haben. Die Solidaritätsstiftung wurde vor allem in den USA und Israel
umgehend als Schuldbekenntnis interpretiert.
Inzwischen ist man sich offenbar auch im Bundesrat des Risikos dieses
Projektes bewusst geworden. Heute ist Ratlosigkeit erkennbar, ein Hin und
Her, und die Vermutung liegt nahe, dass man am liebsten eine
Volksabstimmung umgehen möchte. Längst zeichnet sich Gegnerschaft aus
verschiedenen Lagern ab. Einerseits gibt es in der übermässig
verschuldeten, von AHV-Sorgen geplagten sowie mit NEAT und weiteren
Finanzproblemen konfrontierten Schweiz schon genügend Aspirationen auf die
freizugebenden Erträge der Goldreserven. Andererseits muss man erkennen,
dass der jährliche Betrag von nicht einmal 200 Millionen Franken für die
Hilfe im Ausland nur einen Tropfen auf den heissen Stein darstellen würde,
viel weniger als unsere üblichen Beiträge an Entwicklungsprojekte,
Katastrophenhilfe, Rotes Kreuz usw. Zudem würde die Verteilung enorme
Probleme aufwerfen. Die ausländische Reaktion auf ein Nein von Volk
und/oder Ständen müsste uns der Demütigung aussetzen, wir seien nicht ein
einig Volk von Brüdern, sondern von Krämern. Bleibt somit für die
Initianten nur die Hoffnung, dass der helvetische Masochismus bei einer
Abstimmung zu einem Bussgang mit einer genügenden Zahl von Ja-Stimmen
führen würde.

Bergier-Kommission
Ein weiterer Akt in unserem Masochismus-Theater bestand darin, dass
Bundesrat und Parlament unter Einsatz sehr beträchtlicher, aus
Steuergeldern zu finanzierender Beträge Ende 1996 die «Unabhängige
Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg», vulgo Bergier-Kommission,
mit der sogenannten «Vergangenheitsbewältigung» beauftragte. Nichts gegen die
Absicht, die ganze Wahrheit über das Verhalten der Schweiz während des
Zweiten Weltkrieges abzuklären. Aber die Veröffentlichungen der
Bergier-Kommission zeigen, dass man primär nach negativen Aspekten sucht
und das viele Positive geflissentlich übersieht. Der Berg hat bisher ein
Mäuschen und eine garstige Ratte geboren. Zunächst erschienen anlässlich
der internationalen Gold-Konferenz in London von Ende 1997 Bemerkungen zu
den «Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg», die - wie könnte es anders
sein - nur die Schweiz betrafen. Im Frühjahr 1998 folgte der umfangreiche
Zwischenbericht über «Die Schweiz und Goldtransaktionen im Zweiten
Weltkrieg». Das Mäuschen spielte die Rolle eines als objektiv getarnten
Vorreiters und kündigte an, die Kommission werde «weitere wesentliche
Aspekte abhandeln».
Die Ratte fügte der Schweiz mit ihren unausgewogenen, tendenziösen
Darstellungen innen- und aussenpolitisch schweren Schaden zu. Den
gegnerischen Goldsuchern wurden Argumente geliefert, die zu neuen
Anschuldigungen und Forderungen führten und in den amerikanischen Medien
weitere Angriffe auslösten. Im Widerspruch zu den Bestimmungen für die
Bergier-Kommission unterbreitete diese den «Zwischenbericht» vor seiner
Veröffentlichung nicht dem Bundesrat, sondern trat damit selbst an die
Öffentlichkeit. Im Gegensatz zum sachlichen Bericht von Carl Ludwig über
«Die Flüchtlingspolitik der Schweiz» von 1955, der zusammen mit einer
eingehenden Stellungnahme des damals bereits zurückgetretenen Vorstehers
des EJPD während der Kriegsjahre, Eduard von Steiger, veröffentlicht wurde,
begnügte sich der Bundesrat diesmal mit der nachträglichen Feststellung,
man habe vom Bergier-Bericht Kenntnis genommen und begrüsse es, dass er den
Anforderungen auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Solidarität entspreche. Diese
Formulierung lässt vermuten, dass niemand von den sieben «patrons hélvétiques» die 211 Seiten seriös studiert haben kann. Noch schlimmer: der Bundesrat beschloss,
sowohl von dem Gold-Zwischenbericht als auch von allen vorderhand noch
ungeborenen Elaboraten der Bergier-Kommission Kurzfassungen in den vier
Landessprachen und in Englisch «ad usum delphini» herstellen zu lassen.
Wenn auch diese nicht kommentiert werden, ist es Masochismus in Reinkultur
- finanziert durch Steuergelder!
Offensichtlich wurde die Selbstsicherheit von Herrn Bergier und seiner Crew
(besser wohl: der Bergier-Crew und ihres Chefs) dadurch noch gesteigert. An
der internationalen Konferenz über Raubkunst in Washington von Dezember
1998, wo die Schweiz endlich einmal nicht im Kreuzfeuer stand, legte man
gegen den Willen von Delegationsleiter Thomas Borer, dem Bergier allerdings
nur administrativ unterstellt war, in masochistischer Tradition Papiere
auf, die nichts mit dem Konferenzthema zu tun hatten. Einmal mehr wurde
darin das Ausland auf unsere «Untaten» im Bereich von Goldhandel,
Versicherungswesen und Flüchtlingspolitik aufmerksam gemacht.

