Nr. 3, 30. Januar 2009

Glossen von Arthur Häny
Vom Schreiben


Letzthin dankte mir eine sympathische junge Dame für die Glückwunschkarte, die ich ihr mit ein paar handgeschriebenen Sätzen zum neuen Jahr geschickt hatte.

«Warum habe ich denn keine von Ihnenbekommen?» fragte ich sie.

«Ach wissen Sie», meinte sie etwas verlegen, «wir jungen Leute schreiben eigentlich nicht mehr. Wir schicken einander ein SMS oder hängen uns ans Handy…»

Ich nahm es ihr nicht übel, doch finde ich diese Tendenz bedenklich. Lohnt es sich, nicht mehr zu schreiben, um desto mehr zu reden? Und ist es nicht eher kläglich, einander per SMS dürftige Sprachfetzen zuzuwerfen? Heutzutage herrscht die Mode – und nicht nur unter den Jungen – auf Strassen und Plätzen, in Geschäften und Strassenbahnen, allüberall mit dem Handy am Ohr herumzulaufen und endlos zu reden. Ich meine mich zu erinnern, dass es vor einiger Zeit sogar einen Wettbewerb gegeben hat, wer am längsten am Telefon schwatzen könne… Wo bleibt da die Stille, die uns zur Einkehr führt? Sie leidet unter der Überfülle all des Geredes.

Briefe zu schreiben ist nicht mehr «in» – und dabei war es doch eigentlich etwas Schönes. Man nahm sich Zeit, man stellte sich im Geist auf den Empfänger ein, hatte ihn während des Schreibens ständig vor dem inneren Auge und unterhielt sich in richtigen Sätzen mit ihm! Man hatte es vormals noch nicht so eilig. Aber wer kann dem Zug der Zeit widerstehen? Auch ich selber schreibe ja viel weniger Briefe, seit meine Briefpartner entweder gestorben oder eben – zum E-Mail übergelaufen sind.

Auch ich schreibe jetzt E-Mails. Allerdings bemühe ich mich, sie genau so korrekt zu formulieren wie wenn es eigentliche Briefe wären, die man in den Briefkasten wirft. Zugegeben, die E-Mails haben einen enormen Vorteil: sie erreichen ihre Empfänger allüberall in Blitzesschnelle. Das kann in schwierigen Situationen hilfreich sein, genau wie das Handy. Aber etwas mehr Gemächlichkeit täte uns im allgemeinen nur gut! Die E-Mails sind auch unpersönlicher, weil man sie nicht mehr von Hand unterschreibt, weder mit einem Filzstift noch mit der guten alten Tinte.

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Ja, wer schreibt denn heutzutage noch mit Tinte? Ich musste letzthin drei Tintenfässchen wegwerfen, weil ich sie allzu lange nicht mehr gebraucht hatte. Sie waren vollständig ausgetrocknet. Drei andere Fässchen dagegen hatten der Zeit widerstanden. Und darum holte ich einige emeritierte Füllhalter aus der Versenkung hervor, putzte ihre Federn und füllte sie aufs neue mit dem edlen Schreibe-Saft. Und dann schrieb ich mit einem dieser würdigen Dinger – zwar nicht einen Brief, sondern nur ein Gedicht, das ich dann einer Freundin überreichte, die an ihrem Geburtstag zu meiner Frau und mir auf Besuch kam.

Doch bei dieser Gelegenheit merkte ich aufs neue, dass auch ich ein Opfer unserer schnellebigen Zeit geworden war. Infolge des langen Umgangs mit dem Computer war ich gar nicht mehr gewohnt, von Hand mit einem Füllhalter zu schreiben, und meine Schriftzüge fielen ungelenker aus als die mit dem Filzstift. Der liebe alte «Pelikan» passte mir nicht mehr ganz in die Hand.

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Wie hatte denn einst das Schreiben begonnen? In der Primarschule brauchten wir vormals eine Stahlfeder an einem schlichten Federhalter. Man tauchte diese Feder ins Tintenfässchen der Schulbank ein und kritzte und kratzte drauflos, so gut es eben ging! Und jeder «Tolggen», der einem im Schulheft passierte, war ein Unglück – ein Unglück, das man mit dem Löschpapier oder dem Radiergummi bekämpfte und vor dem Herrn Lehrer möglichst geheim hielt. Aber in der Bezirksschule schrieb ich dann auch schon mit einem «Fülli». Ein markanter Fortschritt! Mit ihm gelang es, reinlicher zu schreiben. Aber auch er war nur eine Station auf dem langen Weg der immer effizienteren Schreibwerkzeuge.

Während der Mittelschule habe ich, glaube ich, schon hier und da die Schreibmaschine meines Vaters benützt. Ich meine, es sei eine «Erika» gewesen. Damit begann der schmähliche Abfall vom eigentlichen Schreiben, dem Schreiben von Hand! Immer mehr kam sie dann an der Hochschule zum Zug. Die erste eigene Schreibmaschine unserer frühen Ehejahre war dann eine «Hermes Baby», ein flaches Klapperkistchen, ein Leichtgewicht in jeder Beziehung. Später erwarb ich mir solidere Schreibmaschinen, zunächst mechanische und später elektrische, die weniger harte Handarbeit verlangten. Dann gab es die Kugelkopf-Maschinen und schliesslich die Modelle mit dem Typenrad. Und jedes Mal stand man, so schien es, an der Schwelle eines neuen Schreibe-Zeitalters! Bis dann der Computer kam und alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte.

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Viele Leute, und nicht nur junge Damen, kommen offenbar mit einem Minimum an Schreiben aus. Manche reden dann desto flüssiger, ihr Element ist das Reden. Es gibt wahre epische Begabungen unter ihnen, deren überbordende Beredsamkeit ich oft mit Staunen zur Kenntnis nehme... Aber auch das Schreiben ist eine Begabung, manchmal geradezu eine Leidenschaft. Es scheint mir völlig sinnlos, einen Schriftsteller zu fragen: Warum schreiben Sie? Leidenschaften lassen sich nicht rational begründen. Wer wollte einen Verliebten fragen: warum lieben Sie? Oder einen Spitzensportler: warum treiben Sie den Sport auf die Spitze?

Eher könnte man den Schriftsteller fragen: Was stellen Sie dar, was holen Sie herein in die Sprache? Und da würde man entdecken, dass sich, zumal im Bereich des dichterischen Schreibens, die Aussagen im Lauf der Zeiten sehr viel weniger geändert haben als die Schreibe-Technik. Denn ein Liebeslied Catulls drückt einen ähnlichen Überschwang der Gefühle aus wie ein Gedicht des jungen Goethe. Und ein ironisches «Göttergespräch» von Lukian ist vergleichbar mit einem spöttischen Text von Heinrich Heine. Und beim urchigen Erzählen Gotthelfs fühlt man sich hier und da an Homer erinnert. Das Menschliche bleibt sich im Grunde immer sehr ähnlich, ob man nun, wie die alten Ägypter, mit dem Rohrpinsel auf Papyrus schreibt – oder ob man, wie die Römer, mit dem Griffel auf Wachstäfelchen ritzt – ob man den Gänsekiel in die Tinte taucht oder mit einer Schreibmaschine klappert. Wie ja auch die Erde, trotz aller technischen Errungenschaften, noch immer dieselbe bleibt.

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Arthur Häny