Nr. 3, 5. Februar 2010

Glossen von Arthur Häny
Eine Begegnung

Letzthin hatte ich eben meinen gewohnten Gang zur Post und zum Einkaufen nach Zürich-Höngg absolviert und stieg in den Bus, zur Rückfahrt nach Hause. An der nächsten Station stieg gleichzeitig mit mir ein Mädchen aus. Es wechselte auch zu der anderen Buslinie hinüber. Als es nun vor mir herging, bemerkte ich, wie schlimm es hinkte. Das eine Bein schien ihm zu kurz geraten zu sein. Es mochte ungefähr zwölf Jahre alt sein, ein sympathisches Mädchen mit schönen, leuchtenden Augen.

«Hast du einen Unfall gehabt?» fragte ich freundlich.

«Nein, Geburtsschaden!» antwortete es, ohne zu zögern.

«O das tut mir aber leid», meinte ich… «und hast du Schmerzen?»

«Ja, Schmerzen schon», meinte es.

Ich fühlte Erbarmen mit dem Kind. «Ständige Schmerzen?»

«Man gewöhnt sich daran. Es gibt Schlimmeres!»

«Wie ist es denn dazu gekommen?»

«Meine Mutter hatte einen Unfall während ihrer Schwangerschaft», sagte es.

Ich dachte, du Armes, so hübsch und lebendig du bist, du wirst Mühe haben im Leben, mit dieser schweren Behinderung!

Als hätte es meine Gedanken erraten, sagte das Mädchen: «Es geht mir sonst ganz gut; ich fürchte mich nur vor dem Alter!»

«Bis dahin hat es ja noch gute Weile!»

Der zweite Bus fuhr heran, wir stiegen ein, und das Kind begrüsste herzlich eine Frau, die es kannte und mit der es sogleich ein Gespräch begann. Es fiel mir auf, wie fröhlich die beiden waren. Das Mädchen stieg dann an der gleichen Station wie ich wieder aus, sagte mir noch auf Wiedersehen und hinkte davon.

*

Diese kurze Begegnung beschäftigte mich. Wie kann das Schicksal so ungerecht sein, dachte ich, dem einen von Anfang an eine so schwere Bürde aufzuladen und den anderen unbelastet zu lassen? Und es kam mir eine Stelle aus Conrad Ferdinand Meyers ergreifender Erzählung «Das Leiden eines Knaben» in den Sinn. Dort sagt der tragische Held der Geschichte, der junge Julian: «Bei keinem Spiele würde ich Sonne und Schatten ungerecht verteilen, und wie kann Gott bei dem irdischen Wettspiel einem einzelnen Bleigewichte anhängen und ihm dann zurufen: Dort ist das Ziel, lauf mit den andern!»

Jedes irdische Wesen, sei es Mensch, Tier oder Pflanze, ist verletzlich. Wir leiden alle an einer beträchtlichen Zerstörbarkeit. Anscheinend unbedeutende Missgeschicke können schwerwiegende Folgen haben. Man ist versucht zu sagen: wer sich keinem Steinschlag aussetzen will, der darf sich schon gar nicht auf die Wanderung über diese raue, gebirgige Erde begeben! Das körperliche Dasein ist nicht nur dem Tod ausgesetzt, sondern auch vielfältigen Schädigungen und Gebrechen, und diese Gebrechen ziehen unweigerlich Leiden nach, sowohl physische als auch psychische Leiden. Zwar entstehen die Gebrechen oft durch irgendeinen Fehler, den man selber oder den ein anderer an uns begangen hat. Doch diese Erkenntnis kann das entstandene Leiden meistens nicht mehr beheben.

Da stellt sich denn die Frage, wer an der Gebrechlichkeit des Daseins eigentlich schuld ist. Kann man Gott die Schuld anlasten, wie Julian, der tragische Held in C.F. Meyers Novelle, es tut? Ich weiss es nicht. Es bleibt ein dunkles Rätsel bestehen. Der Umstand, dass alle, auch die geringfügigsten Ursachen, Wirkungen erzeugen – die ganze Kausalität des Daseins, über Generationen hinweg, ist fürchterlich.

*

Wenn ich mir vergegenwärtige, wie schwer das Mädchen hinkte, dann kommt mir mein eigener schrecklicher Unfall in den Sinn, den ich als fünfjähriger Junge in Rheinfelden erlitt. Die Rollwagen einer Ziegelei, die, mit Lehm beladen, vom Wald herunterfuhren, zermalmten mir den linken Unterschenkel so entsetzlich, dass eine Amputation des Beines unvermeidlich schien.

Was hatte ich denn da für einen Fehler begangen? Ich war zur falschen Zeit aufs Geleise der Rollbahn geraten. Ein paar herumtollende Hunde hatten mich so sehr geängstigt, dass ich im fatalen Augenblick vor ihnen zurückwich und die heranfahrenden Rollwagen nicht bemerkte. Das war, bei meiner kindlichen Angst vor Hunden, nur allzu verständlich. Wie rasch ist solch ein Unglück geschehen!

Doch neben dem Entsetzlichen gibt es auch das Wunderbare im Leben. Ein begnadeter Arzt, Dr. Othmar Häuptli, der eben gerade aus den Ferien zurückgekehrt war, unternahm es im Spital von Rheinfelden, mein Bein zu retten. Und es gelang ihm. Ich verdanke die Rettung seiner hervorragenden chirurgischen Kunst, aber auch den inständigen Gebeten meiner Eltern und anderer liebevoller Menschen. Und wenn ich das bedenke, beginne ich das Leben, trotz seiner Gebrechlichkeit, wieder heller zu sehen. Im ersten Moment hätte niemand geglaubt, mein Bein sei zu retten; Schienbein und Wadenbein waren völlig zerschmettert, der Fuss hing nur noch an Fetzen am Bein, und in einem Protokoll war sogar schon von meinem Tod die Rede.

Es gibt in der Tat noch Wunder, auch solche, die man in langen, schmerzvollen Wochen erdauern muss, wie ich damals. Doch «alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!» (Markus 9, 23).

Ich wünsche dem jungen Mädchen, das so heftig hinkte und trotzdem so viel innere Freude ausstrahlte – ich wünsche auch ihm viele liebevolle Begleiter auf seinen Weg.

*

Arthur Häny