Banken-«Deal»
Die Schweizer Banken haben mit Rückblick auf ihre bedauerlichen
Unterlassungen in bezug auf die namenlosen Konten und weil sie vom
Bundesrat im Regen stehen gelassen wurden, ebenfalls Öl ins masochistische
Feuer Helvetiens gegossen. Schon Anfang 1996 schlossen sie mit
massgeblichen jüdischen Organisationen des Auslandes eine
Verständigungsvereinbarung ab, durch welche das «Independent Committee of
Eminent Persons» ins Leben gerufen wurde, das unter dem Namen seines
Präsidenten, des ehemaligen Notenbankchefs der USA, Paul Volcker, bekannt
ist. Dieses soll mit Hilfe internationaler Revisionsfirmen bei uns nach
nachrichtenlosen Vermögen suchen. Die Kosten für dieses Mammutunternehmen
lassen sich heute schon auf über eine Milliarde beziffern. Bisher sind aber
noch nicht einmal für 50 Millionen nachrichtenlose Vermögen aufgespürt
worden. Von diesen fällt zudem längst nicht alles unter den Begriff
«jüdische Fluchtgelder». Viele Beträge gehören Schweizern und waren aus
irgendwelchen Gründen in Vergessenheit geraten.
Ohne Rücksicht auf Verluste für das Image der Schweiz wurde dann 1998 von
den Schweizer Grossbanken auf Grund der berechtigten Befürchtung, von
Finanzgeschäften in den USA ausgeschlossen zu werden, mit dem Machtblock
der amerikanisch-jüdischen Sammelkläger ein 1,25- Milliarden-Dollar-«Deal»
vereinbart. Es störte sie nicht, dass dieser zweifellos weit über alle
belegbaren Forderungen hinausgehende Betrag sofort als Schuldbekenntnis,
als Kniefall der Schweiz interpretiert wurde. Dass Exponenten der
Gegenseite wie Alfonso d' Amato und Edgar Bronfman von Ministerpräsident
Benjamin Netanyahu öffentlich geehrt wurden, hinderte selbst unsern
Bundesrat nicht daran, an der Einladung des Israeli zu einem Staatsbesuch
festzuhalten, sogar als dieser sein Kommen kurzfristig absagte. Ohrfeigen
sind für Masochisten offensichtlich ein Genuss!

Mediale Geschichtspolitik
In das gleiche Kapitel gehört, die Tatsache, dass darauf verzichtet wurde,
die schweizerischen Verantwortlichen für die finanzielle und inhaltliche
Unterstützung des diffamierenden BBC-Films «Nazigold und Judengeld» zur
Rechenschaft zu ziehen. Im Gegenteil: Einer der Hauptschuldigen, Thomas
Buomberger, wurde vom Bundesamt für Kultur mit der Ausarbeitung einer
Studie über «Raubkunst - Kunstraub: Die Schweiz und der Handel mit
gestohlenen Kulturgütern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs» beauftragt. Wie
die NZZ feststellte, enthält der 516 Seiten umfassende Bericht zur
Hauptsache Vermutungen und Verdächtigungen, sogar grenzverletzende, die
nicht einmal vor dem Schreibtisch des verstorbenen Fürsten Franz Joseph II.
von und zu Liechtenstein Halt machen. Fazit: Einmal mehr wird die Schweiz
diffamiert.

Fazit
Was soll dieser absichtlich geförderte und von Unkenntnis getragene
Masochismus? Luzi Stamm hat sich in seinem sehr zu begrüssenden Buch «Der
Kniefall der Schweiz» (1998) Gedanken über die Demontage der Schweiz
gemacht, die auch Antwort auf diese Frage geben könnten: Unwissenheit oder
gezielte Absicht, finanzielle Interessen, Abrechnung mit der
Vatergeneration, Abneigung oder Gleichgültigkeit gegenüber unserem Land,
Abschaffung des «Sonderfalls direkte Demokratie» als politisches Ziel...?
Wie dem auch sei: Wir müssen uns auf die Erkenntnis der alten Römer
besinnen: PRINCIPIIS OBSTA - Wehret den Anfängen! Es lohnt sich, auch bei
uns, obgleich der Masochismus-Wurm schon tief in Tells Apfel eingedrungen
ist.

Hans-Georg Bandi, Bern

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